Christian Friedel

Ein Interview mit dem Hauptdarsteller von Elser

Am 8. November 1939 versteckte der Schreiner Georg Elser im Bürgerbräu-Keller in München eine Bombe, um Adolf Hitler bei einer Rede zu töten. Da der “Führer” den Ort 13 Minuten früher verließ als geplant, missglückte sein Attentat, das womöglich die Welt verändert hätte. Regisseur Oliver Hirschbiegel (“Der Untergang”) beleuchtet mit seinem Film die Hintergründe, die Elser zu der Tat bewegt haben könnten und rekonstruiert anhand von Original-Protokollen eindrucksvoll die Verhöre durch Kripochef Arthur Nebe in der Haft. Es ist eine Geschichte, die lange Zeit drohte, in Vergessenheit zu geraten.

Georg Elser wird in dem Film von Christian Friedel (“Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte”, “Russendisko”) verkörpert. Im Rahmen seiner Kino-Tour durch 47 Städte machte der Hauptdarsteller am 5. April 2015 auch im C1 Cinema Braunschweig Station. Markus Hörster hat dort mit ihm gesprochen.

 Christian Friedel Daumenkino Markus Hörster

Sie spielen die Hauptrolle in dem Film Elser. Gab es dafür ein Casting und wie lief dieses Casting ab?

Also es gab für den Film ein Casting – ein ganz normaler Casting-Prozess, in dem gewisse Schauspieler mit gewissen Fähigkeiten gesucht werden. In diesem Falle ging es darum, dass es Schauspieler sind, die musikalisch sind. Und dann wurde ich eingeladen und musste zweimal zum Casting und wurde dann genommen, was mich sehr, sehr gefreut hat.

Was hat Ihnen an der Rolle besonders gut gefallen?

Also, als Schauspieler ist diese Rolle ein absolutes Geschenk, weil man einfach so viele verschiedene Facetten spielen kann und man ist außerdem vom Drehbuch her und von der Geschichte her wahnsinnig im Fokus der Geschichte. Das war die schauspielerische Komponente. Die rein private Komponente war, dass mich diese Geschichte extrem fasziniert hat und dass ich diesen Georg Elser, diesen jungen Mann, der den Mut aufbrachte, in einer Zeit, wo es schwer war, Mut aufzubringen, dass ich den wahnsinnig bewundere und meinen Hut vor ihm ziehe, vor seiner Courage und seinem Einsatz für die Freiheit.

Haben Sie das Drehbuch vor dem Casting gelesen und was hat Ihnen an dem Drehbuch gut gefallen?

Das Drehbuch habe ich natürlich vor dem Casting gelesen – das ist nicht selbstverständlich, manchmal bekommt man nur Szenen, hat dann keinen wirklichen Eindruck – aber dort war es wichtig, einen Eindruck zu kriegen für die Vielfältigkeit der Person. Ich kannte Georg Elser vorher nicht und durch das Drehbuch lesen und beschäftigen damit war ich dann wahnsinnig fasziniert von ihm und seiner Geschichte.

Georg Elser wurde ja lange gar nicht als Widerstandskämpfer wahrgenommen und sogar als Mörder immer noch wahrgenommen –  bis in die 1990er Jahre hinein. Was halten Sie von dieser Wahrnehmung in der Öffentlichkeit?

Das Bild von ihm war sehr zwiespältig, beziehungsweise man wusste nicht, wie man ihn einordnen sollte. Ist das jetzt ein Terrorist oder ein Widerstandskämpfer? Und das hat lange Zeit gedauert, bis man sich zu ihm verhalten hat. Auch die Politik hat sich, sowohl  im Westen, als auch im Osten Deutschlands, sehr fragwürdig zu ihm verhalten. Im Osten Deutschlands hat dieses Freiheitsbild und Freiheitsdenken sicherlich ein bisschen konträr zu den Systemvorstellungen gestanden, aber im Westen finde ich es schon sehr seltsam, dass er dort nicht die Anerkennung bekommen hat. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass so etwas nicht unbedingt so populär ist, dass ein einfacher Schreiner alleine eine Tat vollbringt. Das hat glaube ich viel damit zu tun, dass es so lange gebraucht hat, bis er jetzt hoffentlich ins kollektive Bewusstsein zurückkommt und das Denkmal bekommt, was er verdient hat.

Man weiß nicht viel von Georg Elser, auch aus seinem persönlichen Leben ist nicht so viel bekannt. Wie schwierig ist es dann für einen Schauspieler, so eine historische Figur darzustellen?

Es ist dann eher einfacher, weil man viel mehr Interpretationsspielraum hat und viel mehr Freiheiten hat, die Figur mit Leben zu füllen. Und was mich sehr gefreut hat: neulich bin ich wieder auf den Neffen von Georg Elser getroffen, Franz Hirth, und der hatte mir ein Kompliment gegeben, dass ich seinem Onkel sehr, sehr nah gekommen bin. Bis auf meine dicken Lippen, denn die Elsers hatten dünne Lippen, aber das hat er der künstlerischen Freiheit zugeschrieben.

Wie alt war Franz Hirth, als sein Onkel Georg Elser noch lebte?

Er war sieben oder acht Jahre alt. Und er hat sehr, sehr deutliche Erinnerungen an ihn, sehr intensive Erinnerungen, weil er für ihn auch so eine Art Ersatz-Vater war und er auch immer aufgeschaut hat zu ihm. Und wenn er über ihn erzählt, dann ist das noch sehr lebendig.

Können Sie Georg Elsers Handeln nachvollziehen in seiner Lebenssituation? Weil er hätte sich ja auch mit Elsa ein schönes Leben aufbauen können und mit dem Rest der Bevölkerung mitlaufen können.

Ich habe immer darüber nachgedacht, wie ich reagieren würde, wenn ich in meiner Freiheit eingeschränkt werde, wenn meiner Familie etwas angetan wird, vor allen Dingen von einem politischen System und wenn ich die Augen offen halte und merke, was hier abgeht. Deswegen kann ich seine Tat total nachvollziehen. Und für mich ist es keine terroristische Tat, sondern ein Akt der Selbstverteidigung, ein Akt für die Freiheit gegenüber einem verbrecherischen Regime. Und deswegen kann ich seine Tat nachvollziehen. Die Liebesgeschichte ist natürlich sehr romantisiert und etwas ausgeschmückt für unseren Film, um auch einen gewissen Kontrast zu bilden, aber ich glaube, sie wären auch nicht glücklich gewesen, weil Georg Elser war so ein freiheitsliebender Mensch, dass sich das dann auch auf die Liebesgeschichte abgefärbt hätte.

Was würden Sie sagen, sollte der Film in der Gesellschaft bewegen? Sollte der auch zum Nachdenken anregen, was aktuelle Themen betrifft?

Auf jeden Fall! Also nicht nur diese dämlichen Pegida-Demonstrationen,  die ich jetzt langsam dämlich finde, weil ich den Frust und die Wut meiner ostdeutschen Mitmenschen zwar verstehen kann, aber nicht, dass sie so von Rechts durchmischt und instrumentalisiert werden, wie bei diesen Demonstrationen. Oder wie jetzt gerade in Tröglitz, der Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in spe – das sollte uns alle zum Nachdenken bringen, dass dieser Fremdenhass und diese Intoleranz, dass das nicht mehr für einen demokratischen Staat steht. Und dass wir uns alle solidarisieren sollten für Freiheit, für Toleranz, für Weltoffenheit. Und dieser Film am Beispiel Georg Elsers, kann eine Möglichkeit sein, die Leute zu inspirieren und sie wieder daran zu erinnern, dass so etwas nie wieder vorkommen darf.

Es ist ja durchaus nicht undenkbar…

Leider. Also die Menschen, wie wir aus der Geschichte lernen, lernen wahrscheinlich nie und bleiben in ihrer Widersprüchlichkeit gleich. Wenn sich erstmal eine Masse bildet und eine Kraft entwickelt, wird es natürlich für den Einzelnen schwerer, Widerstand zu leisten. Aber dazu darf es erst gar nicht kommen und das sollte uns eine Lehre sein. Also gerade die beiden schrecklichen Weltkriege sollten uns eine Lehre sein.

Georg Elser hätte die Welt verändern können. Um 13 Minuten hat sein Attentat Adolf Hitler verfehlt.

Ob die Welt sich zum Positiven geändert hätte, das wage ich zu bezweifeln. Aber es wäre wünschenswert gewesen, dass viele dieser grausamen Verbrechen verschont geblieben wären. Es gibt da verschiedene Ansichten. Der Konjunktiv ist gemein, weil er sehr die Fantasie anregt, aber für die Realität eigentlich keine Bewandtnis hat.

Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt? Wie war die Zusammenarbeit mit den Schauspieler-Kollegen?

Die war sehr, sehr schön. Ich habe mich mit Katharina [Schüttler] sehr, sehr gut verstanden. Ich habe mit Burghart [Klaußner] und Johann von Bülow wahnsinnig tolle Kollegen in den Verhör-Szenen gehabt, um nur einige zu nennen. Vor allen Dingen war es aber ein großartiges Team. Bis in die kleinsten Abteilungen hinein, war das ein so warmherziges, offenes, großartig arbeitendes Team und allen voran natürlich der tolle Regisseur und die tolle Kamerafrau. Das ist einfach ein Geschenk gewesen, was niemand geahnt hätte, dass das so gut funktioniert, weil eigentlich viele Leute miteinander das erste Mal zusammengearbeitet haben und das kann auch schiefgehen.

Wie war es mit Regisseur Oliver Hirschbiegel zusammenzuarbeiten? Er bringt ja auch ein großes Wissen mit durch seine vorherigen Arbeiten.

Oliver hat sich sehr, sehr intensiv mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt für den Film Der Untergang und hatte damals schon in den Recherchen eine Faszination für Georg Elser entdeckt, wollte aber nach dem Film dann erstmal keinen Film wieder drehen in der Nazi-Zeit und wurde dann fast ein wenig überredet und hat sich dann erinnert, wie sehr ihn Georg Elser damals fasziniert hat. Mit ihm zu arbeiten, nicht nur mit diesem Wissen und seiner Präzision, sondern vor allen Dingen mit seiner Empathie für die Dinge und für das Filmemachen und mit seinen Erfahrungen auch aus Hollywood, das hat mich sehr, sehr begeistert.

Elser lief außer Konkurrenz im Wettbewerb auf der 65. Berlinale. Wie waren die Reaktionen bislang auf den Film?

Die Reaktionen sind größtenteils sehr, sehr begeistert und emotional. Also die Leute sind sehr, sehr von der Geschichte fasziniert, aber auch sehr emotionalisiert und sind sehr inspiriert. Also ich merke das jetzt bei der Kino-Tour, wenn man mit dem Publikum ins Gespräch kommt, dass da eine sehr, sehr inhaltliche Diskussion geführt wird und weniger zum Beispiel Making-of-mäßig, was mich auch erstaunt hat. Es gibt so viele Geschichten, die man Making-of-mäßig erzählt, aber die Leute wollen über das Thema sprechen und merken auch die aktuellen Bezüge zu dem Film. Und das freut mich sehr. Also der Film wird größtenteils sehr, sehr positiv aufgenommen. Es gibt natürlich auch kritische Stimmen, auch in der Presse. Aber das spricht eher für einen spannenden Film, als wenn sich alle darauf einigen können – das wäre unglaublich langweilig.

Wie wichtig ist es für Sie als Schauspieler, mit dem Publikum in Kontakt zu kommen und mit dem Publikum zu diskutieren?

Das ist für mich sehr, sehr wichtig. Weil ich habe ja viel Theater gespielt und dort geht man ja am Abend, wenn alles glückt, sofort in einen Dialog mit dem Publikum – jeden Abend aufs Neue. Und beim Filmemachen ist es oftmals sehr, sehr schade, dass man eigentlich die Reaktion des Publikums auf das, was man tut, nicht bekommt. Weil ich auch hinter dem Film stehe und hinter dem Thema stehe, war es mir wichtig, jetzt durch 47 Städte zu reisen, um diesen Film den Leuten persönlich zu präsentieren und um auch zu sagen: hier ist ein Schauspieler, der diese Rolle nicht nur für seine Karriere hat, sondern vor allen Dingen weil es ihm auch wirklich am Herzen liegt.

Sie sind ja nicht nur Schauspieler, sondern auch als Musiker aktiv [Woods Of Birnam]. In dem Film spielen Sie ja zum Beispiel Akkordeon und Zither ganz am Ende, als Georg Elser sich im KZ Dachau befindet. Mussten Sie die Instrumente extra für die Rolle lernen oder konnten Sie die vorher schon spielen?

Ich habe mir auch das Klavierspielen selber beigebracht in meiner Kindheit und Akkordeon habe ich immer mal so ausprobiert, aber nie wirklich gekonnt und da hatte ich dann richtig Akkordeon-Unterricht. Zither hatte ich – das kann man Unterricht nicht wirklich nennen – aber das war sozusagen, dass ich ein altes Buch hatte und die Fingertechnik konnte, aber ich könnte jetzt kein Zither-Lied spielen. Wir hatten dann am Set auch professionelle Musiker, die sozusagen immer geguckt haben, ob ich das auch richtig mache, weil es war mein Anspruch, das wirklich alles gekonnt zu machen, aber für manche Szenen – zum Beispiel bei der KZ-Szene, wenn ich Zither spiele – saß dann ein Musiker neben mir, der dann sozusagen live gespielt hat und ich habe die Finger bewegt. Also Zither ist wahnsinnig kompliziert. Es ist wirklich ein sehr, sehr schweres Instrument, aber ein wahnsinnig schönes.

Christian Friedel, vielen Dank für das Interview und noch viel Erfolg mit dem Film.

Das Interview mit Christian Friedel, dem Hauptdarsteller aus dem Film “Elser”, führte Markus Hörster.

 

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