Margarethe von Trotta

Im Interview über Die abhandene Welt

In ihrem neuen Film “Die abhandene Welt” erzählt Margarethe von Trotta eine von einem persönlichen Erlebnis geprägte Familiengeschichte. Durch Zufall stößt Paul Kromberger, gespielt von Matthias Habich, im Internet auf ein Foto der US-amerikanischen Operndiva Caterina Fabiani, die von Barbara Sukowa verkörpert wird. Caterina sieht seiner verstorbenen Frau Evelyn zum Verwechseln ähnlich. Paul bittet seine Tochter Sophie nach New York zu fliegen, um Kontakt zu der Frau aufzunehmen. Im Verlauf des Films werden nach und nach immer mehr Familiengeheimnisse aufgedeckt und Sophie erfährt, in welcher Beziehung Caterina zu ihrer Mutter steht.

Im Rahmen ihrer Kino-Tour machte die Regisseurin am 9. Mai 2015 auch im C1 Cinema Braunschweig Station. Markus Hörster hat dort mit ihr gesprochen.

Margartethe von Trotta

Wie sind Sie auf die Idee gekommen für das Drehbuch für Ihren neuen Film “Die abhandene Welt”?

Die Idee hatte ich sicherlich schon lange, aber ohne, dass ich es wusste. Also es geht ja in dem Film auch um Wissen und Unwissen, also, dass man bestimmte Dinge weiß, ohne sie zu wissen. Und ich denke mal dieses Thema hat mich ja schon lange beschäftigt und ich wusste, irgendwann muss das raus, also ich muss es auch damit loswerden. Und jetzt habe ich ein bestimmtes Alter und so lange darf ich nicht mehr warten. Und deswegen nehme ich an, dass ich von Innnen gedrängt worden bin, also ich habe mir das gar nicht bewusst gemacht, aber irgendetwas hat in mir gedrängt.

Sie haben selber Ihre Halbschwester erst in späteren Jahren kennengelernt. Wie ist es dazu gekommen? Wie hat die Schwester Sie überhaupt entdeckt?

Ich habe einen Film gemacht, der hieß „Schwestern oder die Balance des Glücks“ – da habe ich auch das Drehbuch geschrieben, ohne vorher zu wissen, was schreibe ich überhaupt. Ich habe mich also hingesetzt vor ein weißes Blatt Papier und habe angefangen und da kam diese Schwesterngeschichte heraus. Und die eine habe ich Maria und die andere Anna genannt und während ich geschrieben habe, habe ich immer schon gedacht, das muss ich ändern, das ist so altmodisch und so biblisch auch. Ich habe es aber nicht geschafft, die Namen zu ändern. Ich habe den Film gemacht und während des Drehs war ein Dokumentarfilmteam dabei, die gewisse Szenen mitgedreht haben und mit mir auch ein Interview gemacht haben. Und in dem Interview habe ich zum ersten Mal über meine Mutter gesprochen und habe erzählt, dass ich unehelich bin, also dass sie nicht verheiratet war – ich folglich also ihren Namen trage – und dass sie schon über 40 war, als ich geboren wurde. Und den Film hat meine Schwester dann sechs Monate später im Fernsehen gesehen – da war meine Mutter mittlerweile schon gestorben – und hat nur einen Brief geschrieben: heißt Ihre Mutter soundso mit Vornamen und ist sie in Moskau geboren und noch so ein paar Sachen, die ich im Interview nicht genannt habe. Und dann habe ich zurück geschrieben: das stimmt, soundso heißt sie und wenn Sie mir etwas mitteilen wollen –  weil meine Mutter ist zwischendurch gestorben – wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir das erzählen und dann schreibt sie zurück: ich bin Ihre Schwester.

Wie haben Sie sich dabei gefühlt, als Sie das erfahren haben?

Ich war total erschüttert. Ich habe richtig Weinkrämpfe bekommen, weil ich ja auch meine Mutter gar nicht mehr befragen konnte. Es war ja auch niemand da, mein Vater war nicht da, der war schon lange vorher gestorben. Ich war ganz alleine mit dieser Erkenntnis und habe das meiner Mutter natürlich auch erstmal innerlich sicherlich nicht so schnell verziehen. Und dann aber habe ich überlegt – auch allerdings mit Hilfe einer Psychoanalytikerin – dass sie mich auch schützen wollte, dass sie vielleicht Angst hatte, dass ich da plötzlich Sie auch in einem anderen Licht sehe oder auch sie dränge, herauszubekommen, wo die andere Schwester ist.

Wie war die erste Begegnung mit Ihrer Halbschwester und stehen Sie bis heute noch in Kontakt mit ihr?

Ja, wir stehen in Kontakt. Ich habe sie dann gleich aufgesucht und sie sah meiner Mutter viel ähnlicher, als ich ihr je gesehen habe, also so ähnlich wie auch in dem Film. Ich habe ähnlich reagiert, als ich sie zum ersten Mal sah, dass mir sofort die Tränen kamen, weil ich in ihr meiner Mutter entdeckt habe.

Würden Sie sagen, „Die abhandene Welt“ ist daher auch Ihr persönlichster Film bisher?

Kann man so sagen, ja!

Sie greifen in dem Film ja zum wiederholten Male dieses Schwestern-Thema auf, was sie ja schon seit Ende der 70er Jahre verfolgt. Was interessiert Sie an dieser Thematik besonders? Warum beschäftigen Sie sich immer wieder damit in Ihren Filmen?

Bei dem ersten Film war das ja wie so eine Vorahnung von dem, was jetzt in dem Film als Fakt geschildert wird. „Bleiernde Zeit“ habe ich die Christiane Ensslin getroffen auf der Beerdigung von ihrer Schwester Gudrun Ensslin und sie hat mir so viel erzählt und ich habe darin eine Möglichkeit gesehen, die deutsche Geschichte zu erzählen. Also da ging es gar nicht so sehr um Schwestern, sondern, dass die beiden sich so auf verschiedene Weise zur deutschen Vergangenheit gestellt haben – die eine, die die Gesellschaft radikal verändern wollte – auch mit Gewalt, und die andere, mit kleinen Schritten und in einer Feministen-Zeitschrift. Wenn das zwei Brüder gewesen wären, hätte ich das vielleicht auch gemacht, aber da mir die Christiane so vertrauensvoll alles erzählt hat, ist es bei den Schwestern geblieben. Also das war jetzt kein Programm, dass ich gesagt habe, ich muss jetzt immer nur Schwestern [thematisieren], es hat sich ergeben.

„Die abhandene Welt“ wurde unter anderem in New York gedreht. Warum haben Sie diesen Ort als Drehort gewählt?

Ich habe schon viele Filme in New York gemacht. Der erste war „Jahrestage“ nach dem Roman von Uwe Johnson und da war es ein Muss, weil er spielte zur Hälfte in New York und zur Hälfte in Deutschland und das hat mir so gut gefallen, dass ich das dann auch bei „Rosenstraße“ wiederholt habe. Dann bei „Hannah Arendt“ – da passt es auch zur Geschichte, nur dass ich da nicht in New York drehen konnte, weil es viel zu teuer war. Es ist einfach eine Stadt, in der ich auch gerne leben würde.

Hauptdarstellerin Barbara Sukowa lebt ja persönlich auch in New York…

Sie lebt da, ist dort verheiratet mit Robert Longo, einem ganz wunderbaren Künstler, also insofern hat es auch einen Bezug zu ihr selber.

Wie war es, zum wiederholten Male mit Barbara zusammenzuarbeiten?

Das ist der siebte Film, den wir zusammen machen, das ist die reinste Freude, das ist wunderbar.

Wie ist es dazu gekommen, dass Katja Riemann die zweite Hauptrolle übernommen hat? Mir ihr haben Sie ja in der Vergangenheit auch schon zusammengearbeitet.

Ja, in „Rosenstraße“ – da hat sie ja sogar den Preis in Venedig für bekommen als beste Schauspielerin – dann haben wir „Ich bin die Andere“ gemacht. Und die haben mich beide immer wieder darauf hingewiesen, dass sie so gerne mal einen Film zusammen machen wollten und das erschien mir jetzt hier die Möglichkeit zu sein.

Die Figuren, die die beiden darstellen, die singen in dem Film und in ihrem richtigen Leben singen die beiden ja auch – Barbara Sukowa schon seit ungefähr dreißig Jahren. Haben Sie die Rollen speziell für die beiden Darstellerinnen geschrieben, oder stand schon von vornherein fest: die Figuren sollen singen und dann wähle ich zwei Darstellerinnen aus, die singen können.

Ich habe sie für die beiden geschrieben, weil sie eben auch zusammen spielen wollten und das ist auch eine Hommage von mir aus an die beiden Schauspielerinnen, die beides meine Freundinnen sind mittlerweile. Und jetzt sind wir zu dritt, also wir sind ein Trio, weil die beiden haben sich natürlich auch gleich angefreundet.

Werden Sie noch einen weiteren Film mit den beiden drehen?

Ich hoffe, vielleicht gelingt es mir nochmal.

Im Laufe des Films werden diverse Familienlügen aufgedeckt. Denken Sie, dass solche unerzählten Geschichten sehr verbreitet sind in Familien?

Das glaube ich ganz gewiss. Natürlich besonders bei dieser Generation noch. Das war eine Generation, die hat wenig geredet. Also ich glaube, heute teilt man sich schon ein bisschen mehr mit. Das merkt man ja mit Internet, mit dem Handy und Facebook und Twitter, also jeder sagt sofort ich bin hier und da. Also die Kommunikation hat sich gewaltig verändert, aber ob man so die allergeheimsten Dinge [mitteilt], weiß ich nicht.

„Die abhandene Welt“ hatte Premiere auf der diesjährigen 65. Berlinale. Wie waren die Reaktionen bislang?

Bei der Premiere war es wunderbar. Und vor allen Dingen haben die Leute auch so viel gelacht, was ich gar nicht so vermutet hatte, aber mir hat es natürlich gefallen, dass sie den Humor in dem Film auch notiert haben.

Hin und wieder sprechen Sie an, dass einen Frauenquote im Filmbereich wichtig wäre. Warum wäre das aus Ihrer Sicht wichtig und erleben Sie in Ihrer Arbeit Hürden, wenn es darum geht, Filme finanzieren zu können?

Alle Frauen haben diese Hürden wahrgenommen und ich ganz besonders. Bis ich meinen ersten Film gemacht hatte, musste ich ganz schön kämpfen und andere auch. Und das geht den jungen Filmemachern heute genauso. Ich bin dabei, weil ich ihnen sagen will: macht ihr und bleibt mutig, also ich kämpfe nicht mehr mit ihnen, aber ich finde es gut, dass sie das tun. Das muss jede Generation für sich erneut tun. Solange das nicht so ist, dass man gerecht behandelt wird, muss man weiterkämpfen.

Arbeiten Sie schon am nächsten Projekt und können Sie dazu schon etwas verraten?

Ich mache vielleicht eine Komödie – mehr verrate ich nicht.

Spielt Barbara Sukowa wieder mit?

Ja!

Vielen Dank Margarethe von Trotta und noch viel Erfolg mit Ihrem Film „Die abhandene Welt“!

Margartethe von TrottaDas Interview mit Regisseurin Margarethe von Trotta über ihren neuen Film “Die abhandene Welt” führte Markus Hörster.

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