And-Ek Ghes…

Sektion: Forum / R: Philip Scheffner, Colorado Velcu / D 2016

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Bereits die erste Einstellung von And-Ek Ghes (übersetzt: “One fine day”) ist geprägt von reflexiven Elementen und kündigt die Meta-Ebenen des gesamten Films an: Co-Regisseur Colorado Velcu sitzt in der Kabine eines Tonstudios, während sich sowohl die Kamera als auch der zweite Regisseur Philip Scheffner in der Glasscheibe spiegeln. Velcu wird eine Passage des von ihm eingesprochenen Voice-Over vorgespielt, woraufhin er entscheidet nochmal von vorne zu beginnen. Nicht nur diese Methode der Wiederholung und möglichen Anpassung des Gesprochenen ruft Scheffners letzten Film Revision in Erinnerung, auch die Protagonisten sind dieselben, was And-Ek Ghes zumindest vordergründig den Charakter einer Fortsetzung verleiht. Eine entscheidende Abgrenzung zu Revision stellt allerdings neben der Thematik vor allem die kollaborative Arbeitsweise dar, denn nachdem der Umzug der Roma-Großfamilie nach Deutschland ursprünglich nur von Scheffner filmisch dokumentiert wurde, entwickelte sich das Projekt bald zu einer Gemeinschaftsarbeit. Mit eigener Kamera ausgestattet inszenieren die Familienmitglieder kleine Szenen, fangen spontane Momentaufnahmen ein oder probieren sich schauspielerisch aus (Höhepunkt der ausgelassenen Kreativität ist das konsequent kitschige Musikvideo zum eigens komponierten Titelsong des Films). Der Neuanfang in Berlin und die Schwierigkeiten des Alltags im fremden Land – von Sprachproblemen über bürokratische Hürden bis hin zu verspäteten Gehaltszahlungen – werden auf vielfältige Weise dokumentiert und gleichzeitig durch Colorado Velcus Tagebucheinträge in Form eines Voice-Over kommentiert. Zu den Aufnahmen der Familie mischt sich Scheffners Material, wodurch eine inhaltliche und auch formale Vielfalt hinsichtlich der Qualität entsteht: von verpixelten Handyvideos bis zu HD-Aufnahmen ist alles dabei. Permanent reflektiert werden aber nicht nur die Arbeit am Film und die Gedanken, die in jede Szene einfließen, prägendes Element ist ebenso eine direkte Reflexion des Gefilmten. Beispielsweise sitzt die Familie gemeinsam vor einem Laptop und schaut sich die Aufnahmen an oder Velcu kommentiert – mal aus dem Off, mal während des Filmens – was die Motivation bestimmter Vorgehensweisen ist und wie sich einzelne Momente im Verhältnis zum Gesamtkonzept stehen. “Philip will like this. This he’ll keep in the film.”, sagt er an einer Stelle und verweist damit nicht nur auf Überlegungen im Schnitt, sondern auch auf eine bestimmte Rollenverteilung zwischen den beiden Regisseuren. Der Großteil des Materials kommt von Velcu, aber die Auswahl bzw. Zusammenstellung erfolgt scheinbar nach wie vor durch Scheffner.

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Durch und durch reflexiv hinsichtlich der eigenen Erlebnisse sowie des Filmemachens fügt sich dem Film dann bei der Premiere eine weitere, mindestens genauso spannende Ebene hinzu: Die vorderen Reihen des Saals sind mit den Protagonisten selbst, deren Freunden und Verwandten gefüllt, was zu einer enorm vielschichtigen Rezeptionssituation führt. Zu den “normalen” Reaktionen mischen sich Lacher und Kommentare, die offensichtliche Insider-Witze sind oder für die Familienmitglieder eine andere Bedeutung haben als für den Rest des Publikums. Neben einer innerfilmischen Neubewertung der Aufnahmen erfolgt diese auf Seiten der Protagonisten ein zweites Mal während der Vorführung im Kino, es findet eine Reflexion der Reflexion statt. Dieser Zustand führt auch zu einer Neudefinition von Beobachterpositionen, denn die Gefilmten sind gleichzeitig die Filmenden, sie reagieren auf die eigenen Reaktionen und kommentieren bereits Gesagtes erneut – und als Zuschauer richtet man die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Leinwand, sondern zusätzlich auch in den Innenraum des Kinosaals.

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