Adam – Being Yourself…

Natürlich sollte jede*r über sich selbst lachen können. Sich nicht zu ernst nehmen. Selbstironisch die eigene Position hinterfragen. Vom hohen Ross hinabsteigen und mit anderen in Dialog treten. Diskutieren. Reflektieren. Dazu soll Adam – Being Yourself… die LGTB*-Szene anregen – allerdings ist dieser Film dafür kaum geeignet.

Adam ist sechzehn, ein bisschen langweilig, und will unbedingt bei Mädchen landen, hat dabei aber kein Glück. Da kommt es ihm gelegen, dass seine ältere Schwester Casey ihn zu sich nach New York einlädt, um dort den Sommer zu verbringen. Casey ist lesbisch und in der LGTB*-Szene aktiv, wodurch auch Adam die Szene kennenlernt. Aufgrund seiner Heterosexualität und dem generellen Wohlfühlen als der Mann, als der er geboren wurde, fühlt er sich fehl am Platze und weiß nichts Besseres zu tun, als Protestschilder auf Märschen hochzuhalten, deren Slogans Casey ihm zuvor diktiert hat. Auf einer Party im Anschluss eines Protestes trifft er Gillian, in die er sich sofort verliebt. Tatsächlich entspinnt sich nach einigen Startschwierigkeiten eine Sommerromanze zwischen Adam und Gillian, doch die Liebelei hat einen Haken – sie basiert auf Lügen. Adam schummelt sich ein paar Jahre älter, schwindelt ein Studium vor und fügt sich sogar Gillians Irrtum, dass er ein Trans*Mann sei.

Dass Adam – Being Yourself… auf mehr als einer Ebene problematisch ist, dürfte die kurze Inhaltsangabe bereits angedeutet haben. Um seine Scharade zu perfektionieren, lernt Adam die Aussagen echter Trans*Männer auswendig, die ihre Erfahrungen über YouTube teilen, und eignet sich alles an, was er aus Büchern oder online in Erfahrung bringen kann. Selbst das Abbinden der Brust mit Verbänden übt er fleißig vor dem Spiegel, nachdem er sich seine falsche Biografie zurecht gesponnen hat. Tatsächlich kann er damit überzeugen, niemand schöpft Verdacht. Selbst Gillians Zweifel kann er zerstreuen, also ahnt sie nichts, als sie mit Adam schläft. Umständlich und hilflos versucht er, auch in dieser Situation als trans* zu passen, was ihm auch gelingt.

Nicht nur, dass Adam sich Gillians Konsens erschwindelt und sie mit einer Person schläft, die überhaupt nicht existiert, scheint es etwas taktlos tatsächlichen Trans*Personen gegenüber, dass sich ein CIS-Mann ihre Geschichten aneignet und befürchten muss, als nicht-trans* aufzufliegen. Es ist zu vermuten, dass der ursprüngliche Plan dieses Films wahrscheinlich vorsah, das Leben als Teil der LGTB*-Szene zu überspitzen und auf den Kopf zu stellen, doch das ging nicht auf. Wo Adam bei seiner letztendlichen Enttarnung zu Recht als Lügner dasteht und seine Chancen bei Gillian gänzlich verspielt hat, ist es als Trans*Person im realen Leben unter Umständen sogar lebensbedrohlich, geoutet zu werden. Dieses Spießumdrehen funktioniert also ebenso wenig wie die Verkleidungsklamotte, die Adam Gillian und den Zuschauer*innen vorspielt – aber ist ja alles nur halb so wild gewesen. Schließlich hat Gillian inzwischen bemerkt, dass sie nicht lesbisch, sondern bisexuell ist, trotzdem gibt sie Adam aber den Laufpass. Sogar der trans*männliche Mitbewohner von Casey, den Adam lange Zeit für einen CIS-Mann hielt und deswegen nach Dating-Tipps gefragt hat, verzichtet darauf, Adam deutlich zu machen, was er eigentlich getan hat. Mit mehr Glück als Verstand kommt Adam mit einem metaphorischen blauen Auge davon. Dass mit Rhys Ernst hier tatsächlich ein Trans*Mann Regie geführt hat, scheint unglaublich.

Aufgrund seines kontroversen und mitunter auch an die Grenzen der Geschmacklosigkeit stoßenden Inhalts wird Adam – Being Yourself… sicherlich noch eine Weile im Gespräch bleiben. Kinematografisch betrachtet ist er zwar schön anzusehen und gelungen, allerdings auch recht unspektakulär. Solide, mitunter mit Vaporwave-Ästhetiken spielende Bilder werden von einem für das Jahr 2006, der Zeitpunkt, zu dem die Handlung spielt, viel zu modern scheinenden Soundtrack untermalt. Wieso der Film ausgerechnet im Jahr 2006 spielen muss, bleibt unklar. Für jene, die zu jener Zeit in New York unterwegs waren, dürfte sich der zeithistorische Bezug möglicherweise erschließen, alle anderen bleiben etwas irritiert zurück. Doch jene Irritation ist aufgrund der erwähnten inhaltlichen Kontroversen schnell vergessen – dringender als die Frage nach der Bedeutung des Jahres 2006 scheint die Frage nach der beabsichtigen Aussage, die dieser Film machen wollte, und welches Publikum erreicht werden sollte.

Adam – Being Yourself… ist auf dem Internationalen Filmfest am 20.11. um 19:00 Uhr zu sehen

Sprache: Englisch
Untertitel: ohne
Regie: Rhys Ernst
Buch: Ariel Schrag
Kamera: Shawn Peters
Schnitt: Joe Murphy
Musik: Jay Wadley
Mit: Nicholas Alexander, Bobbi Salvör Menuez, Margaret Qualley
Produktion: Howard Gertler, James Schamus
Produktionsfirma: A Symbolic Exchange, Little Punk Production
Verleih: Salzgeber
96 Min., Farbe, DCP

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