The Cutoff Man

Menatek Ha-maim von Idan Hubel, Israel 2012, Filmfestival Venedig, Sektion Orizzonti

Gabi dreht den Leuten das Wasser ab, wenn sie ihre Wasserrechnung nicht bezahlen. Dafür wird er bezahlt, nach Wasseruhren. 11 Schekel pro gekappter Wasseruhr, das sind gerade mal zwei Euro. 72 Wasseruhren braucht er allein, um die Torwandhandschuhe seines Sohnes zu bezahlen. Die Wasseranschlüsse befinden sich glücklicherweise hinter den Häusern, man muss sie nicht betreten. Dadurch gibt es keine offene Konfrontation, keinen Beschluss zum Abschalten, den man an der Tür vorzeigen müsste. Aber Wasser ist voll oldschool, es ist kein anonymes Abschalten möglich wie beim Telefon oder dem Strom. Gabi geht einfach in den Hinterhof, klemmt einen Zettel an die Leitung und schraubt.

Gabi tut das nicht gern. Er ist ein sympathisch wirkender, älterer Mann mit Bauch und grauen Haaren, aber wachen Augen. Dem ersten Zögern beim Arbeitsamt, als er den Job angeboten bekommt, folgt ein möglichst routiniertes Auftreten. Der Film verschwendet keine Zeit damit, seinen Protagonisten hin und her gerissen zu zeigen, weder ist er ein Maschinist, noch wird er von Skrupeln geplagt oder versucht, heimlich den Betroffenen zu helfen. Er ist der Mann, der einen Beruf hat, der vom System geschaffen wurde. Nicht der Mann oder der Beruf ist falsch, es ist das System. Ein System, dass zwei Monate vor den Wahlen beschließt, das Kappen der Wasseranschlüsse bis nach den Wahlen einzustellen, um die Wähler nicht zu verärgern. Dramatisch für Gabi, da er allein nach den abgenommenen Wasseruhren bezahlt wird.

Für seine Geschichte wie auch für die Kritik findet der Film glaubwürdige Bilder. Das sind zum einen die Hinterhöfe selbst, die in ihrer Trostlosigkeit allein schon für die Unwürdigkeit solcher Beschlüsse stehen. Einmal beschimpft ihn eine Frau, deren Wasser er eben abdreht, als Hund. Die Hinterhöfe sind auch in einer Art gefilmt, dass man die Hundepisse förmlich riecht, die solche Plätze, zumal im Sommer, in dem der Film spielt, kennzeichnet. Ein andermal sammelt er seine Wasseruhren ein und zählt sie. Wie sie da so auf dem trockenen Boden liegen, wirken sie falsch, erinnern sie an Prothesen.

Bald schon werden die Szenen der Demontage dramatischer, die langen Einstellungen auf Gabi isolieren ihn mehr und mehr und zeigen ihn in seiner Einsamkeit: doch der Film steuert nicht auf die Frage hin, wie lange ein Mensch solch eine erniedrigende Arbeit ertragen kann.
Idan Hubel, der Regisseur, lässt sich in seinem Debüt nicht dazu hinreißen, eine einseitige, sentimentale Geschichte zu erzählen, vom armen Mann, der gezwungen wird, die Armen auszubeuten, es ist ambivalenter. So sind unter den Betroffenen auch reiche Leute, die einfach keine Lust haben, ihre Rechnung zu bezahlen. Die dafür aber wiederum Einfluss haben und verhindern können, dass Gabis Sohn in der Fußballmannschaft spielen kann – wovon viel abhängt, denn wer ins Trainingskader der Nationalmannschaft gewählt wird, muss nicht zur Armee.

Hubel hält die Geschichte einfach, um so der Systemkritik als auch dem Protagonisten Raum zu geben. Letzteres funktioniert vor allem durch die langen Einstellungen. Nun sind lange Einstellungen in Festivalfilmen die Regel, aber nicht jedem gelingt ein sinnvoller Einsatz. Allzu oft glotzt das Leinwandgegenüber stumpf in die Kamera, wird die Natur einfallslos abgeschwenkt. Die Kunst ist es, mit den langen Einstellungen etwas zu erzählen, so wie man sonst auch mit der Montage der kürzeren Einstellungen erzählen würde. Hubel verlässt sich nicht auf die deprimierende Kulisse, es gibt keine langen Einstellungen auf Exterieurs, in denen sich nichts bewegt, keine langen Einstellungen auf versteinert drein blickende Gesichter. Viel passiert hier zwar auch nicht, was erzählt wird, ist hauptsächlich das Verhältnis des Protagonisten zu seiner Umwelt, zu seiner Familie, in der nicht viel gesprochen wird, zu den Nachbarn, die ihn meiden, zur etwas heruntergekommenen Gegend, in der er wohnt. Kein Selbstzweck, keine Anpassung an formale Zwänge.

In einer besonders schönen Sequenz verlässt Gabi die kleine Kneipe um die Ecke, in der er ein paar Gläser getrunken hat, weil er wieder nicht einschlafen konnte. Sie machen sich dort über ihn lustig. Als er die Kneipe wieder verlässt, wartet die Kamera schon draußen. Kurz vor ihr hält er inne, überlegt und kehrt nach einiger Zeit zurück, um sich zu den anderen an den Tisch zu setzten, man spielt um Geld. Langsam nähert sich die Kamera der Glasfront und blickt von draußen rein. Einer nach dem anderen blickt auf und schaut nach draußen in die Kamera. Bis Gabi auch rausschaut. Im Gegenschuss erkennen wir seine Frau, die gekommen ist, ihn abzuholen.

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