“America isn’t a country – it’s a business”

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(Minor spoilers ahead!)

Andrew Dominik setzt mit seinem ebenso zynischen wie ruppigen Noir-Krimi von Anfang an auf Dissonanzen. An eine gesprungene Schallplatte erinnernd wird im Laufe der Titelsequenz fortlaufend eine vertraute Stimme unterbrochen – jene von Barack Obama. Schrift und Bild erscheinen ohne ein nachvollziehbares Muster auf der Leinwand, die zersprengten Bestandteile untergraben aufgrund ihrer arhythmischen Anordnung die ansonsten vertraute, als fließend empfundene Einheit aus Bild, Ton und Text. Ein eindrucksvoller Einstieg zu einem bemerkenswerten Film, dessen Inhalt zunächst weit weniger originell zu sein scheint, als die überaus gelungene Inszenierung. Den für meinen Geschmack oftmals allzu rasch angeführten Style-over-substance-Vorwurf, der auch Killing them Softly zu Lasten gelegt wird, halte ich jedoch für unangebracht. Der Film vereint schmutzig-unterhaltsames Genre-Kino mit einer bissigen Gesellschaftskritik, die immer wieder zurück zum Namen findet, der durchaus als Leitmotiv gesehen werden kann.

Wer Georg Trakls Gedicht „Im Winter“ gelesen hat wird mir wohl zustimmen, dass die Vorstellung von einem sanft am Rhein verblutenden Reh nicht die romantischste ist. Ganz ähnlich verhält es sich mit Killing them Softly: Die zärtliche Umschreibung der letzten Instanz mutet eher wie ein falsches Versprechen an, das man ebenso wenig glauben mag, wie die ausufernden Reden von großen Veränderungen, die während der Präsidentschaftswahlen im Jahre 2008 Amerika dominierten. Obama vs. McCaine, in erster Linie ein medial ausgefochtenes Scharmützel, dient als der grundlegende Tonus des Streifens, der auf mehreren Sinnesebenen reflektiert wird, was auf verbaler Ebene in einer durchaus klaren sowie direkten Weise geschieht. Auf der Bildebene hingegen wird es mitunter experimentell, was aber keineswegs stört, sondern der Darstellung der Problematik in die Hände spielt.

Killing-Them-Softly-Ray-LiottaNew Orleans, 2008. Johnny Amato (Vincent Curatola), ein barscher Wäschereibesitzer, plant einen Überfall auf eine Pokerrunde. Organisator und Mafiosi Markie Trittmann (Ray Liotta) soll als Prellbock herhalten, da er selbst einmal in solch einen Überfall verwickelt war und dies später unter Alkoholeinfluss seinen Mitspielern erzählte. Ausführen soll den Auftrag der Kleinganove Frankie (Scoot McNairy). Dieser heuert als Gehilfe seinen heroinabhängigen Kumpel Russell (Ben Mendesohn) an, der ebenso wie er von Geldnot getrieben ist und die große Kohle wittert. Trotz ihrer Amateurhaftigkeit gelingt der Coup. Trittmann, der Teil der Pokerrunde war, ist außer sich und heuert über einen Dritten (Richard Jenkins) den berüchtigten Auftragskiller Jackie (Brad Pitt) an, um die beiden ausfindig zu machen, getrieben von der Angst, die Tat könnte mit ihm in Verbindung gebracht werden, obwohl er nichts damit zu hatte. Als Jackie erfährt, dass Amato hinter der Sache steckt, kontaktiert er seinen Freund und ebenso Auftragsmörder Mickey (James Gandolfini), da er Amato persönlich kennt und ihn deshalb nicht selbst töten möchte. Mickey jedoch ist ein gebrochener Mann, alkoholkrank und sexbesessen, weswegen sich Jackie der Sache selbst annehmen muss. Und auch abgesehen davon kommt einiges anders, als es zunächst geplant war, da Jackies Philosophie des Tötens eine ganz eigene ist…

KtS_1Ähnlich wie in Kelly Reichardts Independentfilm Old Joy ist, neben dem Fernseher, das Autoradio auch hier ein Transmitter von Polit-Talks und schlechten Nachrichten, so gesehen ein ständiger Begleiter der Charaktere im Film. Das mag zuweilen etwas aufgesetzt wirken, erfüllt jedoch den Zweck, die Allgegenwärtigkeit der medialen Beschallung ins Zentrum zu rücken. Unter anderem das macht Killing them Softly zu einem politischen Film, mit dem Dominik ganz klar Stellung bezieht. Darüber hinaus sind der Entscheidung, den Roman “Cogan’s Trade” von George v. Higginss zu verfilmen und dessen Inhalt in die heutige Zeit zu übertragen, entlarvende Tendenzen immanent. So geht es um Menschen und deren festgefahrene Schieflagen im Zusammenhang mit sozialpolitischen Realitäten, die sich durch einen undurchdringbaren Sumpf kämpfen müssen, der sie stets ganz unten hält. Hier ist kaum einer kriminell, weil er sich großen Ruhm erhofft. In erster Linie ist Geld ein Überlebensmittel im Spätkapitalismus aufgrund einer mangelnden Grundversorgung – und jeder kämpft für sich alleine. Geld stellt also weniger ein Statussymbol als eine Notwendigkeit dar.

Ebenso wenig sind Drogen im Film ein geeignetes Mittel zur Flucht vor der Realität. Und mal abgesehen davon, dass der Stoff – im doppeldeutigen Sinne – ein anderer ist: Während Oliver Stones gamma-übersteuerter Neo-Hippie-Streifen Savages eine Ode an edles THC darstellt, das guten Sex sowie Hochgefühle zur Folge hat, verkümmern Leib und Geist in Killing them Softly. Mickeys Alkohol- und Sexeskapaden sind in ihrer Mise-en-scène weit entfernt vom quietschbunten Stone(r)-Theater, sondern ein fahlgrauer Fall in ein Loch, der irgendwann mit einem heftigen Aufschlag sein Ende findet. Und die Realität bleibt immer diesselbe. Die Droge als Möglichkeit der Realitätsflucht versagt hier an sich selbst, weil aus der Wirklichkeit heraus keine Ausbruchsmöglichkeit besteht, was Dominik besonders in einer Szene verdeutlicht, in der sich Russell einen Schuss setzt. Das anschließende Gespräch mit Frankie verkommt zu einer albtraumhaft-somnolenten Rauscherfahrung, zuweilen steckt man gar in Russells Körper und erlebt sein Delirium aus einer Subjektiven. Die Umgebung mutet dann gleichermaßen verzerrt an wie Frankies Stimme und auch dessen eigene, die plötzlich ein Fremdkörper zu sein scheint. Und bevor Russells Bewusstsein sein Heil in einem flirrenden Lichtkegel findet, reißt ihn Frankie durch frenetisches Schnipsen aus seiner Traumwelt heraus. Wie nach einer Ohrfeige sitzt dann jener dort – versifft, verschwitzt und mit haufenweise Problemen, die wie das Damoklesschwert über ihm hängen.

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Dominik lässt stets Fassaden bröckeln, was sich nicht nur in schwarzhumorigen Einlagen – wie etwa Russells Fahrt mit gestohlenen Rassehunden, die sein Auto verdrecken – offenbart, die von brutalen, augenzwinkerfreien Gewaltszenen konterkariert werden. Erwartet man nach Mickeys Ankunft am Flughafen und seinem Slow-Motion-Schlendergang einen Hardliner vom Kaliber eines Il Duce, sieht die Realität ganz anders aus. Und auch Jackie ist nicht der, der er vorgibt, zu sein. Sein Paradigma des sanften Tötens zu Gunsten der Opfer, denen man ein überraschendes, schnelles Ende bereiten müsse, bricht spätestens mit der vielerorts kritisierten Bullet-Time-Sequenz, in der Jackie ein Opfer in einem Drive-by-Shooting erschießt. Vergleichbar mit den Shootouts in Pete Travis’ Dredd 3D verbucht jede einzelne Kugel beachtlich viel Screentime, bevor sie blutig einen Leib durchschlägt. Wird dies in Dredd durch die Droge “Slo-Mo” erklärt, die dem Gehirn vorgaukelt, alles würde in Zeitlupe ablaufen, eruptiert in Killing them Softly das Filmtitel-Motiv in einem zynischen Ausbruch: Zu Kitty Lesters „Love Letters“ und geschmeidig fallenden Regentropfen bersten Kugeln durch die Autoscheibe, deren gläsernen Fragmente ein Lichtspiel entfachen, während der Scheibenwischer ähnliches mit den Regentropfen anstellt. Die morbide Ästhetik geht schließlich soweit, dass Blut und Schädelsplitter durch die Gegend fliegen. Die angekündigte sanfte Tötung ist folglich nichts weiter als Jackies Rechtfertigung für das eigene Handeln, eine Art „Schönreden“, das nun in ein „Schönzeigen“ übergeht und somit als selbstreflexive Antithese – auch im filmsprachlichen Sinne – gesehen werden kann. Denn auch wer sanft und langsam stirbt, ist am Ende tot, auch wenn die Form eine andere sein sollte.

killing-them-softly10Bringt man dies mit der amerikanischen Politik auf einen Nenner, dann findet man auch hier gewisse Formen vor, besonders jene des Sprechens. Wenn Jackie in einer Kneipe sitzt, im Fernsehen eine Wahlkampfrede zu sehen ist, die er mit sarkastischen Bemerkungen kommentiert und vorwegnimmt, was noch gesprochen wird, dann brechen hier Worte, die nicht mehr zu sein scheinen als leere Hülsen. „Wir sind alle gleich, wir sind ein Volk, alle haben die gleichen Chancen“, posaunt Obama. Die Realität ist jedoch eine ganz andere, wie man weiß. Dass Amerika kein Land, sondern schlichtweg ein Business ist, sind nicht nur Jackies – der im Grunde ein Geschäftmann ist – letzten Worte, sondern konnten so wohl nur in einer Kneipe formuliert worden. Denn der ganze Film mutet letztendlich an wie ein alkoholgeschwängerter Kneipentalk, bei dem jeder seine Meinung sagt und mal ordentlich auf den Tisch klopft. Manche nennen das platt und eindimensional, ich sehe darin – angesichts der formalen Rahmung – einen hervorragend inszenierten, schwarzhumorigen sowie perfekt besetzten Sucker Punch, der einem unter anderem vor Augen führt, wie wichtig es ist, stets hinter die Kulissen der Formen und Wörter zu blicken. Vor allem dann, wenn sie aus dem Mund mancher Politiker kommen.

Killing them Softly, USA 2012, 99′
Regie & Drehbuch: Andrew Dominik
Kamera: Greig Fraser
Darsteller: Brad Pitt, Ray Liotta, James Gandolfini, Vincent Curatola
Verleih: Wild Bunch/Central
Kinostart: 29.11.2012

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