Jan Schomburg

Die zweite Staffel der Cinemathek ist nun vorbei und hatte einen tollen Abschluss mit Jan Schomburgs Film „Über uns das All“. Das Kino war bis auf den letzten Platz besetzt und im Anschluss des Films stand der Regisseur den Zuschauern Frage und Antwort. Am Folgetag haben wir – die Daumenkinoredaktion – uns in kleiner Runde mit Jan getroffen und ihm einige Fragen gestellt. Wir sprachen über die Charaktere des Films und er verriet einige Dinge, die den Produktionsprozess betrafen.

In einer Szene spricht Martha ihrem Mann Paul auf seine Mailbox und sagt, dass sie ihn “vielleicht” lieben würde. Geht es in dem Film also eher um eine vielleicht-, als um eine große Liebe?

Dieses „vielleicht“ ist eher so ein kleiner Witz von ihr. Ich glaube schon, sie liebt ihn “wirklich”. Wie stark ihre Liebe ist, zeigt sich ja dann dadurch, dass sogar der Tod die Liebe nicht negiert. Ihre Liebe ist letztendlich stärker als der Tod . Klar, das ist der Gedanke von Liebe als einer Idee, die unter Umständen gar nicht an eine konkrete Person gebunden ist, sondern an eine Vorstellung, die man in sich selbst trägt. Ich mag die Beiden sehr gerne zusammen, diese spielerische Ebene, die sie zusammen haben. Dieses Ironische und diese verschiedenen Realitätsebenen, mit denen sie in der Kommunikation spielen.

Es gibt diese eine Szene, in der Martha die Treppe nach unten läuft. Das wird von oben gefilmt und ich habe das als eine Abwärtsspirale wahrgenommen und als Anfang des zweiten Films. War das dann auch eine Bewegung nach unten im Film, die dann geblieben ist, obwohl es dann so dargestellt worden ist, als wäre sie glücklich mit ihrem neuen Partner?

Das ist auf jeden Fall eine Übergangsszene, eine Transformationsszene von einem Zustand zum anderen, wo irgendetwas plötzlich anfängt, was den Film und vor allem die Figur total verändert. Sandra [Hüller, Anm. d. Red.] und ich hatten, als wir über die Figur gesprochen haben, immer das Gefühl, die Figur fängt erst wirklich zu leben an, wenn die Polizistinnen klingeln. Und diese Szene ist sozusagen schon die Ahnung davor. Davor lebt sie eigentlich noch gar nicht. Erst dieser Schock ist etwas, was dann die Figur ausmacht.
Aber für mich war das auf jeden Fall dann auch so ein Moment der Transformation, wo der Zuschauer noch gar nicht so richtig weiß, was passieren wird. Gleichzeitig glaube ich aber, dass man als Zuschauer so eine kleine Ahnung braucht, dass da irgendetwas nicht stimmt. Ich hatte immer gehofft, dass man im ersten Drittel des Films so etwas wie ein Unbehagen spürt.

Was ich noch erwartet hatte, war Pauls Beerdigung: War die ursprünglich geplant zu zeigen?

Ursprünglich hatte ich schon darüber nachgedacht, wie man das vielleicht zeigen könnte. Mir sind aber keine guten Bilder dazu eingefallen. Das war für mich dann so etwas wie ein “Abliefern”. Ich habe schon unzählige Beerdigungsszenen gesehen; und ich hatte einfach keine Idee, was sich dem noch hinzufügen ließe. Der Film erzählt ja relativ häufig zwischen den Bildern, und ich fand es hier interessanter, dass darüber nachgedacht wird, was man auf der Beerdigung anzieht als eine Beerdigungsszene, die dann nicht mehr erzählt, als dass jemand begraben wird.

Aus welchem Grund reagiert Martha in der Barszene so heftig auf den Begriff „Faschismus“? Sie meinte ja, sie könne das Gerede vom “Faschismus” nicht mehr hören.

In meinem Freundeskreis hat sich “faschistoid“ als scherzhafter Begriff etabliert, den man für alles mögliche verwendet. Deshalb dachte ich dann, dass sie davon genervt ist. Diese Diskussion über den potentiell faschistoiden Charakter der Liebe, die im Film in der Bar passiert, habe ich tatsächlich mal mit einem Freund erlebt, der diese Theorie aufgestellt hat. Eine italienische Freundin ist dann wütend geworden, weil er ihr romantisches Bild der Liebe bedroht hat. Ich fand es dann aber spannend, diesen an sich negativen Aspekt der Liebe als positive Vision zu denken – kann also diese brachiale Kraft der Liebe, die den anderen nach ihren Vorstellungen verändert, vielleicht auch etwas Positives, Erstrebenswertes sein.

Wir hatten erwartet, dass der Aspekt des Doppellebens von Paul noch mehr betrachtet wird. Oder dass Martha noch mehr recherchiert, was im Film nur sehr beiläufig behandelt wird. Hattest Du mal mit dem Gedanken gespielt, das mehr einzubringen oder war das gar kein Thema?

Dass man da keine Antwort drauf bekommt ist so eine Kröte, die man als Zuschauer schlucken muss. Das hat mir dann aber auch gefallen, weil es eben eine Kröte ist, die man immer schlucken muss, wenn jemand sich umbringt. Es bleibt immer eine Leerstelle, die man nicht ausfüllen kann. Und selbst wenn man jetzt wüsste, die Person hatte Schulden oder ähnliches, bleibt trotzdem etwas offen. Für mich war es auch eine Herausforderung – „mal gucken ob das geht“. Dass man das einfach nicht beantwortet und der Zuschauer dann irgendwann merkt, dass es eigentlich um etwas ganz anderes geht. Da hilft natürlich auch ein bisschen der Perspektivwechsel in der Mitte des Films, wo es dann nochmal in eine ganz unerwartete Richtung geht. Je intensiver man die Recherche zeigt, desto stärker macht man diese dramaturgische Bewegung. Deswegen hatte ich das Gefühl, dass man das relativ schnell in eine andere Richtung bringen muss, wenn man das am Ende unbeantwortet lassen will.

Und dadurch, dass Du ja an dem Punkt, an dem man so richtig einsteigen würde als Zuschauer in die Recherche, das so vehement abbrichst mit einer total deutlichen Autorengeste, wird der Film ja auch zu einem Film über Tod und Verarbeitung. Im Grunde ist es ja immer so, dass es, wenn jemand stirbt, eine Reihe von Fragen gibt, die einfach unbeantwortet bleiben. Wenn man den Film nun mal unter der Perspektive der Trauerarbeit ansieht, was wäre denn jetzt die Verarbeitungsstrategie von Martha?

Es ist interessanterweise sehr wichtig für den Zuschauer, dass er merkt, dass das mit ihrem Schmerz zu tun hat. Ihre Art, den Tod von Paul zu negieren hat etwas damit zu tun, dass ihr Schmerz so groß ist. Ich habe diese Art der Ablehnung von Trauer anfangs, als ich das Drehbuch geschrieben habe, als etwas total Obszönes empfunden. Dass sie sich das einfach so rausnimmt zu trauern, wie es ihr gefällt. Man denkt ja, dass Trauer etwas ganz Individuelles, genuin Eigenes ist, aber in Wirklichkeit ist Trauer natürlich in hohem Maße gesellschaftlich geprägt, und es existieren auch starke gesellschaftliche Erwartungen an jemanden, wie er zu trauern hat.
Manche Zuschauer sagen in den Gesprächen „das fand ich aber total unrealistisch und das geht nicht und das kann man nicht machen…so trauert niemand“. Ich habe aber zum Beispiel gerade einen Brief von einer Frau bekommen, die den Film auch gesehen hat und die geschrieben hat, der Tod ihrer Tochter hätte bei ihr eine ganz starke positive Energie hervorgerufen. Und sie hat gesagt, dass das niemand versteht, der das nicht erlebt hat – selbst jemand, der es erlebt hat versteht es vielleicht nicht.

Ja, ich finde es ja interessant, dass Du ganz stark von dieser Trauerarbeit ablenkst. Vor allem durch die zweite Figur – Alexander.

Im Idealfall ist es ja so, dass man von dem Tod und dem Ausbruch und dieser Verzweiflung wirklich gepackt ist, und dann wundert man sich ein bisschen über sich selber im Idealfall, dass man gerne diesem neuen Paar zuguckt und das auch lustig findet. Ich finde die Art und Weise, wie “Trauerarbeit” normalerweise in Filmen dargestellt wird, oft langweilig. Die Projektion und die Verdrängung, das sind ja ziemlich tolle psychologische Instrumente, die uns zur Verfügung stehen, die aber gleichzeitig ziemlich schlecht beleumundet sind. Ich wollte das gerne als etwas Positives denken, und dafür bietet Alexander quasi die Möglichkeit.

Ich hätte noch eine Frage zu Martha und Alexander: ich hatte das Gefühl, dass zwischen den Beiden schon irgendwie eine Seelenverwandtschaft besteht, obwohl es ja auch dementiert wird, als sie zusammen an dem Tisch sitzen und fragen, ob sie sich kennen und direkt darauf antworten „nein natürlich kennen wir uns nicht“.

Klar, es ist ja auch so, dass der Film sich da selbst reflektiert in dem Gespräch. Metallene in Gesprächen im Sinne einer Selbstreflexion der Figuren ist oft verboten im Film, aber das finde ich so fern vom Leben. Ich kenne ganz viele Gespräche, die fast ausschließlich auf einer Metaebene stattfinden. In dieser Abendessensszene ist es ja nur diese kleine Verschiebung, die dadurch hervorgerufen wird, dass sie plötzlich so spielen, als würden sie in einem Film spielen. Dass das als Lacher funktioniert, das hat mich total gefreut, weil ich mir ganz unsicher war, ob das geht. Ich träume schon länger davon, eine große Komödie zu machen, die hauptsächlich darüber funktioniert, dass die Schauspieler im Spiel ihre Realitätsebenen wechseln. Im Theater gibt es das ja viel häufiger.

Es ist in gewisser Weise auch ein Metafilm über Schauspielerei. Es gibt dauernd Momente, wo es in der Szene kippt, wo sie ihm bewusst was vorspielt und so.

Das hat natürlich auch mit meiner Erfahrung als Regisseur zu tun: Da spielt jemand eine Szene und ist emotional ganz drin in der Figur, dann sagt man „Cut!“ und plötzlich verändert sich die ganze Energie, die Gesichtszüge fallen herunter oder entspannen sich. Ich wollte den Zuschauer daran teilhaben lassen, dass jemand so eine Emotion herstellt und sie dann wieder weg ist.

Alexander führt das ja dann auch noch fort. Das finde ich ganz witzig in der Fußgängerzone. Da spielt er das Spiel auch noch mit. Wo man auch erst nicht weiß, wie er reagieren wird und dann sagt er…

….“joa, das hat mich jetzt eigentlich nicht so überzeugt!“ (lacht) Das war, glaube ich, der einzige manipulative Moment in der Arbeit mit den Schauspielern. Eigentlich mag ich das überhaupt nicht, zu Schauspielern zu gehen und ins Ohr zu flüstern „du machst jetzt das und die andere ist nicht darauf vorbereitet.“ Ich glaube immer, dass das erwachsene Menschen sind und es ist ihr Beruf etwas herzustellen. Aber hier habe ich Georg beim letzten Take gesagt, dass er am Ende sagen soll, dass es ihn nicht so überzeugt hat. Und Sandra musste dann wirklich quasi als Schauspielerin lachen, weil sie von seiner Reaktion tatsächlich überrascht war.

Wie bist Du überhaupt auf die Schauspieler gekommen? Hattest Du die von Anfang an im Kopf als Du das geschrieben hast?

Sandra hatte ich zuerst überhaupt nicht im Kopf. Ich kannte sie nur aus „Madonnen“ und aus „Requiem“, und ich dachte, man bräuchte jemand, der diese Leichtigkeit und den Witz und auch diesen Charme und Sexiness – Gott, was für ein schreckliches Wort – verkörpern kann. Dann waren wir zufällig auf der gleichen Silvesterparty von Benedikt Neuenfels und seiner Freundin Valerie Koch, die wundervollsten Gastgeber überhaupt übrigens, und da war eben Sandra auch und war toll und lustig und betrunken und hat getanzt, und ich habe sie plötzlich ganz anders gesehen als in ihren Filmen. Dann haben wir uns relativ bald danach getroffen, zusammen gegessen, und ich habe ihr von meinem Drehbuch erzählt.

Hat sie nicht auch in „Brownian Movement“ mitgespielt? Das ist ja auch ein ganz ähnlicher Film oder hat eine ganz ähnliche Geschichte, mit ihr in der Hauptrolle.

Ja, das war auch ganz kurz hintereinander. Und Georg Friedrich hatte ich schon relativ lange auf dem Radar. Meistens spielt er ja eher Proleten oder Gewalttäter, Dealer oder so etwas. Dann ist es immer wieder was Schönes, auch etwas anderes in jemandem zu sehen. Er hat mir dann erzählt, dass er, als er das Drehbuch gelesen hat, ein bisschen geweint hat, weil er nicht gedacht hätte, dass ihn nochmal jemand als Geschichtsprofessor besetzt…
Und Felix Knopp, der den Paul spielt, ist jemand, der im Theater relativ bekannt ist. Er spielt viel am Thalia-Theater in Hamburg und hatte eigentlich vorher noch nie richtig etwas gedreht. Aber mir gefiel es sehr, wie er die Sachen macht.
Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, Schauspieler zusammen zu bringen, die auch von ihren Spielstilen her zueinander passen. Sandra hat ja so eine Art, Realität herzustellen, die sehr unmittelbar ist. Es gibt ja auch viele Schauspieler, die hervorragend sind, die aber eine viel stilisiertere Art haben, Realität herzustellen. Das soll jetzt gar keine Wertung sein, aber ich hatte das Gefühl, dass man Leute finden muss, die zu dieser Unmittelbarkeit von Sandra passen.

interview_schomburg

Das Interview wurde geführt von Jennifer Ament, Christin Ehlers, Philipp Fust, Florian Krautkrämer und Florian Reupke.

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