38 Témoins – 38 Zeugen

38 Témoins | Frankreich, Belgien 2012 | R: Lucas Belvaux | 104 Minuten | OmdU

Filmfest Braunschweig
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Le Havre – eine friedliche Hafenstadt im Norden Frankreichs. Hier scheint alles in geregelten Bahnen zu laufen, bis eines Nachts eine junge Frau brutal in einem Hausflur erstochen wird – und keiner der Bewohner aus der Nachbarschaft will etwas in den sonst so ruhigen Straßen bemerkt haben. Mit psychologischem Feingefühl thematisiert dieser Film den Umgang mit einer solchen Schreckenstat in unmittelbarer Umgebung und wirft die Frage auf, wo Schuld beginnt.

Der Mord geschieht direkt zu Beginn des Films. Detaillierte Darstellungen zum Tathergang spart der Film aus, denn darum geht es hier nicht. Die Reaktionen der Personen die in direkter Nachbarschaft zum Wohnhaus des Opfers und damit zum Tatort leben, stehen im Vordergrund dieser Erzählung. Dieser Film gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, die Charaktere des Films zu beobachten, die Verhaltensmuster und Entwicklungen der 38 Zeugen  genau zu studieren.

Bei der Befragung zum Mordfall durch die Polizei geben alle Hausbewohner an, nichts gehört, geschweige denn gesehen zu haben. Erst der Hafenlotse Pierre, der zunächst angibt die Nacht gearbeitet zu haben, bricht nach einigen Tagen das Schweigen. Er erzählt seiner Verlobten Louise, die als einzige Bewohnerin zur Tatzeit nicht zu Hause war, von den “unmenschlichen” Schreien des Opfers. Die Beobachtung konzentriert sich hauptsächlich auf dieses verlobte Paar, insbesondere darauf wie die Schuldgefühle Pierre innerlich zerreißen. Hätte er die junge Frau retten können wäre er nicht nach ihren ersten Schreien wie erstarrt liegen geblieben? Dieser innere Kampf wirkt sich zwangsläufig auf die Beziehung zu Louise aus. Durch sein Verhalten in dieser einen Nacht hat er den Respekt vor sich selbst verloren und er ist fest davon überzeugt, dass auch Louise ihn früher oder später mit anderen Augen sehen wird und ihre Liebe daran zerbricht.

Pierres Vorhaben, der Polizei doch noch zu berichten, dass er sehr wohl die verzweifelten Schreie der Frau gehört hat und es zudem schier unmöglich war, sie nicht zu hören, führt zu heftigen Reaktionen der anderen Bewohner. Er lässt sich jedoch nicht von seinem Plan abbringen. Abwertende Blicke und Vandalismus sind die Folgen. Schließlich bleibt auch den anderen Bewohnern nichts weiter übrig, als ihre Aussagen zu revidieren. Alle 38 Personen, die in der Tatnacht zu Hause waren, haben die entsetzlichen Schreie gehört – und keiner hat reagiert.

Bereits kurz nach der Tat lässt sich die Journalistin der lokalen Tageszeitung am Tatort blicken, auf der Suche nach Hintergrundinformationen zum Mordfall. Sie spielt eine entscheidende Rolle, denn sie versucht vehement das an die Öffentlichkeit zu bringen, was der Großteil der Beteiligten zu vergessen versucht. Selbst die Polizei und der Staatsanwalt sind dazu geneigt, die Revision der Zeugen in Vergessenheit geraten zu lassen. Dies würde nur zusätzliche Arbeit bedeuten und 38 Personen wegen Feigheit anzuklagen – das hilft auch nicht bei der Suche nach dem Mörder. Das Beharren der Journalistin, die Feigheit der Zeugen publik zu machen und sie zur Rechenschaft zu ziehen führt zu einem Gespräch mit dem Staatsanwalt, in dem die Thematik des Films in gänzlicher Klarheit zutage tritt: Wo beginnt Schuld und welche Bedeutung spielt Rechtfertigung in diesem Falle der unterlassenen Hilfeleistung? Wem hilft Rechtfertigung überhaupt weiter? Stellt sie in vielen Fällen so etwas wie Selbstbetrug dar, der dazu dienen soll, den Respekt vor sich selbst zu wahren und die eigene Schuld zu verleugnen? Welchen Sinn haben Verurteilungen, ob juristische oder persönliche? Wem ist damit geholfen und wo beginnt eine Mitschuld an Gewalttaten?

Dass der Film schließlich den Zuschauer mit der Frage konfrontiert, wie er sich selbst in der Mordnacht verhalten hätte, verschafft ihm eine enorme Wirkung. Der Mord wird für den letztendlich nicht mehr zu vermeidenden Prozess nachgestellt, um die unterlassene Hilfeleistung der 38 Zeugen nachweisen zu können. Die Bewohner befinden sich in den Wohnungen, genau dort, wo sie sich zur Tatzeit aufhielten und die Schreie einer Frau sollen die des Opfers imitieren. Hier ist es kaum noch möglich, sich selbst der Frage zu verweigern, wie die eigene Reaktion in solch einer Situation ausgesehen hätte. Aus einer Beobachtung der 38 Zeugen wird eine Konfrontation mit eigenen moralischen Fragen über Zivilcourage und die Definition von Schuld.

38 Zeugen ist ein Film der starken Dialoge und erlangt durch sein psychologisches Gespür enorme Tiefe. Authentisch gezeichnete Charaktere, gespielt von überzeugenden Darstellern, runden den Film ab.

38 Témoins, Frankreich / Belgien, ‘104
Regie und Drehbuch: Lucas Belvaux
Kamera: Pierric Gantelmi d’Ille
Schnitt: Ludo Troch
Darsteller: Yvan Attal, Sophie Quinton, Nicole Garcia
Verleih: Films Distribution
Kinostart: unbekanant

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