25 YEARS OF INNOCENCE

 

+++ Der folgende Text enthält Spoiler zum Film+++

 

Tomasz Komenda wird eines brutalen Mordes mit schwerer Vergewaltigung beschuldigt und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Der biografische Film beschäftigt sich mit dem scheinbar aussichtslosen Kampf gegen eine unfassbare Fehlleistung der polnischen Justiz, währenddessen Tomasz im Gefängnis die Hölle durchleben muss. Regisseur Jan Holoubek lässt die Zuschauer:innen zunächst noch zum Teil im Unklaren, ob Thomasz nicht doch etwas mit dem Fall zu tun haben könnte. Wir sehen, wie er vor den Ermittlern Sex mit einer Minderjährigen gesteht und wie er zugibt, am Tatort gewesen zu sein. Zudem würden die Bisswunden auf dem Opfer zum Gebiss von Tomasz passen. Als dann auch noch Hunde seinen Geruch an einer Mütze am Tatort erschnüffeln, reicht dies den Richtern für eine Verurteilung. Der Fall scheint klar zu sein. Im Laufe des Films werden die Fehler, die bei den Ermittlungen gemacht wurden immer weiter aufgedeckt. Wir erfahren Details zum Fall und über die wahren Täter. Umso mehr wir von der Wahrheit erfahren, desto schmerzhafter wird uns die Ungerechtigkeit vor Augen geführt. Die Misshandlungen von Tomasz bei dem Verhör, womit ihn die Ermittler zu einem Geständnis gezwungen haben, werden zum Beispiel erst sehr spät im Film gezeigt und verstärken dadurch den Effekt des Mitleidens mit dem immer deutlicher unschuldigen Tomasz.

Insgesamt ist der Film teilweise schwer zu ertragen. Zu sehen sind detailreiche Folterszenen und Selbstmordversuche und Tomasz Komenda Darsteller Piotr Trojan überzeugt dabei durch starkes Schauspiel,  wenn er uns den tiefen Schmerz seiner Figur miterleben lässt. Als Kinderschänder ist er in der Gefängnishierarchie ganz untern, findet keine Freunde und muss um sein Wohlergehen bangen. Der harte Gefängnisalltag zermürbt ihn, bis vom 23 jährigen, fröhlichen und frisch verliebten Tomasz aus den ersten Szenen, nichts mehr übrig ist. Schockierend mit anzusehen ist auch die Hilfslosigkeit der Familie. Die anfangs fröhliche und lebhafte Mutter (Agata Kulesza) ist gegen Ende des Filmes merklich gealtert und die Erschöpfung nach dem ständigen Scheitern ist ihr anzusehen. Ihr Lachen ist verschwunden, ihr anfänglich noch kämpferischer Blick ist erloschen.  Der Film schafft es durch die düstere Inzenierung ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit zu vermitteln und durch die schonungslose Darstellung fragt man sich, wie Tomasz das überhaupt überstehen konnte.

Der Moment, wo Tomasz dann endlich erlöst wird, ist dadurch umso rührender und so schön gespielt, dass es schwer ist keine feuchten Augen zu bekommen. Zuhause bei der Familie fragt der mittlerweile 41 jährige Mann seine Mutter, ob er zum Essen Cola trinken dürfte. Er war es nicht mehr gewohnt, sich ohne Erlaubnis etwas nehmen zu können, noch dazu etwas, worauf er Lust hatte. Sein letzter Tag in Freiheit, da war er selbst noch fast ein Kind. In dieser starken Szene wird noch einmal dieser harte Verlust von Lebenszeit verdeutlicht. Er ist endlich frei, aber er verbrachte 18 Jahre lang unter ständiger Überwachung, isoliert und ohne die Möglichkeit, sich wie ein normaler junger Erwachsener zu entwickeln. Er Lebte ohne all dieses Dinge, die für andere selbstverständlich sind und wenn es eben nur der Geschmack von Cola ist. Er bekam dazu vieles nicht mit, was außerhalb des Gefängnisses passierte. Dies veranschaulicht  eine Szene, wo er sich bei seiner Fahrt in die Freiheit über ein sprechendes Handy als Navigationsgerät wundert. Eines der schönen Details, die der Film bietet, um die Folgen seiner langen Gefangenschaft zu veranschaulichen. In den sehr emotionalen Szenen während der Besuchszeiten mit seiner Familie, wird deultich, dass das Leben draußen einfach ohne ihn weiter ging. Wir sehen wie er verpasst, wie seine jüngeren Geschwister aufwachsen und seine Schwester selbst Mutter wird. Für ihn war die Zeit im Gefängnis wie stehen geblieben und gleichzeitig erschein sie ihm ewig.

Spannend im Film ist zudem die Auflösung des Falls, auch wenn dies eher im Hintergrund passiert. In eingestreuten Szenen wird wie in einem Krimi die Jagd nach den wahren Tätern fortgesetzt, da diese weiterhin Frauen überfallen. Obwohl sich immer mehr Beweise als manipuliert erweisen, wollen die Verantwortlichen ihre Fehler nicht eingestehen. DNA-Tests beweisen schließlich endgültig, dass Komenda gar nicht der Täter sein konnte. Wie sehr hier Macht und Justiz missbraucht wurden, macht betroffen und wütend. In Polen ist der Fall sehr bekannt geworden und Tomasz Komenda wurde vom Staat mittlerweile entschädigt und ist heute Millionär. Inzwischen sind die zwei wahren Täter zu je 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Im Abspann sehen wir ein echtes Video von Tomasz. Er lächelt.

 

35. Braunschweig International Film Festival
Preisträger:inn 2021 : Der Heinrich

Polen 2020
Regie: Jan Holoubek
Buch: Andrzej Gołda
Kamera: Bartłomiej Kaczmarek
Schnitt: Rafał Listopad
Musik: Colin Stetson, Sarah Neufeld
Mit: Piotr Trojan, Agata Kulesza, Dariusz Chojnacki
Produktion: Anna Waśniewska-Gill
Produktionsfirma:TVN Discovery Group
Verleih:TVN Discovery Group

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