American Drummer

Egal, ob Militär, Sport oder Tanz, Ausbilderfilme funktionieren stets nach dem gleichen Muster: am Anfang stehen Wille und Versagen. Der Rookie muss erst mal durch den Ausbilder gebrochen werden. Der Ausbilder ist meist ein erfahrener alter Mann, der viel durchgemacht hat und weiß, wovon er redet. Seine Methoden sind gemein, demütigend und brutal, viele gehen daran zugrunde, aber er meint es nur gut, denn er weiß, wie die Welt funktioniert. Und er hat Humor, den er unerlässlich in kreativen Neuschöpfungen wüster sexuell demütigender Beschimpfungen zum Besten gibt. Der Weg zur Meisterschaft geht für den Rookie mit Entbehrung einher: Gesundheit, Sicherheit und ein Privatleben gibt es nicht mehr. Familie, Freundschaft und Genuss stehen dem Erfolg im Weg. Aber am Schluss zahlt es sich aus, wenn man besonders gut seinem Land dient oder ganz oben mitspielt.

Whiplash ist ein ganz besonders widerwärtiges Beispiel dieses Genres. Es ist kaum zu glauben, wie sehr der Film an diese Moral glaubt. Ja, die Methoden des Dirigenten (J.K. Simmons) sind gemein, aber das Blut und der Schweiß des Drummers (Miles Teller) werden trotzdem immer wieder in Großaufnahme zelebriert, die sexuellen Verbalexzesse (fast jeder Spruch geht mit der Herabsetzung von Schwulen einher) fast episch ausgebreitet. Man darf seine Schüler nicht loben, sonst würden sie nie den Ehrgeiz entwickeln, den es braucht, um einer der ganz Großen zu werden, so lautet die Philosophie des Dirigenten. Dabei geht es ihm nie um Karriere oder Ego, sondern allein um die Musik, um guten Jazz, versteht sich. Und deswegen darf der Drummer beim letzten Konzert zur Großform auflaufen, wenn er mit den selben Mitteln spielt wie sein Lehrer. Und erst wenn sie auf der Bühne gegeneinander zum Duell antreten kämpfen sie gemeinsam für die Sache.
Bezeichnenderweise kam Whiplash hierzulande fast gleichzeitig mit American Sniper ins Kino, beides Filme, die die Geschichte von harter Arbeit, Erfolg und Selbstaufgabe unfassbar ungebrochen erzählen. Sniper schneidet die Ausbildung parallel mit dem ersten Sex, den Kampfeinsatz mit der Geburt des ersten Sohnes. Und bei Whiplash ist es der erste Erfolg beim Drummen, der einher geht mit dem ersten Date. Und wo der Sniper den wiederholten Auslandseinsatz dem Glück der Familie vorzieht, gibt der Drummer seiner Freundin einen Korb, damit er mehr Zeit zum Üben hat. Man kann nicht beides haben, du musst dich entscheiden: Patriot oder Kuscheln mit der Familie, Freundin oder Musik, Ruhm oder Anonymität. Dass es noch unendlich viel dazwischen gibt, dass die interessanteren Geschichten nicht bloß aus diesen binären Polen bestehen, kommt diesen Filmen nicht in den Sinn. Und im Grunde ist Whiplash noch verlogener als American Sniper, da er nur vorgibt, die Geschichte des Rookies zu erzählen, in Wahrheit aber viel mehr am Ausbilder interessiert ist, dessen Methoden er als das Erfolgsrezept verkauft. In beiden Filmen werden die Protagonisten als Einzelkämpfer erzählt, der einsame Sniper auf dem Dach, die Einsamkeit des Drummer als Taktgeber für die anderen Musiker. Das beide aber in größere Einheiten eingebunden sind, in die Armee, in das Orchester, ohne die sie kaum etwas ausrichten würden, wird ebenfalls unterschlagen. Diese Filme, und es ist zu befürchten, dass noch mehr folgen werden, erzählen uns in radikaler Klarheit, dass es nur mehr auf den Einzelnen ankommt. Die Ex des Drummers hat am Schluss einen neuen Freund, aber der Drummer den Erfolg auf der Bühne. Der Schluss des Films stellt nicht mal mehr die Frage nach dem, was mehr wert sein könnte. Er schreit dir entgegen, dass es der Kampf und der Erfolg ist.

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>