A Perfect Day

Wie oft schaut man sich einen Film im Kino an, von dem man noch nie etwas gehört hat?

Vermutlich nicht so oft – schließlich ist Kino nicht ganz billig, weshalb man in der Regel vermutlich nur das Allerbeste sehen möchte. Für mutige Kinobesucher gibt es allerdings in manchen Kinos die sogenannte „Sneak Peek“, also die Möglichkeit einen Film vor dem eigentlichen deutschen Filmstart im Originalton zu sehen, mit der Einschränkung, dass man nicht weiß was man bekommt. Teilweise ist die Auswahl jenseits von Gut und Böse, oft bekommt man jedoch überraschend gute Filme zu sehen, die man sich unter normalen Umständen vielleicht niemals angeschaut hätte.

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A Perfect Day ist einer der Letzteren. Der Film spielt, laut Texteinblendung zu Beginn, „irgendwo im Balkan“, mehr erfahren wir zunächst nicht. Eine Gruppe von Krisenhelfern der Organisation „Aid without borders“ steht vor einem ungewöhnlichen Problem: Jemand hat eine übergewichtige Leiche in einen Brunnen geworfen, vermutlich um diesen zu verseuchen. Bei dem Versuch sie zu entfernen, reißt jedoch das Seil, und die Helfer Mambrú (Benicio Del Toro), B (Tim Robbins), Sophie (Mélanie Thierry) und ihr Übersetzer Damir (Fedja Stukan) müssen nun versuchen, in einem fremden, kriegsversehrten Land ein neues Seil aufzutreiben. Die Suche nach dem Seil fungiert hierbei als Leitmotiv, das die gesamte Geschichte strukturiert, und erinnert somit in gewisser Weise an die Suche nach dem Teppich in The Big Lebowski (Coen Brüder, USA 1998). Auf ihrer Reise stoßen die Protagonisten immer wieder an die Grenzen des Machbaren, da sowohl die Einheimischen, die sie vor der drohenden Epidemie zu schützen versuchen, als auch die stationierten UN Soldaten sich als nicht sonderlich hilfreich, oder sogar als kontraproduktiv erweisen.

A Perfect Day ist ein Kriegsfilm. Im Gegensatz zu anderen Kriegsfilmen schafft es Regisseur Fernando León de Aranoa jedoch, dass der Film niemals in die typischen Extreme von Helden und Diktatoren, Amerikanern und Terroristen abrutscht und stattdessen ein Bild beschreibt, das von vielen Graustufen gekennzeichnet ist. Es gibt keinen klassischen Feind außer dem Krieg selbst und ebenso gibt es auch keine klassische Heldenfigur.

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Die Protagonisten sind insgesamt alle sehr sympathisch geschrieben, aber sie sind keine wirklichen Helden. Sie erkennen alle nacheinander ihre Grenzen, welche stets durch Entscheidungen gesetzt sind, in denen das Ziel der Seil-Beschaffung mit Gewalt verbunden wäre und vermutlich verheerende Konsequenzen nach sich ziehen würde. Auf das Heldenopfer, welches in vielen Kriegsfilmen möglichst theatralisch inszeniert wird, wartet man vergeblich.

Der Anführer der Gruppe, Mambrú, fungiert als Mediator. Auch in Krisensituationen agiert er besonnen und intelligent und lässt sich nicht von spontanen Gefühlsausbrüchen verleiten, wie man es von einer starken Anführer-/Beschützer-Figur erwarten könnte, gleichzeitig ist er jedoch durch zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber dem herrschenden Krieg gezeichnet und es werden Fehlverhalten in seinem Privatleben angedeutet.

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Diese werden hauptsächlich durch das Auftauchen seiner Ex-Affäre Katya deutlich, einer Inspektorin der Hilfsorganisation, die die Notwendigkeit einer Fortsetzung des Einsatzes beurteilen soll. In der Geschichte fungiert sie als west-europäische Perspektive auf das Geschehen. Sie blickt von einer administrativen Position auf den Krieg herab und schätzt die Lage somit vollkommen anders ein als die Helfer vor Ort. Für sie ist der Krieg aufgrund der erfolgreich verlaufenden Friedensverhandlungen quasi beendet, was zu einigen haarsträubenden Fehleinschätzungen ihrerseits führt und sie augenscheinlich unsympathisch und ignorant wirken lässt.

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Trotz der grundsätzlich eher bedrückenden, beunruhigenden Stimmung des Films, gibt es viele komische Momente. Diese fließen stets sehr organisch in die Handlung ein und wirken nicht albern. Über den Verlauf des Films ergibt sich hierdurch eine fließende Dynamik zwischen den Schauspielern, die Freude am Zuschauen macht. Der Film hat einige schockierende und verstörende Szenen, kommt hierbei jedoch komplett ohne die explizite Darstellung von Gewalt aus.

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Die Kamera-Arbeit deckt eine große Bandbreite ab, mit vielen Hubschrauberaufnahmen von der trostlosen Tundra-Landschaft und den zahlreichen Autofahrten der Protagonisten, sowie einigen sehr schönen Nachtaufnahmen und Einstellungen von zerstörten Häusern. Angenehmerweise kommt keine Wackelkamera zum Einsatz, die Bilder sind stattdessen in der Regel sehr ruhig aufgenommen, was den Fokus auf Dialog und Geschichte anstatt auf Action ein weiteres Mal sehr deutlich macht. Obwohl der Film überraschenderweise komplett in Spanien und nicht im Balkan gedreht wurde, wirken die Bilder sehr glaubwürdig.

Die Musik ist sehr „rockig“, mit kräftigen Gitarren-Sounds, die pointiert eingesetzt werden. Die Musik zieht somit kurzzeitig viel Aufmerksamkeit auf sich, wirkt aber nicht übertrieben oder deplatziert. Besonders emotionale Szenen werden nicht so stark dramatisiert, wie es beispielsweise bei einem genretypischen, orchestralen Soundtrack häufig der Fall ist. Stattdessen scheinen die kurz eingespielten Songs eher die Übergänge zwischen einzelnen Abschnitten des Films zu markieren und hervorzuheben. Eines der wenigen Lieder mit Gesang ist der bekannte 80er-Jahre Song „Sweet Dreams“, ebenfalls in einer sehr rockigen Version, welcher eine der Schlüsselszenen des Films sehr passend untermalt und emotional auflädt.

Insgesamt handelt es sich bei A Perfect Day um einen Film mit erfrischend glaubwürdig geschriebenen Charakteren, der gekonnt die Situation in einem Kriegsgebiet beschreibt, ohne zu sehr auf die Tränendrüse zu drücken oder parodistisch zu wirken. Der Film stellt in Frage, inwiefern Hilfsorganisationen überhaupt die Möglichkeit haben einen tatsächlichen Beitrag zu leisten, lässt diese jedoch unbeantwortet. A Perfect Day ist ein Kriegsfilm, der sich durch seine spannende, wenig vorhersehbare Geschichte und den Fokus auf Dialoge angenehm unterscheidet von anderen, deutlich Action-lastigeren Beiträgen des Genres.

 

A Perfect Day, Spanien 2015, 106 min
Regie: Fernando León de Aranoa
Drehbuch: Fernando León de Aranoia, Diego Farias
Kamera: Alex Catalán
Darsteller: Benicio del Toro, Tim Robbins, Mélanie Thierry, Fedja Stukan, Olga Kurylenko
Musik: Arnau Bataller
Verleih & Bildrechte: x-Verleih
Starttermin: 22.10.2015

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