Johannes Grenzfurthner

Im Interview über Traceroute

JG

Kannst du kurz die Handlung von Traceroute nachskizzieren? Was sind das für einzelne Elemente, aus denen sich der Film zusammensetzt?

Traceroute ist ein Road-Movie, eine Fahrt von der West- zur Ostküste der USA, also mit einer sehr linearen Handlung. Die ersten 10 Minuten zeigen meinen Werdegang als Nerd, für was ich mich so interessiert habe als Kind, auch ein bisschen wie ich politisch aufgewachsen und erwacht bin, vom Zeitpunkt meiner Geburt an bis sozusagen zum März 2015, wo wir mit dem Roadtrip begonnen haben. Der Prolog rekonstruiert sozusagen diese ganze Prä-Internet-Online-Kommunikation der 80er Jahre und wie ich da Freunde und Mitstreiter kennengelernt habe und dann kommen wir auch schon in meine politische Arbeit, AntiFa und überhaupt und wie es mit monochrom losging. Während dem eigentlichen Roadtrip wollte ich zu den ganzen Locations fahren, die mich als einen in den 70ern und 80ern großgewordenen Nerd geprägt haben, um sich diese anschauen und auch ein bisschen kritisch darüber zu reflektieren, welche Orte und welche Menschen das denn eigentlich sind. Auf dem Weg habe ich auch Interviews geführt über die Frage was Nerd-Culture eigentlich sei: Wir leben in einer Welt, die quasi von Nerds beherrscht wird und ich bin noch in einer Welt aufgewachsen in der die Nerds auf dem Schulhof verprügelt worden sind.

Wie hat sich die Produktion eines solchen Road-Movies gestaltet?

Ich kannte die meisten Interview-Partner und ich wusste auch relativ genau wo ich hinfahren will. Die Route selbst habe ich nur gemeinsam mit Jenny geplant, die auch die Produktions-Managerin war und den Ton gemacht hat. Und dabei war es gut jemand dabei zu haben, der zu mir gesagt hat: “Du kannst nicht fünf Interviews an einem Tag machen.” Das war schon gut, dass ich mit jemanden gefahren bin, der nicht so besessen von den ganzen Sachen ist wie ich.

Du hast auch erwähnt, dass dem Film sechs Jahre Planung vorangingen. Was hast du in dieser Zeit gemacht außer die Route zu planen?

Diese sechs Jahre waren nicht wirklich Vorbereitungsarbeit. Die Idee für diesen Film habe ich schon vor sechs Jahren gehabt und im letzten Winter dachte ich mir dann: „Ja, diese Idee liegt ja schon ewig herum und ich würde sie nun gerne realisieren, zudem werde ich auch 40 und habe überhaupt noch kein größeres Projekt für das Jahr 2015, das sehr viel Aufmerksamkeit auf sich zieht.” Generell habe ich mir zum Ziel gesetzt, dass ich jetzt jedes Jahr einen Langspielfilm oder einen Dokumentarfilm machen möchte – jedes Jahr bis ich tot umfalle.

Aber das war jetzt dein erster Dokumentarfilm?

Genau – also indirekt. Wir hatten 2013 zwanzigjähriges monochrom Jubiläum. Da hab ich so eine Art Dokumentation über eine Ausstellung, die wir über monochrom gemacht hatten, gedreht. Wir haben ja relativ wenig Flachware, die man in einer Galerie an die Wand hängen kann und von einigen Projekten haben wir nur ein paar verwackelte Fotos. Und die Idee war nun 23 kleine Diaoramen zu bauen, um die Projekte zu präsentieren – in einer Art und Weise wie sie in einer Galerie funktionieren könnten. Nicht das Ding selbst, sondern unsere skulpturale Interpretation dessen, was die Aktion für uns war. Und da hab ich dann von all den 23 Objekten kurze Background-Geschichten aufgenommen, in denen ich erkläre was das ist. Zusammengefasst zu einem einstündigen Film heißt das eben monochrom 23 works und war womöglich mein erster Dokumentar- und Dokumentationsfilm. Aber vom Gefühl her ist doch Traceroute die erste richtige documentary.

Ein Dokumentarfilm mit einer ganz bestimmten und einprägsamen filmischen Ästhetik. Wie ist die Entscheidung dazu gefallen, immer wiederkehrenden Video-Testbilder, mediales Rauschen und den collagierten Status des Films in Szene zu setzen, gerade im Verhältnis zu deiner Filmcrew, die beim Filmen selbst auch immer wieder sichtbar wird? Das Erste stellt das mediale Produkt aus, während Letzteres ein Dahinter sichtbar macht.

Es ist ein sehr persönlicher Film und deshalb war es mir auch wichtig diese Leute vorzustellen, die mit mir diese Reise gemacht haben. Man sieht zum Beispiel die Jenny und den Eddie, die ich auch im Film vorstelle und dazu sage, dass es Freunde von mir sind. Aber die Videofilme und Anfangsästhetik waren auch ein Mittel, um zu zeigen wie die Zeit material-semantisch vergeht. Es beginnt in einer Zeit in der es noch kein Video gab und erst später kommt dann das Videorauschen dazu und dann wird es mit den Hackern zunehmend auch digitaler. Wir haben außerdem versucht für jedes einzelne Interview eine leicht unterschiedliche Ästhetik zu wählen und ein bisschen die Präsentationsform zu verändern. Ich habe mir gedacht, da der Film durch die tagtäglichen Interviews etwas Repitivies hat, dass man das ästhetisch ein bisschen auflockern sollte, sodass die Interviews nicht alle gleich ausschauen. Und zum Teil sind auch Sachen drin, die niemand verstehen kann, weil ich in der Ästhetik des Interviews etwas einbaue, das auch ein bisschen mit den Leuten selbst zu tun hat.

Lockert das den Film auf oder macht es ihn nicht noch dichter?

[lacht] Also ich habe immer versucht, es nicht zu hektisch zu machen. Der Film hat schon so einen Pace, seinen eigenen Takt…

Aber der Film bleibt immer noch in der Vergangenheit verhaftet, oder? Du beschreibst zwar, wie du durch die Zeit gehst, doch kommst du aber nicht in der Gegenwart an, sondern greifst beispielsweise immer wieder auf eine spezifisch datierte 16-bit Ästhetik zurück.

Ja, in der Intro-Sequenz gehe ich die Zeit durch, aber die eigentlich zusammenhängende Ästhetik des Films sind die Fahrten und der häufig direkte Blick aus der Dash-Cam. Deshalb sind sehr viele Fahraufnahmen als Kleister vorhanden, um von Punkt A nach B zu kommen. Zu den Fahrten kommen noch weitere Zusatzmaterialien dazu, die man einbauen kann, damit man den Zuschauern auch etwas vermittelt. Wenn man etwa von Werner von Braun redet, sollte man auch ein Bild von ihm haben, um zu wissen wie der Typ aussieht. Und hier stellt sich die Frage nach dem Copyright: Deswegen habe ich auch sehr viele Zeichnungen und grafische Elemente eingebaut, weil ich dadurch das Copyright umgehe und mir nicht Gedanken machen muss, ob ein spezifisches Bild, das ich gerne hätte, eventuell nicht Public Domain ist. Darum habe ich mit sehr vielen Künstlerinnen und Künstlern zusammengearbeitet, die ich dann gebeten habe, eine grafische Interpreation von Filmen oder Ähnlichem anzufertigen.

Wo du gerade von Rechten sprichst – ein paar Mal habt ihr von unter der Jacke etwas gefilmt, wie etwa den Grabstein von H.P. Lovecraft oder auch am Meteroitenkrater. War das eine Reaktion darauf, dass euch die entsprechenden Rechte gefehlt haben?

Bei Lovecrafts Grab wars tatsächlich Guerrilla-Style, das thematisiere ich auch im Off-Kommentar. Beim Meteor Crater haben wir aber echt um Drehgenehmigung angesucht. In der Szene spiele ich auch damit, dass die Leute erwarten, dass ich Bombastik des Meteroitenkraters abfeiere, aber dann stehen ich eher bei der Airconditioning herum und esse ein Subway-Sandwich.

Du hattest bereits angesprochen, dass ihr bei dem Einsatz von Bildern besonders viel Wert auf die rechtliche Situation legen musstet. Neben den Bild-Zitaten hattet ihr im Film jedoch auch unzählige Wortzitate, etwa von Gilles Deleuze oder Michel Serres. Gerade in einem Film über Nerd-Culture mag das womöglich irrtieren. Doch wie haben diese philosophischen Zitate in euer Filmvorhaben reingespielt?

Das hat generell was mit mir und der Geschichte von monochrom zu tun. Für mich ist es furchtbar immer in seinem eigenen Saft zu schmoren: Also die ganze Zeit in seiner eigenen kulturellen Inzucht zu sein. Ich habe das nie verstanden. Ich wollte immer ein bisschen überbrücken zwischen Akademikern und Nerd-Kultur. Ich habe mich mein ganzes Leben lang nie besonders wohl in einer Szene gefühlt. Ich habe es nie wirklich nur auf der Uni ausgehalten, ich wollte nie wirklich nur bei den Hackern oder nur in der Kunst sein. Und für monochrom war es von Anfang an klar, dass wir irgendwie an die Leute herankommen wollen. Also die Grundidee von monochrom ist auch: „the best weapon of mass distribution of an idea“. Man nimmt sich ein spezifisches Projekt, ein spezifisches Medium und einen spezifischen Kontext. Und manchmal ist es besser ein Musical zu machen, ein anderes Mal ist es sinnvoller ein Buch herauszugeben oder einen Film zu machen. Aber diese Grundidee ist bis zu einem gewissen Grad eine aufklärerische, sofern das überhaupt noch möglich ist. Wahrscheinlich kennen viele Leute Michel Serres nicht, die sich den Film anschauen und eher aus einer Nerd-Ecke kommen, aber immerhin haben sie dann mal von ihm gehört. Und ich weiß ja wie Menschen funktionieren: „Ah, Name schon mal gehört. Wer ist denn das? Google!“ Wenn ich einen Menschen dazu bringe sich Michel Serres anzuschauen – wieso nicht? Einerseits sind es wichtige Zitate und Einflüsse für mich, andererseits kann man den Leuten auch mal was hinknallen. Wenn sie sich unterhalten fühlen und eine gute Zeit haben, sind sie viel mehr bereit etwas aufzunehmen und sich etwas sagen zu lassen, als wenn man ihnen mit dem erhobenen Zeigefinger kommt. Und manchmal kommt man natürlich doch mit dem erhobenen Zeigefinger daher. Ich mache das im Film auch, aber es ist trotzdem noch im Rahmen eines unterhaltsamen, ironischen und komischen Texts.

Diese Zitate sind ja wie der restliche Film auch in englischer Sprache: Ist es dein Ansatz den Film international zu zeigen und hatte das auch Einfluss auf die Aggregation des Ausgangsbudgets?

Ja, es war immer schon so gedacht, dass wir den Film international zeigen wollen. Die Grundfinanzierung lief dabei über Privatpersonen, die 2000 Dollar hier und 500 Dollar dort hergegeben haben. Auch von der Universität in Pittsburgh haben wird noch Geld bekommen und so konnten wir insgesamt 10 000$ zusammenkratzen.

Und wo würdest du den Film für eine internationale Distribution platzieren? Im Kino oder etwa bei einem Fernsehsender?

Für einen Fernsehsender müsste man ihn dann wahrscheinlich dritteln oder einen Zweiteiler daraus zu machen. Keine Ahnung ob das für das Fernsehen interessant wäre, da der Film schon experimentell ist – also nicht Kurt-Kren-experimentell – aber ich habe keine Ahnung, ob ein Fernsehsender das dann so eins zu eins nehmen würde. Was ich mir vorstellen könnte ist, dass das womöglich gut auf Online-Plattformen laufen könnte. Ich habe in Amerika mal die Netflix-Angebote durchgeschaut und da sind sehr viele ganz schräge Dokumentationen dabei, die aber auch geschaut werden. Das Problem ist dann eher einen Vertrieb dafür zu finden, um da reinzukommen. Unser Plan ist zunächst zu versuchen bei möglichst guten Filmfestival mit Traceroute reinzukommen und dann, wenn das klappt, hat man ohnehin schon etwas weniger Probleme. Das worst case-Szenario ist, dass niemand in der Filmszene an dem Film interessiert ist. Ja dann stelle ich es halt auf Pirate Bay rauf und dann ziehen es sich wahrscheinlich tausende Leute runter. Damit habe ich zwar keinen Groschen Kohle gemacht, aber ich habe auch nie damit gerechnet Geld mit dem Film zu verdienen. Da bin ich sowieso sehr pragmatisch. Das ärgert mich jetzt auch irgendwie, dass der Dokumentarfilm seit drei-vier Wochen fertig ist und ich jetzt drauf sitze und nichts damit machen kann. Jetzt muss ich warten bis die Filmfestivals quasi „Ja und Amen“ sagen, aber ich so wie die Internet-Generation bin: „Es ist fertig und ich möchte es herzeigen.“ Das Schlimmste was passieren kann ist, dass fertige Kulturprodukte verstauben und nichts damit passiert. Wenn ich das gratis im Internet hergebe und es eine Fanbase findet, habe ich im Endeffekt mehr davon, als es ausschließlich auf anderen Wegen zu vertreiben.

Das Interview mit dem Künstler und Regisseur Johannes Grenzfurthner über seinen neuen Film “Traceroute” führten Arne Fischer und Theodor Frisorger. Der Trailer und weitere Informationen zu Traceroute sind auf der offiziellen Projekthomepage zu finden.

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>