120 BPM

J’ai envie que tu vives – ich will, dass du lebst.

Ein Satz, der nicht nur in 120 BPM eine wesentliche Bedeutung erfährt – er könnte sinnbildlich für sämtliche LGTBQ-Filme stehen, in denen der Tod stets verhindert, dass es zu einem glücklichen Ende für die Protagonisten kommen könnte. So auch in diesem Falle, und doch auch ganz anders, denn in vielerlei Sinne ist der Tod in diesem Film nicht das Ende.

AIDS hat sich im Frankreich der frühen 1990er Jahre grassierend ausgebreitet, und doch wird kaum etwas dagegen unternommen. Die Regierung vernachlässigt die Aufklärung über die Ansteckungsgefahr und Möglichkeiten eines Schutzes vor dem Virus weiterhin, Pharmakonzerne räumen der Medikamentenentwicklung keine hohe Priorität ein, die Lage für Infizierte und Gefährdete scheint hoffnungslos. Doch ACT UP, eine Pariser Aktivistengruppe von Infizierten und Angehörigen, wehrt sich dagegen, radikal, schonungslos und furchtlos.

Mit Flyern, Postern und Megafonen bewaffnet stürmen sie Schulklassen, um die Jugendlichen über AIDS aufzuklären, sie verteilen Kondome und Broschüren an Interessierte, und übernehmen somit auf eigene Faust die Aufklärungsfunktion, die sie von der Regierung einfordern. Aber auch ihre Wut und Frustration hinsichtlich der Pharmaindustrie wird in organisierten Aufständen ausgelebt. Mit Trillerpfeifen und mit Kunstblut gefüllten Luftballons dringen sie in die Gebäude der Konzerne ein, artikulieren ihre Forderungen lautstark und bewerfen Wände und Fenster mit dem falschen Blut. Ärger mit Sicherheitskräften und Polizei ist sehr wohl kalkuliert, über die Angst vor den Blutballons können die Aktivisten nur schadenfroh lachen, schließlich bekommen sie so endlich die Aufmerksamkeit für ihr Anliegen, die sie mit ihren Guerilla-Aktionen erreichen wollen.

Aber 120 BPM erzählt auch eine Liebesgeschichte, die trotz expliziter Szenen zerbrechlich bleibt und Tiefgang aufweist. Der HIV-negative Nathan und der infizierte Sean finden durch ACT UP zueinander und selbst Seans immer schlimmer werdende Symptome, die mit der AIDS-Infektion einhergehen, schweißen die beiden nur noch mehr zusammen. Doch ihre Liebe wird nicht ewig währen, das ist ihnen – und dem Zuschauer – nur allzu sehr bewusst. Es schmerzt, zu sehen, wie aus dem lebensfrohen, radikalen Sean, der nur zu gerne Klischees über Schwule bedient und seine Homosexualität niemals verbirgt, nur noch ein Schatten seiner selbst wird, während ACT UP an den internen Konflikten zu zerbrechen droht…

Der Tod ist ein ständiger Begleiter der Charaktere, die trotz allem bis zum Schluss das Leben feiern, im Alltag, in der Liebe, in ihrem unermüdlichen Protest oder auch in der Disco. Tod und Leben, Liebe und Wut, Verzweiflung und Hoffnung gehen Hand in Hand, leise Momente und Aufschreie sorgen für ein durchgängiges Auf und Ab. Denn auch wenn die meisten Mitglieder von ACT UP HIV-positiv sind, haben sie weder sich, noch das Leben, aufgegeben. Das schafft Regisseur Robin Campillo gekonnt zu vermitteln, seine Bildsprache ist lebensnah und authentisch, laut, bunt, dunkel, still, aber immer echt. Auf rührselige Soundtracks wird verzichtet, stattdessen wummern elektronische Beats – doch am prägnantesten bleiben jene Momente, die allein von verzweifelten Atemzügen oder gar Stille untermalt sind und sich dadurch nur umso eindringlicher anfühlen.

Bei der Thematik wäre ein rührseliger, klischeebeladener Film zu erwarten gewesen, doch Campillo weiß mit seinem Werk angenehm zu überraschen. Denn auch wenn sich 120 BPM hinsichtlich Drama und Tragik nur wenig von der (gefühlten) Mehrheit an LGTB-Filmen unterscheidet, besticht er doch durch mitreißende Bilder und eine einfühlsam erzählte Geschichte vieler Schicksale, wie es sie noch heute leider viel zu viele gibt.

Der Starttermin am 30. November ist übrigens nicht zufällig gewählt – laut Verleih fiel die Wahl auf diesen Termin aufgrund der unmittelbaren, zeitlichen Nähe zum Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember.

 

120 BPM, Frankreich 2017, 140 Min.

Regie: Robin Campillo

Buch: Robin Campillo, Philippe Mangeot

Kamera: Jeanne Lapoirie

Schauspieler: Nahuel Perez Biscayart, Arnaud Valois, Adèle Haenel

Verleih & Bildrechte: Edition Salzgeber

Kinostart: 30. November 2017

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