Carmen Losmann

Die dritte Staffel der Cinemathek hätte erfolgreicher nicht starten können. Mit fast 200 Besuchern war unsere Vorstellung von “Work Hard – Play Hard” ausverkauft, sodass der Film nun noch weitere drei Male im Universum Filmtheater zu sehen sein wird: am 28.04., 29.04. und 01.05., jeweils um 21:15 Uhr.

Nachdem die Regisseurin Carmen Losmann bereits im Anschluss an den Film die Fragen des Publikums beantwortete und im Werkstattgespräch mit Studierenden der Medienwissenschaften diskutierte, traf sie sich mit der Daumenkino-Redaktion zu einem ausführlichen Interview. Der Entstehungsprozess von “Work Hard – Play Hard” erstreckte sich über insgesamt vier Jahre. Am Ende wurden aus 100 Stunden Rohmaterial 90 Minuten Dokumentarfilm, der sowohl inhaltlich als auch formal ausgesprochen viele Ansatzpunkte zur Diskussion bietet.

Sowohl in „Work Hard – Play Hard“, als auch in deinen vorherigen Kurzfilmen geht es um Aspekte des Themas Arbeit. Woher kommt dein persönliches Interesse an diesem Themenfeld?

Arbeit ist für mich eine Art Spiegel, in dem ich etwas von der gesellschaftlichen Realität erkenne. Mit Dokumentarfilmen sehe ich die Möglichkeit gegeben, einen kritischen und distanzierten Blick auf die Realität, wie ich sie wahrnehme, zu werfen. Die Beschäftigung mit Arbeit ist somit ein Versuch, mich kritisch mit einer Realität der Gegenwart auseinanderzusetzen und kam weder zufällig noch zwangsweise. Ein Umstand, der mich für dieses Thema sensibilisiert hat, war mein Marketingstudium, in dem ich oft ein unbehagliches, aber nicht näher zu definierendes Gefühl hatte. Ein weiterer Umstand war mein anschließendes Studium an der Kunsthochschule für Medien Köln, hier insbesondere das Seminar bei Dietrich Leder, der uns in der Lehre mit älteren Dokumentarfilmen zum Thema Arbeit konfrontiert hat. Besonders die Filme von Harun Farocki waren da für mich wichtig.

Beim Thema Sinn der Arbeit möchte ich auf den deutschen Philosophen Daniel Tyradellis hinweisen, der behauptet, dass es keinen positiven Begriff der „Nicht-Arbeit“ gibt. Wie siehst du das?

Auch wenn ich das noch nie so zugespitzt habe, kann ich diesen Satz auf jeden Fall nachvollziehen und ich denke, dass man diese Aussage auch mit dem Film überprüfen kann.
Ich habe das Gefühl, es gibt umgekehrt formuliert eine sehr positive Bewertung von Arbeit, von produktiver Arbeit, von „High Performing“. Das Selbstverständnis, dass wir alle effizient und produktiv sein wollen, ist mit einer sehr positiven Bewertung untermalt. Demgegenüber werden Dinge des „Unnütz-Seins“ äußerst negativ konnotiert. Im Zuge meiner Beschäftigung mit dieser Arbeitswelt ist mir aber auch aufgefallen, dass insbesondere Leistung und Arbeit an sich positiv bewertet werden. Das Innehalten, die Muße, Schwächen oder Leid und Mühsal – Dinge, die zum Menschsein dazugehören – kommen in diesen positiven Bewertungen nicht vor.
Dass in den Gesprächen „Schwäche“ mit „Entwicklungsfeld“ übersetzt wird, ist dabei in meinen Augen besonders bemerkenswert. Es gibt keinen Rückzug, die Optimierung hört nie auf.

An einigen Stellen des Films hatte man fast den Eindruck einer Art Sekte zuzusehen, würdest du dem zustimmen?

Vielleicht geht es eher um eine Glaubensgemeinschaft der Arbeit, die Inszenierung der Arbeit als Glaube, wobei Religionsersatz zu weit führen würde. Ich habe das Gefühl, diese völlige Hingabe, die zwar gefordert wird, die aber bestimmt auch jeder bei sich selbst beobachten kann, hat etwas Religiöses. Du kannst Teil einer Glaubensgemeinschaft sein; sei Teil von uns, mach mit, das Abenteuer deines Lebens. Es ist eine Art Aufforderung zur absoluten Hingabe.

Ist denn diese Glaubens- oder Religionsmetapher so viel anders als früher? Gab es diese totale Identifikation mit der Arbeit, mit dem Unternehmen nicht auch schon vor 40 oder 50 Jahren?

Auf jeden Fall gab es das auch schon früher, aber ich finde es gibt einige Unterschiede. Heute sehen wir uns als Glaubensgemeinschaft der Arbeit. Wir glauben an die Leistung, daran, dass wir arbeiten müssen um eine Identität zu haben. Das ist losgelöst von einem Unternehmen, vielmehr ist es etwas Gesellschaftsdurchdringendes und –prägendes. Das schließt in meinen Augen an die erwähnte These des Philosophen an.
Ein weiterer Unterschied ist, dass sich die Organisation von Arbeit in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten verändert hat. Es gibt eine Enthierarchisierung; es gibt nicht mehr dieses „Chefprinzip“, vieles wird dem einzelnen Mitarbeiter/dem Team überlassen. Man wird viel stärker mit den unternehmerischen Anforderungen des Marktes konfrontiert, wodurch man automatisch zum Unternehmer im Unternehmen wird. Damit einher geht auch die ständige Suche nach Produktivitätssteigerung, da man auf einem Konkurrenzmarkt agiert und nicht zurückfallen will. Schlussendlich werde ich also Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einer Person. Auf der anderen Seite wird man sich durch das Selbstmanagement seiner Produktivität bewusst, wobei in der Überforderung ein Reflexionsprozess stattfindet, in dem man sich mit seinen Stärken und Schwächen auseinandersetzt. Und das sehe ich durchaus auch als einen positiven Punkt.

Der Glaube an die Arbeit ist schon viel älter als diese neuen Strukturen. Arbeitslos oder in anderer Weise untätig bzw. unproduktiv zu sein, ist nicht gut, was einem schon in der Kindheit eingeimpft wird. Und solange einem dieses Wertesystem immanent ist, hat man quasi verloren, wenn die Unternehmen beginnen, die Verantwortung auf die Mitarbeiter zu übertragen, weil sie genau wissen, dass sie den Leistungsdruck so sehr verinnerlicht haben.

Dem würde ich zustimmen. Es ist sehr schwierig, sich über die Reflexion von solchen Strukturen distanzieren zu können. Aber es findet zumindest ein Nachdenken über die inneren Antriebe statt, die von der Kultur der Leistungsgesellschaft in uns eingeprägt wurden, ja vielleicht sogar gegen uns agieren, als ein Mensch, der sich nach Ruhe und Ausgleich sehnt und nicht ständig mit der Gefahr leben möchte, im marktspezifischen Wettbewerb nicht mithalten zu können. Die Reflexion ermöglicht es zwar nicht, meine Haltung gegenüber der Arbeit grundlegend verändern zu können, aber ich glaube dennoch, dass man seiner Tätigkeit dadurch bewusster gegenübersteht.

Auf der formalästhetischen Ebene erzeugt der Film an einigen Stellen durch den Einsatz von langsamen Zooms und Kamerafahrten eine mitunter beklemmende Stimmung. Aus welchen Gründen hast du dich für diese Mittel entschieden und was bedeuten diese Sequenzen für dich?

Die generelle Bildgestaltung haben der Kameramann Dirk Lütter und ich uns im Vorfeld überlegt, sodass es einige Grundparameter gab, die wir im Laufe der Drehzeit beibehalten wollten. Zunächst einmal entschieden wir uns für das CinemaScope-Format. Das Breitbildformat ist jedoch nicht nur durch die Weite, sondern gleichzeitig durch eine gewisse Enge von oben charakterisiert. Diese beiden konträren Eigenschaften fanden wir passend für die Arbeitswelt, die wir portraitieren wollten.
Darüber hinaus war klar, dass wir vom Stativ drehen, das heißt aus einer gewissen Distanz. Unser Anliegen war es nicht, sich in die Personen einzufühlen, sondern ein System zu portraitieren und die einzelnen Menschen nur als Funktionsträger zu betrachten. Um die Rahmenbedingungen sichtbar zu machen, haben wir uns für einen Bildaufbau mit geraden Linien, also eine gewisse strenge Kadrierung, entschieden. Dazu kommen auch die Kamerafahrten, die hauptsächlich bei der Architektur vorkommen. Es war eher ein Experiment herauszufinden, was mit ganz langsamen Fahrten passiert, die bei nichts innehalten, sondern einfach so fortfahren und über die Dinge hinweg gleiten. Die Fahrten waren als Teil des Kamerakonzepts geplant, wohingegen die Zooms erst im Nachhinein bei der Montage dazu kamen. Der Cutter Henk Drees war dafür, das Ganze klarer, zugespitzter zu machen, um somit eine Sogwirkung zu entfalten, deshalb hat er mit diesen Zooms experimentiert. Sie führen außerdem etwas fast schon Mechanisches oder Technoides aus den Kamerafahrten fort, das sich dann in den Zooms wiederholt.

Hat euch das CinemaScope-Format beim Drehen zu Schwierigkeiten gebracht?

Nein, jedenfalls erinnere ich mich nicht an markante Stellen, bei denen es uns Probleme bereitet hat. Weil wir das Format wollten, haben wir das aber auch gar nicht weiter in Frage gestellt.

Gibt es auch ästhetische Entscheidungen, die erst während des Drehs nach und nach entstanden sind, die ihr quasi gefunden und dann durchgezogen habt?

Ja. In Interviewsituationen lässt man den Raum im Bildausschnitt für gewöhnlich in Richtung des Blicks frei und schneidet das Bild auf der anderen Seite dichter am Kopf ab. Bei den Aufnahmen des Assessment-Centers saß ich einmal auf der einen Seite der Kamera und habe mit zwei Personen gesprochen, was dazu führte, dass der Raum hinter dem Kopf größer war als in Blickrichtung. Bei der Materialsichtung fand ich das interessant, weil eine andere Dynamik entsteht. Es hat fast etwas von dem unternehmerischen Anspruch, dass es weiter nach vorne gehen muss, da man schon an die Bildgrenze stößt. Das war ein Element, das ich so gefunden habe und daraufhin auch teilweise weiter eingebaut habe. Ich mochte diese etwas ungewöhnlichere Art der Kadrierung, weil mich die daraus entstehende Bilddynamik interessiert hat.
Was ich außerdem gerne weiterverfolgen würde, auch bei zukünftigen Filmen, ist der Blick in die Ecke. Bei den Innenhofbildern richtet sich der Blick mehr oder weniger automatisch in die Ecke, allein aufgrund des geschlossenen Aufbaus und der Platzierung der Bänke. Dieser Blick interessiert mich, weil die Linien plötzlich nicht mehr parallel und senkrecht sind, sondern spitz zulaufen und etwas Dynamisierendes ins Bild bringen. Dadurch entsteht ein eigenartiger visueller Kontrast, der beim Zuschauen irgendwie beunruhigt.

Ihr habt es euch für einen Dokumentarfilm recht schwer gemacht: CinemaScope-Format, die RED – keine kleine, leichte, handliche Kamera -, die auch beim Aufbau ein ganz anderes Statement macht. Kommt dir das entgegen und würdest du es bei folgenden Dokumentarproduktionen wieder so machen? Oder hat das in diesem Fall zum Inhalt gepasst?

Ja und Nein. Ich würde immer je nach Sujet des Films neu entscheiden, mit welchem Equipment ich arbeite. Ich würde nie sagen, dass ich jetzt immer mit der RED drehe. Ich mag es nicht, so dick aufzutragen. Aber bei diesem Sujet hat es einfach gepasst, denn ich wollte die Welt so ästhetisch wie möglich darstellen. Und ich hatte das Gefühl, wenn wir mit einer kleinen Videokamera anrücken, sieht das schon von alleine optisch suboptimal aus. Dirk und mir war es wichtig, dass wir die Menschen und die Räume möglichst ästhetisch und hochwertig darstellen und auch die Möglichkeit haben, mit einem hochauflösenden Bild von einer gewissen Distanz zu kommen. Wenn ich zum Beispiel die Architektur mit einer schlechten Videokompression aufnehme, habe ich nur noch ein grob pixeliges, rauschendes Bild und kann darauf nichts mehr erkennen.
Es gibt aber sicher auch Projekte, bei denen es sich eher lohnt eine kleine Handkamera dabei zu haben. Wir haben den Unterschied einmal gemerkt, als wir bei der Deutschen Post mit einer Canon 5D gedreht haben und nicht genau wussten, was auf uns zukommt. Aufgrund der unterschiedlichen Bildqualität habe ich es im Nachhinein bedauert, dass wir aus verschiedenen Gründen dort nicht mit der RED drehen konnten. Für den Performance-Dialog war es aber vielleicht gar nicht so schlecht mit einer kleineren Kamera vor Ort zu sein.

Würdest du nach der Erfahrung, die du jetzt mit dem Film und den Vorstellungen hast, sagen, dass dieser ästhetische Mehrwert dem Inhalt hilft? Oder ist der Inhalt so stark, dass der ästhetische Aspekt eher in den Hintergrund gedrängt wird?

Ich bin immer ein wenig vorsichtig damit, Form und Inhalt ganz klar voneinander zu trennen, das gehört eigentlich zusammen. Der Film wäre ganz anderes geworden, hätten wir komplett auf einer 16:9 Videokamera gedreht. Ich kann nicht genau sagen, inwiefern die formale Herangehensweise den Inhalt des Films unterstützt, weil dieser letztendlich aus beidem zusammen besteht. Es war aber natürlich bewusst gewählt: Kadrierung, hochauflösende Kamera, ästhetisierende Fahrten. Dieses Gestaltungskonzept dient eigentlich dazu, nicht von vornherein einen hässlichen Blick darauf zu werfen. Es geht auch darum, den Anspruch der schönen Arbeitswelten – Unilever gilt zum Beispiel als der schönste Arbeitsplatz in Hamburg – mit einem filmischen Konzept ernst zu nehmen. Wir wollten dem mit einer angemessenen Ästhetik begegnen.

Die Arbeitswelt erhält durch die Ästhetik des Films aber auch etwas Groteskes und Abstraktes. Gerade bei den Szenen des Assessment-Centers sieht man wirklich jede Regung und wie unwohl sich die Interviewten in dem Moment fühlen. Im Kino wurde dabei sehr häufig gelacht, vielleicht aufgrund einer gewissen Form der Selbstvorführung. Gab es bei den anderen Filmvorführungen ähnliche Reaktionen?

Dass unterschiedlich viel gelacht wird, ist mir aufgefallen, als der Film in der Öffentlichkeit gezeigt wurde. Bei den Sichtungen und Testscreenings im Schnittraum wurde gar nicht gelacht oder nur sehr wenig. Ich war also doch überrascht, denn eigentlich war es nicht als Groteske gedacht und ich sehe es bis heute nicht als solche. Diese Situation, wie sie im Assessment-Center gezeigt wird, ist den Zuschauern auch selbst bekannt und es wird deutlich, welch enormer Druck dahinter steht. Dann erkennt man sich vielleicht selbst in einem Bewerbungsgespräch wieder und erinnert sich an Reaktionen oder Verhaltensweisen, quasi als Selbstbild. Für mich hat Lachen auch etwas mit Abwehr zu tun. Warum schäme ich mich denn für andere? Das erinnert mich doch auch an etwas, was ich vielleicht an mir selbst nicht gut aushalten kann. Jeder kennt das Gefühl, dass man sich in dem Moment authentisch selbst inszenieren muss. Ich behaupte, dass das Überforderungen sind, und das können Menschen umso besser, je mehr sie im Training sind und es eingeübt haben. Wahrscheinlich ist das ganze Arbeitsleben immer eine lange Übung, zumindest in den Bereichen, in denen man souverän agieren muss. Dann ist man quasi zu einer souveränen Produktion des authentischen Ichs in der Lage. Das Lachen darüber hat meiner Meinung nach viel mit dem Gedanken “Ich kenne diese Überforderung, aber ich möchte nicht daran erinnert werden” zu tun.

In wie fern waren die Szenen im Assessment-Center gestellt bzw. inszeniert?

Die Szenen im Innenhof waren gestellt, aber in die Bewerbungsgespräche wurde nicht eingegriffen. Aber letztendlich zeigt der Film nicht die Wirklichkeit. Ich forme die Bilder nach meinen persönlichen Weltbildern und ich verweigere mich generell der Aussage, der Dokumentarfilm bilde die Wirklichkeit ab. Ich habe einen Gestaltungsrahmen gesetzt, in dem sich die Protagonisten dann selbst inszenieren.

Du versteckst das ja auch nicht, denn die Szenen im Assessment-Center sind viel stärker aufgelöst als in den anderen Szenen, teilweise mit Schuss-Gegenschuss wie bei einem Spielfilm. Dadurch unterstreichst du im Grunde, dass es bei solch einem Gespräch immer auch um die Inszenierung, die Selbstdarstellung, geht.

Genau, die Inszenierung des Authentischen.

Das Interview wurde geführt von Jennifer Ament, Philipp Fust, Florian Krautkrämer und Florian Reupke.

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>