12 Years a Slave

Die erste Einstellung in Steve McQueens 12 Years a Slave ist in vielerlei Hinsicht direkt und bezeichnend für eine Besonderheit des Films. Ohne zeitliche Einordnung steigt der Film direkt in die Zeit der Hauptfigur als Sklave ein. Die frontale Ansicht einer Gruppe von Sklaven, mit direktem Blick in ihre Gesichter, ist spezifisch für den Film und taucht auf ähnliche Weise in späteren Momenten wieder auf. Häufig liegt der Fokus auf langen, nahen Einstellungen des Gesichts der Hauptfigur, überkommen von einer Vielzahl an Emotionen.

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Nach den einführenden Szenen wirkt der Transfer zur Vorgeschichte zunächst abrupt, aber die Darstellung der Ausgangslage ist wichtig, um die drastischen Ausmaße der Veränderung zu verdeutlichen. Solomon Northup (großartig nuanciert gespielt von Chiwetel Ejiofor) ist ein talentierter Geigenspieler und lebt als freier Mann mit seiner Familie in Saratoga, New York. Mit dem Kontrast zu diesem früheren Leben erfolgt auch die einzige wirklich eindeutige zeitliche Verortung der Handlung: 1841. Unter einem Vorbehalt wird er von zwei Männern nach Washington, D.C. gebracht, wo sie ihn unter Drogen setzen und er anschließend in die Sklaverei verkauft wird. Alle rationalen Versuche der Überzeugung, er sei ein freier Mann und könne dies beweisen, sind vergebens. In New Orleans wird Solomon die eigene Identität schließlich völlig entzogen. Von nun an ist er der Sklave „Platt“ aus Georgia und wird als solcher an seinen ersten Besitzer verkauft. Nach einem Zwischenfall landet Solomon schließlich bei dem Plantagenbesitzer Edwin Epps (Michael Fassbender), dessen Ruf als grausamer„slave breaker“ schnell bestätigt wird.

Solomon verbringt den größten Teil seiner Zeit als Sklave auf der Epps-Plantage, allerdings ist der genaue Zeitrahmen im Film nicht markiert und diese Qualität, das Vergehen von Zeit nicht in festen Etappen, sondern vielmehr als nicht enden wollende Dauer zu zeigen, ist herausragend. Diese Qualität ist so beeindruckend, weil ein wichtiger und unvorstellbarer Aspekt der Sklaverei auf subtile Weise fokussiert wird. Über Solomons individuelle Geschichte wird die grausame Tatsache vermittelt, dass es kein Absehen gibt, wie lange die Gefangenschaft und das Leid andauern werden. Dabei ist weniger eine Vorstellung von Tagen oder Jahre von Bedeutung, sondern vielmehr die fehlende zeitliche Einordnung im Sinne einer Ziellosigkeit, einer Endlosigkeit und eines Daseins in ewiger Schwebe, ohne klare Aussicht.

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Eindrucksvoll fokussiert Steve McQueen den Willen zum Aushalten nicht nur innerhalb der Erzählung, er zwingt auch die Zuschauer zum Aushalten in Form des Hinsehens. Mehr noch als in seinen früheren Filmen geht es darum, etwas zu ertragen und anzusehen, hin- anstatt wegzusehen, auch wenn es unangenehm oder sogar unerträglich ist. Wenn Solomon von dem besonders widerwärtigen Plantagenaufseher Tibeats (Paul Dano) gehängt werden soll, ist die statische Kamera auf ihn gerichtet, den Kopf noch in der Schlinge und auf Zehenspitzen im matschigen Boden Halt suchend. Die Einstellung dauert einige Minuten an, es könnten aber genauso gut Stunden vergehen, zumindest fühlt es sich so an. In der wohl grausamsten Szene des Films wird die junge Sklavin Patsey (beeindruckend gespielt von Lupita Nyong’o) minutenlang ausgepeitscht. Als Objekt der verzerrten Zuneigung von Epps und Opfer seines Missbrauchs ist sie die wohl tragischste Figur des Films. Die Kamera bewegt sich in einer einzigen Einstellung ohne Schnitt durchs Bild und kreist immer wieder um die leidende Patsey. Während McQueen an einigen Stellen für diese künstlerische Komposition der Zerstörung des Körpers kritisiert wurde, stellt sich die Frage, ob der geschändete Körper nicht sogar Teil einer Erzählung über Sklaverei sein muss. Trotz der sorgfältigen Komposition handelt es sich meines Erachtens nicht um eine Fetischisierung, sondern um eine notwendig brutale und detaillierte Darstellung. Die Kamera trägt den Zuschauer in das Geschehen, zeigt die verschiedenen Personen, ihre Handlungen und die Konsequenzen. Neben der künstlerischen Qualität der Einstellung erfüllt diese also auch einen wichtigen Zweck.

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Basierend auf der wahren Geschichte von Solomon Northup ist 12 Years a Slave nicht nur eine Erzählung über Sklaverei, sondern auch mitten in der Sklaverei. Auf ehrliche, brutale und eindringliche Weise werden Zeitlichkeit und Dauer thematisiert, verbunden mit dem Willen zum Überleben, der sich im Ertragen von Grausamkeit manifestiert. Die lange verweilende Kamera zeigt menschliches Aushalten und wird zusätzlich zum wichtigsten Stilmittel, um dieses auch vom Zuschauer abzuverlangen. Am Ende bleibt das paradoxe Gefühl, den Film noch einmal und gleichzeitig nie wieder sehen zu wollen.


12 Years a Slave, USA/UK 2013, 134’
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: John Ridley (basierend auf „Twelve Years a Slave“ von Solomon Northup)
Produzenten: Brad Pitt, Dede Gardner, Jeremy Kleiner u.a.
Kamera: Sean Bobbitt
Schnitt: Joe Walker
Musik: Hans Zimmer
Besetzung: Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Lupita Nyong’o, Benedict Cumberbatch, Sarah Paulson, Paul Dano, Brad Pitt, Alfre Woodard, Paul Giamatti u.a.
Verleih: Tobis
Kinostart: 16.01.2014

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