A Most Violent Year

1981; die Kriminalität in New York war noch nie so hoch. Abel Morales (Oscar Isaac) besitzt ein kleines Unternehmen, das Heizöl ausliefert. Er selbst hatte als Fahrer in solch einem Unternehmen angefangen, dann aber die Tochter (Jessica Chastain) des Chefs geheiratet und es übernommen. Er macht die Geschäfte, sie die Buchhaltung, was ihr letztendlich mehr Kenntnis über die Branche und die Firma verschafft, als ihrem Ehemann. Der wiederum erkennt schon, dass sie es bezüglich des Preises nie werden mit der Konkurrenz aufnehmen können, weswegen sie eben die Besten sein müssen. Und es ist der Boss selbst, der Fahrer und die Leute aus dem Vertrieb einweist und ihnen Kniffe und Tricks mit auf den Weg gibt. Bloß helfen die nichts, wenn plötzlich zwei Typen mit einer Knarre vor dem Lieferwagen stehen, oder der Verkäufer aus dem Service beim Hausbesuch von Schlägern der Konkurrenz zusammengeschlagen wird. Und hier beginnt das Dilemma der Geschichte: Morales möchte in einem Business mitmischen und seine Firma vergrößern, bei dem es ab einer bestimmten Größe unerlässlich ist, schmutzig zu spielen, um nicht von der Konkurrenz geschluckt zu werden. Morales aber möchte seinem Nachnamen alle Ehre erweisen, weswegen die Fahrer keine Pistolen haben dürfen, um sich selbst zu verteidigen. Durch diese Haltung wird Morales weiter in die Ecke getrieben: neben der konkreten gewalttätigen Bedrohung, gegen die auch die Polizei nichts unternehmen kann, hat er zusätzlich die Gewerkschaft der Fahrer gegen sich, die ihm vorwirft, er lasse seine Angestellten wider besseren Wissen ins offene Messer laufen. Und auch seine Frau hält ihn zunehmend für unfähig seine Familie zu beschützen.

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So bekannt die Geschichte letztendlich auch ist, Morales ist genau der Charakter, den es braucht, um sie auf eine interessante Art und Weise zu erzählen. Nicht nur, dass überall um ihn herum die Gewaltbereitschaft zunimmt, Morales wird auch als jemand erzählt, der sich in einer Welt bewegt, deren Codes er immer noch nicht durchschaut hat. Und J.C. Chandor ist so konsequent, das auch aus Morales’ Perspektive zu erzählen: es geht nicht darum, sich langsam anzupassen und auf verschiedenen Gebieten (Familie, Business, Gewalt) der Beste zu werden. Man bekommt als Zuschauer keine Einsichten in das komplizierte und schmutzige Geschäft der Heizöllieferanten, dafür aber das Porträt eines Mannes, der weiß, dass er in einem Mantel unterwegs ist, der ihm eigentlich zu groß ist.

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Die Verquickung von Business, Milieu und Familie lässt natürlich sofort an Martin Scorsese denken. Aber wo Scorsese seine Perspektiven auffächert, um möglichst viel des Immergleichen zu zeigen, bleibt Chandor konzentrierter und letztendlich auch klassischer. Ihr Unterschied zeigt sich am besten in ihren beiden Börsenfilmen. Hatte Chandor mit seinem Debüt Margin Call (2011) noch eine recht kluge und besonnene Charakterstudie der Lehman-Brothers-Krise vorgelegt, überrollte Scorsese mit The Wolf of Wall Street (2013) in der üblichen Manier seine Zuschauer. Scorseses Filme passen sich dem Sujet an, sie sind ebenso laut, brutal, ungeordnet und schmutzig wie die Personen, die sie zeigen. Dadurch entsteht aber auch die Gefahr, den Überblick zu verlieren; die Sujets ähneln sich, die Wall Street scheint nichts anderes zu sein als die Mafia in Las Vegas.

A most violent year erinnert viel mehr an die Filme von James Gray, vor allem an We own the night (2007). Mit ihrem präzisen Blick, dem Gespür für farbliche Dramaturgie und dem Wissen über die physische Präsenz ihrer Akteure liefern beide Regisseure genaue Studien über Momentaufnahmen amerikanischer Gegenwarten. Und A most violent year ist dabei nicht nur ein beeindruckendes Bild der frühen 80er Jahre, die sich vor allem in Hinterhöfen, Autos und verrauchten Zimmern ereignet haben. Der Film ist auch die Untersuchung seines Protagonisten: immer weiter treibt Chandor ihn die Enge, nur um ihm seelenruhig dabei zuzusehen, wie das Umsichschlagen heftiger wird. Und wie lange er noch Morales bleiben wird können. Nach dem hervorragenden All is Lost (2013) hat sich Chandor mit seinem dritten Film als Spezialist für Filme des Untergangs bewiesen.

A most violent year, USA 2014, 125’
R+B: J.C. Chandor
K: Bradford Young
Kostüme: Kasia Walicka-Maimone
mit: Oscar Isaac, Jessica Chastain, Albert Brooks, Ben Rosenfield
im Verlieh von Universum, Kinostart am 19.3.2015 (alle Bildrechte bei Verleih und Produktion)

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