Abrakadabra

Abrakadabra stellt nach Francesca und Sonno Profondo den Abschluss der Neo-Giallo-Trilogie der Onetti-Brüder dar. Ganz dem Genre verfallen, als dessen bekanntester Vertreter sich wohl Suspiria behaupten kann, darf es an der Kriminalgeschichte und der Überstilisierung nicht fehlen.

Die schnell zusammengefasste Handlung, in der der Zauberer Lorenzo und Sohn des dreißig Jahre zuvor auf der Bühne erschossenen Dante der Große sieht sich kurz vor seinem nächsten großen Auftritt mit einem Mord einer Frau während der Proben konfrontiert und versucht gleichsam diesen Fall aufzulösen wie auch seine eigene Haut vor bösen Mächten zu bewahren, ist dem Genre üblich simpel gestrickt. Vielleicht aber zu simpel. Nach dem erwähnten Mord begibt sich Lorenzo zwar auf der Suche nach dem Täter, aber diese führt zu allzu wenig. Weder kommt er an die verdächtigte männliche Figur heran, noch bietet uns der Film auf diesem Wege interessante Situationen. Lose zusammenhängende Observationen von unterschiedlichen Personen bieten außer der Enthüllung einiger Beziehungskonstellationen kaum weiteren Unterhaltungswert als die Kulisse, die sie rahmt. Erstaunliche architektonische Bauten, Muster und mystisch anmutende Fassaden können nicht davon ablenken, dass das klischierte Pokerspiel mit dem Bösewicht samt haushohem Sieg und strafender Prügel nur Genrenormen oder müde hereingepresste Dusch- und Sexszenen den Male Gaze bedienen. Inwiefern veraltete Geschlechterverhältnisse, die bei der männlichen Besetzung des Täters und der weiblichen Besetzung der Opfer erneut zu beobachten ist, ebenso tradiert werden müssen wie ästhetische Merkmale des Genres, bleibt sehr fraglich. Hätte man hier nicht das Neo im Neo-Giallo stark machen können? Nur das Ende mag noch zu überraschen, wenn in einem mindestens doppelten Twist Charakteretablierungen über den Haufen geworfen werden und die filmische Handlung genau wie ihre Struktur abbricht und in sich zusammenfällt.

Auf ästhetischer Ebene holt Abrakadabra alles aus der Trickkiste, was der Giallo-Film zu bieten hat. Kaum eine Einstellung kommt ohne übersättigte Blau- und Rottöne aus. Dutch Angle, sich drehende Kameras, oftmals ein wenig verschobene Kameraeinstellungen und selbst die stark von den Lippenbewegungen abweichende Syncronisation samt künstlicher, selektiver Tonkulisse sollen an die Genrelieblinge der sechziger und siebziger Jahre erinnern. Desorientierende, rasante Schnitte und Einstellungen schaffen es teils ein Unbehagen zu erzeugen, das auf dieser Ebene selten erreicht wird. Bild-in-Bild-Montagen schaffen es sogar kurz ein räumliches Konstrukt zu illusionieren, um es kurzerhand wieder mit einem Griff in das andere Bild zu brechen. Nur leider kommt insbesondere in der zweiten Hälfte das Gefühl auf, dass sich diese Kreativität verloren hat und immermehr auf konventionelle Bildgestaltung umgestellt wird. Auch die Morde enttäuschen, wenn man sich auf den typischen Gore eingestellt hat. Im Gegenteil scheint es so als würden sie die langatmigen, detaillierten Mordszenen unterlaufen, indem sie sie so kurz wie möglich gestalten. Guillotine, Psycho-esk schnelle Stiche oder ein Schuss ins Gesicht geben ein Bild davon wie schnell hier ein Menschenleben vorbei ist. Von einer Ästhetisierung des Mordes kann hier also nicht die Rede sein, sondern von allem das sich darum ereignet.

So kommt Abrakadabra als Neo-Giallo größtenteils veraltet daher. Klischierte Geschlechterverhältnisse und die zähe Narrative können nur streckenweise von einer ohnehin bekannten Ästhetik überschattet werden und auch das Ende rechtfertigt den Weg nicht. So ist zwar schön zu sehen, dass solch Nischengenres von Liebhabern weitergeführt werden, aber sollte sich nicht allzusehr auf die Hommage ausgeruht werden.

Abrakadabra ist auf dem Internationalen Filmfest am 21.11. um 23:15 Uhr zu sehen.

Abrakadabra, ARG, NZL 2018, 90 Min.
Regie: Luciano Onetti, Nicolás Onetti
Drehbuch: Carlos Goitia, Luciano Onetti, Nicolás Onetti
Kamera: Carlos Goitia
Schauspieler*innen: German Baudino, Raul Gederlini, Clara Kovacic
Verleih & Bildrechte: Cinestrange Extreme

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