A real hero? – “Drive”

“There’s something inside you/ it’s hard to explain/
they’re talking about you, boy/ but you’re still the same”

(Kavinsky & Lovefoxxx – Nightcall)

Diese Worte begleiten den Driver, die namenlose Hauptfigur aus Drive, bei seiner nächtlichen Fahrt durch die erleuchteten Straßen von L.A., während der Vorspann in pinken, schrägen Buchstaben auf der Leinwand aufleuchtet. Kurz zuvor hat man ihn in einer ca. zehnminütigen Anfangssequenz kennengelernt, als Fluchtfahrer bei einem Überfall. Dieser Auftakt ist trotz der Verfolgungsjagd, die er im Grunde zeigt, wunderbar ruhig und definitiv geprägt von der Selbstsicherheit des Drivers. Andererseits lebt er vom Sound: pochende, minimalistische Klänge, Motorgeräusche und Polizeisirenen bilden eine Geräuschkulisse, die den Zuschauer am Rand der Spannung halten soll. Und wenn das alles vorbei ist, wenn der Job erledigt ist, brechen mit “Nightcall” die eingangs erwähnten, schleppenden Synthie Pop Klänge über den Film ein und treiben ihn in die Richtung, in die er gehen wird und gehen will: straight to the Eighties. Also nicht wirklich, weil er nicht in den 80ern, sondern ganz klar in der Gegenwart spielt, aber das eindeutige Retro-Feeling von Style und Ästhetik über Klamotten bis eben zur Musik kann keiner abstreiten.

Es ist dieser offensive Umgang mit einer speziellen Retro-Ästhetik, die sich über alle Bereiche erstreckt und manchmal am Kitsch kratzt, der Drive zu etwas Besonderem macht. Regisseur Nicolas Winding Refn erzeugt mit all diesen Elementen ein unglaublich stilsicheres Gesamtbild, das weder lächerlich wirkt, noch Selbstironie vorschieben muss – der Film ist so und will so sein! Keine Rechtfertigungen, keine Entschuldigungen, keine Ausreden. Bestes Beispiel dafür ist das Outfit des Drivers, das in seiner Überzeichnung konsequent und gerade deswegen so passend ist: neben engem Shirt und noch engerer Hose wird es gekrönt von einer weißen, glänzenden Jacke mit Skorpion auf dem Rücken. Der permanente Zahnstocher im Mund und die Lederhandschuhe sind unverzichtbare Accessoires. Bei all den stilistischen Rückgriffen würde ich mich bei der Suche nach einem halbwegs passenden Wort zur Beschreibung des Gesamtbildes trotzdem für “zeitlos” entscheiden. Denn genau wegen der Überzeugung und Konsequenz, mit der die stylishe Hülle des Films in Szene gesetzt wird, erschafft Drive seinen eigenen Stil, von dem man sich nicht vorstellen kann, dass er irgendwann uninteressant sein wird.

Entscheidend für die Wirkung des Films ist die Hauptfigur, die in Ryan Gosling ihre perfekte Besetzung gefunden hat – und er seine perfekte Rolle. Sein Driver ist stoisch, zeigt kaum eine Regung bis auf den Zahnstocher im Mund. Er ist einsam, aber scheinbar aus freien Stücken, vielleicht ist er auch leicht soziopathisch. Er ist mysteriös, weil er so wenig spricht und weil man so gut wie nichts über ihn weiß. In einer kurzen Unterhaltung mit seiner Nachbarin Irene (so schön zurückhaltend gespielt von Carey Mulligan) wird in zwei knappen Sätzen im Grunde alles zusammengefasst, was wir über ihn wissen (müssen):
– What do you do?
– I drive.
(ob als Stuntfahrer in Filmen oder als Fluchtfahrer bei Überfällen ist dann auch egal…)
Er ist cool, aber hinter der scheinbar regungslosen Fassade steckt natürlich eine Traurigkeit und eine Sehnsucht, die sich schwer festmachen lässt.
Die Szene, in der wir die sanfte Seite des Drivers wirklich zu sehen bekommen, ist als er mit Irene und deren Sohn Benicio durch einen betonierten Kanal in L.A. fährt. Die Nähe zu dieser Frau bringt auch die eigentliche Story ins Rollen – Driver und Irene verlieben sich; Irenes Mann kommt aus dem Knast, hat Probleme, überfällt einen Laden; Driver will ihm helfen; alles geht schief; also tut Driver alles, um Irene und ihren Sohn zu beschützen. Diese Zusammenfassung der Ereignisse wird der gesamten Handlung natürlich nicht ansatzweise gerecht, aber mir liegt nicht viel daran, hier den Inhalt des Films wiederzugeben. Während sie also durch den Kanal fahren sind alle glücklich, es wirkt geradezu idyllisch, eingetaucht in helles Sonnenlicht, mit Wind in den Haaren und die Krönung des Ganzen ist wie so oft in Drive die Musik. “And you have proved to be a real human being and a real hero” (College – A real hero) ertönt und vielleicht ist dieser Moment der einzige, in dem beide Beschreibungen tatsächlich auf den Driver zutreffen, wenn auch nur für Irene und den Jungen. Wie an einigen weiteren Stellen im Film, entfaltet sich in der Szene eine surreale Schönheit durch die Künstlichkeit des Lichts, die Musik und den gezielten Einsatz von Zeitlupe (in diesem Fall erst als die besagte Szene schon vorbei ist und der Junge auf dem Arm des Drivers nach Hause getragen wird – so kitschig und so gut).

Ist der Driver also ein echter Held oder nicht? Vordergründig mag er der Retter in der Not sein, der heldenhaft seine Angebetete beschützt, aber man merkt schnell, dass er eine extrem ambivalente Figur ist. Der Ausbruch der Gewalt beginnt ungefähr in der Mitte des Films und auch wenn sie zunächst “berechtigt” erscheint, insofern er andere (und sich selbst) schützen will, so spürt man immer, dass er sich selbst in der Gewalt verliert und das hat dann nichts mehr mit bloßem Schutz zu tun. Wir wissen nicht, wer diese Figur ist, woher er kommt und was seinen Charakter ausmacht – deshalb können wir ihn nie einschätzen und ihn eben nicht einfach als den Helden annehmen, den uns das Lied verkaufen will. Spätestens die Szene im Fahrstuhl, in der auf einen zarten Kuss rohe Gewalt folgt, in der eine Verschmelzung von Sanftheit und Grausamkeit stattfindet, macht uns dies bewusst. Eine verstörte Irene stürzt aus dem Fahrstuhl, nachdem sie diesen Gewaltausbruch des Drivers mitansehen musste. Sie ist schockiert, er blickt sie an und wir sehen ihn wie wir ihn noch nie zuvor gesehen haben. In seinem Gesicht zeigen sich zum ersten Mal Emotionen, eine Mischung aus Selbstoffenbarung, Angst und die schmerzhafte Erkenntnis, etwas Geliebtes verloren zu haben, das man sowieso nie verdient hatte. Weniger heldenhaft und gleichzeitig menschlicher als in diesem Moment sieht er im gesamten Film nie aus.

Vielleicht will Refn ihn uns letztendlich tatsächlich als “real hero” verkaufen, als der Driver schließlich wieder mit genau diesem Lied verabschiedet wird, zumindest wenn man sich an der sonstigen Direktheit des Films orientiert, müsste man das annehmen. Dann muss jeder selbst entscheiden, ob er mit dieser Glorifizierung mitgehen möchte oder ob man ihn nicht doch lieber als ambivalentes Wesen erinnern will, das weder echter Mensch noch echter Held sein kann. Oder wie eine der Taglines des Films es (ausnahmsweise) ziemlich treffend sagt: There are no clean getaways.

Drive, USA 2011, 100′
Regie: Nicolas Winding Refn
Buch: Hossein Amini (Drehbuch), James Sallis (Roman)
Kamera: Newton Thomas Sigel
Schnitt: Matthew Newman
Musik: Cliff Martinez
Besetzung: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston
Verleih: Universum/24 Bilder
Kinostart: 26.01.2012

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>