A Taste of Ink

Vincent (Kévin Azaïs) ist 25 Jahre alt und lebt in den Tag hinein. Gerade erst hat er seine Mutter an den Krebs verloren. Zu seinem Vater Hervé (Nathan Willcocks) hat er eine schwierige Beziehung. Besonders da dieser ihn für einen Taugenichts hält.  Da wird es für den Hausfrieden nicht einfacher, als der Vater eine neue junge Freundin anschleppt, für die sich auch Vincent zunehmend interessiert.

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Die Figur von Vincent wirkt ein wenig kindlicher, als sein Alter und sein Aussehen vermuten lässt. Sein Zimmer erinnert an ein Kinderzimmer eines 15 Jährigen. Seine blaue Tapete zeigt Bilderbuchartig gezeichnete Motorradfahrer, daneben hängt ein Poster aus dem Anime „Dragon Ball Z“.  Da er keine berufsqualifizierende Ausbildung absolviert hat und kaum selbst Geld verdient, muss er zwar wohl notgedrungen bei seinem Vater wohnen, trotzdem wirkt er damit nochmal unselbständiger. Dazu kommt, dass er in einer Hardcore-Punk-Band singt, aber keinerlei Talent dafür besitzt. Seine Stimme versagt kläglich und es wird deutlich, dass er auch dort keine Zukunft haben wird. Selbst im Hardcoregenre muss die Stimme wenigstens kräftig genug sein, um ein Konzert lang durchzuhalten. Auch im Tattoo-stechen, macht er keine gute Figur. Ebenso wie sein Freund, der ihm zu Beginn des Filmes das Portrait seiner Eltern sticht. Geschmack liegt bekanntlich im Auge des Betrachters, aber es ist sicher kein Zufall, dass die Tattoos sehr einfach und schlicht aussehen. Offensichtlich ein weiteres Indiz dafür, dass die Figur von Vincent als Versager inszeniert werden soll. Erst später im Film stellt sich heraus, dass der junge Mann sehr wohl Talente hat und sich Beispielsweise für philosophische Literatur interessiert.  Doch dies erkennt sein Vater nicht und sorgt damit dafür, dass Vincent immer mehr an sich zweifelt und weiter abstürzt. Das Portrait seiner Eltern  an seinem Hals, ist sein stummer Schrei- und seine Bühnenauftritte sein lauter Schrei nach väterlicher Zuneigung. Beides wird von seinem Vater nicht verstanden und ins lächerliche gezogen.

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Dennoch soll der*die Zuschauer*in auch ein wenig den Vater verstehen, der selbst sehr unglücklich ist. Obwohl er nicht nur als Vaterfigur kläglich versagt, wird auch er am Ende zu einer tragischen Figur, für die man Mitleid empfindet. Regisseur Morgan Simon nimmt seine Charaktere ernst und zeichnet ein einfühlsames Portrait einer Vater-Sohn-Beziehung, die auf dramatische Weise zum Scheitern verurteilt ist. Zum Glück meist ohne dabei zu dick aufzutragen. Die Schauspieler leisten eine starke Darbietung und sorgen dafür, dass die Figuren einem sehr nahe gehen.  Close-ups auf die ausdrucksstarken Augen von Vincent oder die schmerzvoll angespannten Gesichtszüge von Hervé, machen den Film zu einem sehr emotionalen Kinoerlebnis. Sodass die schlauen Dialoge nur noch sprichwörtlichen die Kirsche auf dem Sahnehäubchen darstellen.  Verzweiflung aufgrund fehlender Wertschätzung, die Verlustängste  hervorgerufen durch den Tod der Mutter/Ehefrau und die Wut über das eigene Versagen, sind die vordergründigen Motive des Films. Zwischendurch gibt es aber auch immer wieder ruhige, fast liebevolle Momente, bei denen man hofft, es könne doch noch ein Happy End geben.

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Doch der Film will kein Märchen sein. Es gibt daher weder kitschigen Wendungen, noch klischeehafte Figuren.  Julia  (Monia Chokri), die durch ihr Auftauchen diese Vater-Kind- Beziehung noch verkompliziert, ist erfreulicherweise auch nicht die klischeehafte „böse Stiefmutter“ und Familienzerstörerin. Stattdessen ist auch ihre Figur facettenreich und sympathisch geschrieben. Sie ist nicht einfach nur „die Frau“, die zwei Männern „ die Köpfe verdreht“. Sie ist auch nicht sexualisiert dargestellt. Stattdessen kann  der*die Rezipient*in sehr gut nachempfinden, warum sie durch ihre Art so eine Wirkung sowohl beim Vater, als auch beim Sohn erzielt. Insbesondere Vincent, fühlt sich von ihr ernstgenommen und verstanden. Julia sorgt dafür, dass Vater und Sohn ihre Gefühle offen legen müssen. Der Sohn  muss erkennen, dass er sich an seinem Vater rächen will und der Vater muss sich eingestehen, dass er insgeheim neidisch auf seinen Sohn ist.  Auch wenn es gegen Ende des Films zu einer merkwürdigen Szene kommt, wurde rechtzeitig noch zurück gelenkt, bevor es albern wurde. Manche Zuschauer*innen  mögen sich zwar darüber echauffieren, dass eine Frau gleichzeitig mit Vater und mit dem Sohn anbandelt. Der Film aber, bleibt hier gekonnt neutral und schaffst es, dass keine Figur moralisch verurteilt wird, selbst Julia nicht. Das ist Gefühlchaos auf intelligente Art.

Weitere Vorführung auf dem Braunschweiger Filfest 2016:

11.11.2016, 21:00 Uhr (C1 Saal 4)

12.11.2016, 21:00 Uhr (C1 Saal 3)

Frankreich 2016
Sprache: Französisch
Untertitel: Deutsch
Regie: Morgan Simon
Kamera: Julien Poupard
Buch: Morgan Simon
Schnitt: Marie Loustalot
Darsteller: Kévin Azaïs, Monia Chokri, Nathan Willcocks
Produktion: Jean-Christophe Reymond, Amaury Ovise
Musik: Selim Aymard, Julien Krug
Ton: Mathieu Villien
Verleih: Versatile
Länge: 80 Min.

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