Wolfgang Lehmann

WolfgangLehmann Trollslandor med faglar och ormWolfgang Lehmanns neuester Film Trollsländor Med Fåglar Och Orm ist eine beeindruckende Tour de Force: über eine Stunde werden sehr farbige Aufnahmen von Insekten in einem äußerst schnellen Rhythmus geflickert, auf eine Tonspur wurde dabei verzichtet. Der Film wurde im Januar an der HBK gezeigt und kann bereits auf eine beeindruckende Festivalgeschichte verweisen (Berlinale, New York, Hongkong u.v.a.). Florian Krautkrämer sprach mit dem Regisseur über die Augenmusik seines Films, das Verweben von Aufnahmen und Handarbeit im Zeitalter automatisierter Schnittprozesse.

 

Was ist das für Material, das wir in Trollsländor Med Fåglar Och Orm sehen?

Die Filmbilder sind Aufnahmen aus dem zoologischen Institut der TU Braunschweig, sie zeigen Insekten, Libellen, Schlangen, Kröten und Landschaftsbilder. Vieles sind High-speed-Aufnahmen, die die Flugbewegungen der Insekten erforschen. Ein Großteil war Positivmaterial, das meiste war nicht geschnitten, es kann aber gut sein, das Teile daraus in den FBW-Filmen, die an Schulen gezeigt wurden, verwendet wurden. Einige der Tieraufnahmen und ein grosser Teil der Landschaftsbilder habe ich selbst gedreht.

In was für einem Rhythmus werden die einzelnen Aufnahmen geflickert?

Überwiegend im drei-Bilder-Rhythmus, dabei werden immer drei Aufnahmen miteinander verwoben, also drei Bilder aus Szene A, drei Bilder aus Szene B, drei Bilder aus Szene C, dann wieder drei Bilder aus Szene A usw. Später gibt es leichte Verschiebungen. Es hängt ein bisschen von den Aufnahmen ab. Es gibt auch eine Stelle, wo sechs Aufnahmen miteinander verwoben werden.

Und wie bist du zu dem Rhythmus gekommen, hast du Tests gemacht?

Ich habe vorher verschiedene Tests gemacht mit dem Ziel, dass die einzelnen, konkret vorhandenen Bilder übersprungen werden, damit in der Projektion neue Bilder entstehen. Dabei bin ich dann auf den drei-Bild-Rhythmus gekommen; das lässt sich mit 16mm noch gut verarbeiten, Einzelbilder kann man ja nicht gut aneinanderkleben, und ein Sechs-Bild-Rhythmus ist zum Beispiel viel zu langsam, da bleiben die einzelnen Aufnahmen zu gut erkennbar.

Warum hast du nicht mit dem Rhythmus angefangen zu spielen, ihn zu variieren? Immerhin dauert der Film ja über eine Stunde.

Ich habe anfangs schon mit verschiedenen Rhythmen experimentiert, da ist der Film für mich aber immer wieder auseinandergebrochen. Ich wollte erreichen, dass der Film aus einem Guss besteht und nicht aus mehreren Teilen oder Sätzen.

TROLLSL√ÑNDOR MED F√ÖGLAR OCH ORM by WolfgangLehmann 5Du beschreibst den Film ja auch als eine Art visuelle Musik. Damit meinst du ja sicher nicht so etwas wie Synästhesie …

Nein überhaupt nicht. Eine Tonspur würde die Wahrnehmung des Films in meinen Augen zu sehr steuern. Ich habe oft nach den Vorführungen gehört, dass der Film in der Tat so etwas wie innere Musik hervorruft, wenn man sich auf ihn einlässt, gerade weil die Rhythmik so dominant ist.

Aber wäre vor dem Hintergrund der visuellen Musik nicht doch etwas mehr Variation angebracht? Ich meine, so ist das doch eher ein Ton, der gehalten wird, nicht Musik …

Ja, man kann sagen, dass das sehr minimalistisch ist, das ist in der Musik vielleicht vergleichbar mit Morton Feldman oder Steve Reich. Es sollte nur ein Muster sein, das sich durchzieht.

Und hast du nicht versucht, das ganze dann doch einmal zu brechen, so wie bspw. in Fontaine de Vaucluse (Wolfgang Lehmann, Florian Krautkrämer, D 2001), wo in der Mitte nach 30 Minuten die Einzelbildmontage stoppt und plötzlich eine zweiminütige Real-Doku einsetzt?

Ich habe, da immer wieder dran gedacht, es dann aber letztendlich verworfen, ich hatte da auch kein Konzept für. Fontaine de Vaucluse ist ja auch ein Film über eine alternative Art der Landschaftsdokumentation, so dass es durchaus sinnvoll ist, auch mal den Kontrast zu zeigen. Trollsländor Med Fåglar Och Orm ist in dem Sinne keine Alternative und auch kein Gegenprogramm zu etwas. Es ist ja eher so etwas wie eine Klangmasse, ein Drone, der ja aus einem über eine lange Zeit gedehnten Ton besteht.

TROLLSL√ÑNDOR MED F√ÖGLAR OCH ORM by WolfgangLehmann 4Vielleicht auch mal kurz zu den Musik-Metaphern: das ist ja nun etwas, was den Avantgarde-Film seit Anfang an durchzieht, Germaine Dulac bspw. spricht immer davon, dass Film wie Musik sein müsse und nicht wie Literatur oder Theater sein dürfe. Mal abgesehen davon, dass Film in beiden Fällen nach der Logik der Moderne ja nichts eigenständiges wäre, müsste man inzwischen nicht dahin kommen, von diesen Vergleichen wegzukommen? Ich meine, dein Film ist ja nun mal keine Musik!

Auch viele abstrakte Mahler und andrer Künstler verwenden oft Analogien zur Musik. Vermutlich kommt dies zum einen daher, dass Musik die einzige Kunstform in der europäischen Kunstgeschichte war, die immer für sich sein durfte, also ohne unbedingt ein Gebrauchsfunktion zu erfüllen oder eine Narration zu beinhalten. Zum anderen ist Musik natürlich wie Film eine zeitbasierte Kunstform. Vergleiche aber hinken immer, der Komponist Morton Feldman verwendete ja gerne, um seine kompositionsweise anschaulich zu machen, die Metapher mit dem handgewebten Teppich, also die Ausführung eines komplexen Musters durch Handarbeit und damit auch die Entstehung von Verschiebungen durch Fehler, wie sie maschinell nie entstehen würden. Aber am Bestens währe es wirklich, wenn wir nur über Film reden würden ohne Vergleiche mit anderen Kunstformen machen zu müssen, damit man verstanden wird. Nein mein Film ist keine Visuelle Musik – er ist ein rein visuelles Ereignis das einen visuellen Raum innerhalb einer Zeit von einer Stunde entwickelt, auch mit dem Ziel, dass der Betrachter das Gefühl für Zeit während der Projektion verliert. Dass dabei im Kopf Klänge entstehen, ist allerdings von mir erwünscht, dies liegt ja in der Kraft des Rhythmus und der Suggestionskraft der Visualität.

TROLLSLÄNDOR MED FÅGLAR OCH ORM by WolfgangLehmann 1Ist alles 16mm?

Ja, der Film ist auch komplett auf meinem Steenbeck-Schneidetisch geschnitten worden. Nach Fertigstellung wurde er digitalisiert und wird nun als Digi-Beta vorgeführt. Eine 35mm-Kopie wäre zu teuer, und die geschnittene 16mm-Kopie kann man aufgrund der Klebestellen nicht vorführen. Davon eine 16mm-Kopie zu ziehen, lohnt sich inzwischen auch nicht mehr, da dieses Format wirklich kaum noch jemand zeigen kann. [In Braunschweig kann 16mm nur noch an der HBK vorgeführt werden, Anm. FK.] Es ist natürlich auch schade, da ich schon glaube, dass der Film als Film projiziert sicher noch plastischer und haptischer wirken würde.

Wie wichtig ist für dich die Arbeit mit Filmmaterial?

Ich mag das sehr, ist aber keine zwingende Voraussetzung für mich. Bei diesem Projekt wäre es allerdings für mich keine Option gewesen, das digital zu schneiden. Das würde dann sicher schnell dazu führen, dass man den Prozess automatisiert. Man würde dann ja immer nur drei Frames in die Timeline ziehen, wohingegen ich am Schneidetisch die Rollen in die Hand nehme und so eine ganz andere Beziehung zum Material aufbaue. Das verstaubt und zerkratzt ja auch, die Klebestellen sind nicht gleichmäßig. In der Minimalmusic gibt es eine ähnliche Diskussion, einige automatisieren den Prozess der Komposition, andere wie Morton Feldman lehnen das ab, weil sie der Meinung sind, dass sich dadurch bspw. keine Fehler in den Prozess einschleichen können, die das Ganze ja auch wieder interessant machen. Ich glaube, dass der Prozess bei solch einer Arbeit von entscheidender Bedeutung ist, das hat auch damit zu tun, dass man während der Arbeit ganz anders darüber nachdenkt, das Material sozusagen erspürt. Ich habe einzelne Sequenzen geschnitten, angeschaut, wieder aufgepult etc. Anfangs habe ich auch noch viel experimentiert, dann aber nach und nach ein recht gutes Gefühl zum Film und dem Material entwickelt (ich habe den Film ja über zwei Jahre lang geschnitten), so dass es immer weniger Ausschuss gab.

Das ist ja nicht dein erster Flickerfilm, aber mit Abstand dein längster. Ist das Thema Flicker nun für dich durch? Was wird dein nächstes Projekt?

Es reizt mich unglaublich einen Flickerfilm in 3D herzustellen. Das fasziniert mich von der Räumlichkeit des Bildes her. Das könnte eine Explosion des Bildes werden. Ich habe ein entsprechendes Projekt schon recht weit vorangetrieben, es soll ein abendfüllender 3D Flickerfilm mit dem Arbeitstitel Vergänglichkeit (Vanitas/Paradies) werden. Ich habe auch schon ein wunderbares Team für das Projekt, mit einem Spezialisten für 3D-Technik. Dieser ist von meinem Projekt deshalb angetan, weil ich natürlich Sachen ausprobieren will, die so in der Form mit 3D noch nicht gemacht sind. Von der Struktur her soll der Film ähnlich werden wie Trollsländor Med Fåglar Och Orm, aber doch wohl etwas narrativer wirken, da ich für Vergänglichkeit (Vanitas/Paradies) mit Bildaufnahmen arbeiten möchte, die auch konkrete Gefühle beim Betrachter auslösen.

3D-Flicker, das ist interessant. Ich habe neulich Marsa Abu Galawa (Careless Reef, Part 4) von Gerard Holthuis (NL 2004) gesehen, ein Flickerfilm auf 35mm und in 2D. Die Aufnahmen wurden unter Wasser gedreht, und durch die speziellen Motive, bspw. einem Fisch vor blauem Hintergrund und dem Geflicker, entstand bei mir auch ein Eindruck von 3D, den ich so glaube ich ohne 3D-Technik noch nie gesehen habe. Der Fisch oder auch die Korallen wirkten wirklich extrem plastisch. Kennst du den Film?

Dragonflies with birds and snake by Wolfgang Lehmann 1Ja – Holthuis Film ist wunderbar, ich hatte mir immer gewünscht, dass der Film länger wäre, damit man sich richtig in den Film “verlieren” kann. Visuell ist er Atemberaubend. Als ich mit der Arbeit an Trollsländor Med Fåglar Och Orm begann, hatte ich tatsächlich Holthuis Film vergesse, aber vermutlich war es unter anderem genau dieser Film, der in meinem Unterbewusstsein den Wunsch geweckt hatte, endlich einen einstündigen Flickerfilm zu realisieren.

Trollsländor Med Fåglar Och Orm, Schweden 2007-2012, 60′
Regie, Buch, Produktion & Schnitt: Wolfgang Lehmann

Das Interview fand im Anschluss an die Filmvorführung am 14. Januar 2013 statt. Es wurde im Februar noch um einige Fragen per eMail ergänzt.

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