Christoph Hochhäusler

Im Interview über Die Lügen der Sieger

Einen echten Polit-Thriller ‘made in Germany’ hat Regisseur Christoph Hochhäusler ins Kino gebracht. In “Die Lügen der Sieger” beleuchtet der Grimme-Preisträger ein brandaktuelles Thema: die Auseinandersetzung mit Macht, Lobbyismus und die Manipulation von Medien. Zum Kinostart hat Christoph Hochhäusler seinen Film im C1 Cinema in Braunschweig vorgestellt. Markus Hörster hat mit dem Regisseur gesprochen.

Christoph Hochhäusler Daumenkino Foto Markus Hörster

Christoph Hochhäusler (Foto: Markus Hörster)

 

Sie haben ja neben der Regiearbeit auch in Zusammenarbeit mit Ulrich Peltzer das Drehbuch geschrieben. Wie sind Sie auf die Idee gekommen für den Film „Die Lügen der Sieger“?

Es gab ein früheres Projekt von einem Journalisten, das ich alleine geschrieben hatte. […] Da habe ich aber nie den richtigen Ton gefunden, das habe ich irgendwann liegen gelassen. Aber nachdem dann meine Zusammenarbeit mit Ulrich einfach viel Spaß gemacht hat, nach „Unter dir die Stadt“ haben wir einfach besprochen, was wir jetzt machen sollen und dann habe ich ihm einen Film über einen Journalisten in Berlin vorgeschlagen. Sein Figuren-Name das ist das einzige, was sich erhalten hat von diesem anderen Drehbuch. Und dann haben wir angefangen zu dichten.

Wie kann man sich den Schreibprozess vorstellen? Gibt es oft Meinungsverschiedenheiten, wenn man zu zweit an einem Drehbuch arbeitet?

Wir schreiben tatsächlich zusammen – in einem Raum. Einer sitzt am Computer, liest vor, tippt, korrigiert, macht Vorschläge und der andere hört zu, redet, macht auch Vorschläge. So geht es hin und her und das ist eigentlich eine sehr schöne Arbeit – langwierig, aber sehr schön.

Sind Sie während des Schreibprozesses auf Schwierigkeiten gestoßen?

Was schwierig ist finde ich zu schreiben, ist diese Art von Informationsuhrwerk, die ein Thriller ist, also wann erfahre ich was, dass ich nicht zu viel erfahre, dass es nicht sofort banal wird, dass es nicht zu wenig ist, also dieses Austarieren ist wahnsinnig schwierig, da kann ich noch viel lernen, glaube ich.

Gibt es so einen ähnlichen Fall, wie er im Film geschildert wird?

Es ist ein Patchwork aus realen Dingen. Also unter anderem der Envio-Skandal, wo es um ganz starke Vernachlässigungen von Arbeitsschutz ging, wo sich also Arbeiter und ihre Familien extrem vergiftet haben an PCB-haltigen Generatoren – das war in Duisburg. Und viele andere Dinge, die eben so passieren in der Berliner Republik. Also mehr oder weniger alles, was im Film passiert, hat eine Entsprechung in der Wirklichkeit, aber das ist dann schon frankensteinartig zusammengefügt, also das ist schon eindeutig eine Fiktion.

Die Recherchearbeit hat eine sehr große Rolle gespielt in der Vorbereitung auf die Dreharbeiten. Wie lange haben Sie recherchiert, um dieses Drehbuch zu entwickeln?

Über einen Zeitraum von zwei Jahren haben wir recherchiert, wobei die Recherche schon sehr stark versucht hat, das was wir wollten zu finden. Also es war schon eine informierte oder auch tendenziöse Recherche in dem Sinne. Ich glaube, wenn man nicht recherchiert für so ein Thema, dann wird das schnell sehr lächerlich, weil man natürlich vieles gar nicht wissen kann und wenn man einen Film machen will, der brauchbar sein soll für das Wirkliche, dann muss man sich schon informieren, was eigentlich los ist.

Sind Sie bei den Recherchen auf etwas total Erstaunliches gestoßen, wovon Sie vorher noch nie etwas gehört hatten?

Ja, viele Dinge. Nur als Beispiel diese Apotheker-Lobby-Geschichte – die hat mich schon überrascht, dass es solche Ausmaße haben kann. Eine kleine Lobby, die den IT-Verkehr eines Ministeriums absaugt – das ist schon allerhand. Aber auch dieser Skandal um „News of the World“ in Großbritannien, wo die Rollenverteilung umgekehrt war, aber dass man Informationstechnik im weitesten Sinne benutzt, um sich Informationen illegal zu beschaffen, dass man Anrufbeantworter hackt oder Mailboxen oder E-Mail-Accounts oder dass man, wie wir jetzt inzwischen auch wissen, die eigene Redaktion ausspionieren kann. Alle diese Dinge liegen ja in der Luft. Viele Leute, als sie unsere erste Fassung gelesen haben, haben gesagt „Das ist schon ziemlich Science-Fiction“ und dann kam Edward Snowden und dann konnten sich plötzlich alle viel mehr vorstellen.

Wie verbreitet ist es aus Ihrer Sicht, dass Interessengruppen den Journalismus steuern und dadurch die Berichterstattung manipulieren?

Also so wie im Film gezeigt ist es sicherlich die krasse Ausnahme. Erstens wäre es unverhältnismäßig aufwändig und so viel Furcht löst die Presse auch nicht aus. Aber was es natürlich permanent gibt, ist der Versuch der Beeinflussung auf niederschwelligerem Weg, also indem man kooperiert, indem man bestimmte Inhalte zur Verfügung stellt, indem man gemeinsame Veranstaltungen macht, indem man Anzeigen schaltet, indem man Kommentare schreibt. Solche Dinge. Also das passiert ja im Minutentakt. Es gibt sicherlich auch Artikel, die gekippt werden, weil jemand irgendwo anruft – von solchen Fällen weiß ich. Also es gibt die vielfältigsten Einmischungen, aber so viel Liebesmüh, wie in unserem Film, […]das ist glaube ich eine krasse Ausnahme. […]

Zunehmend werden PR und Journalismus vermischt. Kann der Journalismus vor diesem Hintergrund überhaupt noch in seiner traditionellen Form überleben?

Er muss sich verändern, aber ich glaube schon, dass es bald ein Geschäftsmodell geben wird, in dem man auch digitalen  Journalismus machen kann, der den Namen verdient. Es ist schwierig, aber es war immer schwierig. Genau genommen ist diese goldene Zeit immer nur ganz kurz gewesen. Und auch die Finanzierung über Anzeigen ist problematisch gewesen. Abhängig zu sein von vielen Faktoren ist wahrscheinlich noch das Unabhängigste, was man haben kann.

Also Vertrauen in den Journalismus sollte man aus Ihrer Sicht noch haben oder kann man gar nicht mehr glauben, was man so liest?

Ich finde, man kann bestimmten Autoren glauben, die ja auch einstehen mit ihrer Person und das tolle an der Netzöffentlichkeit ist ja, dass man sich die Autoren suchen kann und sich ein Menü zusammenstellen kann der News. Ich bin überhaupt kein Paranoiker, ich glaube überhaupt nicht, dass es sinnvoll ist, alles zu bezweifeln. […] Aber was überhaupt nicht schadet, ist eine gesunde Skepsis und ein Wissen darüber, wie Nachrichten gemacht werden, wie Öffentlichkeit gemacht wird. […]

Sie wollen, wie Sie in einem Interview gesagt habe, mit „Die Lügen der Sieger“ zur Aufmerksamkeit verführen. Wie haben Sie das gemeint?  

Für mich ist Aufmerksamkeit immer so ein seliger Zustand gewesen, etwas, was oft im Alltag nicht gelingt, wo so viel an einem zerrt. Das Kino kann natürlich auch laut und zerstreuend sein, aber für mich war das größte Glück im Kino immer, wenn es mich zu mir bringt, also mich konzentriert und insofern mich zur Aufmerksamkeit verführt. Und die Aufmerksamkeit ist dann hoffentlich eine, die noch anhält nach dem Film oder die dazu führt, dass wir bestimmte Sachen besser beschreiben oder besser sehen können.

Auffällig ist an dem Film, dass die Kamera sehr oft in Bewegung ist, es gibt kaum Szenen, in denen die Kamera einfach auf dem Stativ steht und ein statisches Bild liefert. Warum haben Sie sich für eine solche Art der Kameraarbeit entschieden?

Wir suchen natürlich nach Mitteln, in denen sich das Thema spiegelt. Ich wollte einen Film machen, der unübersichtlich ist, wo man nicht das Bild anhalten kann, wo man nie ganz orientiert, nie ganz sicher sein kann, was man sieht. Und gleichzeitig hatte ich die Idee, diesen Blick auch zu infizieren mit technischen Augen, mit dem Blick von Maschinen, der immer mehr in unseren Alltag reicht: Sensoren, Fotozellen, Kameras, Computerrekonstruktionen, usw. Das heißt, diese Bewegungslogik dieser Kamera ist manchmal ziemlich unorthodox, also insofern, als dass sie sich nicht konzentriert auf das Ereignis, sondern am Ereignis vorbeigeht und dann nochmal kommt, also solche Dinge.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Hauptdarsteller ausgewählt? Wie ist der Kontakt zustande gekommen zu Florian David Fitz und Lilith Stangenberg?

Ich arbeite seit meinem zweiten Film immer mit Ulrike Müller, einer Casterin, zusammen, die mir Vorschläge macht, mit der ich die Rollen diskutiere, mit der ich auch mal ins Theater gehe oder ins Kino, mir Leute anschaue, auf die sie mich hinweist. Und wir haben ein Casting gemacht und Florian war einfach toll, war einfach gut und ich wollte eine bestimmte Art von attraktivem Mann, wie es ihn ganz selten gibt im deutschen Kino und insofern war die Konkurrenz auch nicht arg so groß, aber Florian ist einfach ambitioniert und sehr professionell und würde auch gerne mehr machen, als das, was er schon gemacht hat und insofern sind wir da gut zusammengekommen.

Das Interview mit Regisseur und Drehbuchautor Christoph Hochhäusler über seinen Film “Die Lügen der Sieger” führte Markus Hörster.

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