WINTERSCHLAF am 1. Februar 2015

Alles beginnt mit einer Fensterscheibe. Ein kleiner Junge wirft einen Stein auf ein vorbeifahrendes Auto und zersplittert das seitliche Autofenster, hinter dem Aydin sitzt. Er ist der Vermieter des Vaters des Jungen und dafür verantwortlich, dass wegen nicht gezahlter Miete Fernseher und Kühlschrank gepfändet wurden. Aydin ist erschrocken über das Verhalten, hat er doch mit automatisch ablaufenden Prozessen von Mietzahlungen und Pfändungen nichts zu tun. Außer dass er eben von beidem profitiert. Er ist ein alter Patriarch, der von allen in dem anatolischen Dorf respektiert wird und sich selbst als ein lockerer, aufgeklärt und moderner Intellektueller sieht. Trotz seines Reichtums möchte Aydin nicht darauf verzichten, dass die Scheibe von der armen Familie ersetzt wird, die das Geld dafür nicht einmal ansatzweise hat. (Und das, obwohl er an jeder sich bietenden Stelle betont, in welcher Armut er selbst aufgewachsen ist.)

Winterschlaf

Im Folgenden zeigen sich aber noch eine Menge weiterer Risse, als nur die auf einer Scheibe. Aydin hat nicht nur die ärmlichen Mietwohnungen von seinem Vater geerbt, sondern auch ein Hotel, in dem er mit seiner deutlich jüngeren Frau und seiner Schwester lebt. Der Winter steht bevor und die letzten Gäste reisen ab. Die Arbeit wird von den Angestellten gemacht und so hat die Familie reichlich Muße dazu, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Nihal, sein Frau, leidet an Langeweile; da sie keine sinnvolle Aufgabe hat, stürzt sie sich in ein naiv angegangenes Spendenprojekt. Seine Schwester Necla hat sich vor kurzem von ihrem Mann getrennt, hängt aber noch Fantasien hinterher, die seine Gewaltausbrüche nachträglich rechtfertigen. Beide Frauen sind Aydin gegenüber häufig aggressiv eingestellt, da er sich aber in seiner Rolle als kulturell interessierter, weltoffener, einst erfolgreicher Schauspieler gefällt und daher überwiegend um sich selbst kreist, kann er diese Reaktionen zum einen nicht nachvollziehen, zum anderen reagiert er aber jedes Mal selbst sehr verletzend.

Nuri Bilge Ceylan inszeniert Aydin als jemanden, der so sehr in sich selbst verliebt ist, dass er jegliches Vermögen, sich an die Realitäten anzupassen, verlernt hat. Jede Konfrontation stößt ihn vor dem Kopf und greift sein eigenes Konzept der Wirklichkeit an. Seine Frau bringt es bei einem Streitgespräch auf den Punkt: wie kann man sich als Verfechter von Idealen und als Kämpfer für die Gesellschaft geben, wenn man selbst die Vertreter dieser Gesellschaft, die Menschen, hasst.

Winterschlaf

Die Auseinandersetzungen und Konflikte werden in Winterschlaf über den Dialog inszeniert. Alle Personen befinden sich permanent im verbalen Austausch. Der erste Schritt ist gemacht, der Prozess der Selbstreflexion ist erfolgt: das Zusammenleben funktioniert nicht mehr so, wie man es sich immer vorgemacht hat. Damit einher geht aber auch der letzte Schritt: die Beleidigungen nehmen zu. Miteinander zu sprechen mag besser sein, als sich zu schlagen, aber es kann ähnliche, nicht verheilende Wunden hinterlassen.

Trotz seiner Länge ist Winterschlaf keine Sekunde langweilig. Die Dialoge sind brillant geschrieben, ihre Inszenierung, wie die Personen wann was sagen und wer wie blickt, fügt ihnen zudem viel an Nichtsprachlichem hinzu. Durch die Montage und die präzise Kameraarbeit gewinnt der Film eine Dynamik, der man sich kaum entziehen kann, die Zeit vergeht wie im Flug. Dazu kommt, dass der Regisseur Nuri Bilde Ceylan wie in seinen vorhergehenden Filmen Landschaft und Interieurs auf eine Weise zu inszenieren weiß, die momentan im Kino seinesgleichen sucht. Ob es die karge, verschneite anatolische Landschaft ist oder die alten, spärlich ausgeleuchteten Interieurs, seine Bilder entwicklen durch die gedämpfte Farbigkeit, die klugen Einstellungswinkel, den immer richtigen Schnitt ein Gewicht, die sie ganz anders in einer Realität verortet, als man das sonst in Filmen gewohnt ist.

Winterschlaf

Nuri Bilge Ceylan

Damit festigt Ceylan, der mit diesem Film die goldene Palme in Cannes gewann, weiter seinen Ruf als einer der wichtigsten Autorenfilmer der Gegenwart. Inhaltlich schließt er an die Streitereien in Familien oder Paarbeziehungen an, die auch schon Jahreszeiten (2006) und Drei Affen (2008) geprägt haben. Familie und Ehe sind bei Ceylan Zwangsgemeinschaften, man hat sich aneinander gewöhnt, was aber nicht in Harmonie, sondern überzogenen Erwartungen an den Anderen resultiert. Der Wunsch, das Zusammenzuleben durch Kompromisse und Kommunikation zu retten, ist zum Scheitern verurteilt, weil niemand in der Lage ist, den einzig richtigen Ausweg aus diesen Privathöllen zu wählen: die Trennung. Formal macht Ceylan da weiter, wo er mit Once Upon a Time in Anatolia (für den er 2011 den großen Preis der Jury in Cannes bekam) aufgehört hat: lange, in CinemaScope gefilmte Einstellungen bieten im Kino selten gewordene Möglichkeiten, die Augen umherwandern zu lassen. Präzision in Blick und Montage ermöglicht es Ceylan, seine Protagonisten genauestens unter die Lupe zu nehmen, ohne dafür auch zwangsläufig nahe an sie heran zu müssen. Dabei sind seine Filme nie kühle, distanzierte Untersuchungen, sondern zeigen in den Bildern, Räumen, Landschaften und Personen einen enormen Reichtum. Das Tragische ist, dass seine Protagonisten diesen nicht (mehr) zu erkennen vermögen. Ein Glück für die Zuschauer, dass sie seine Filme nicht durch ihre Augen verfolgen müssen.

Winterschlaf

Wir zeigen Winterschlaf als Matinee am Sonntag, 1.2.2015 um 11 Uhr im Universum-Filmtheater, Braunschweig

Kış Uykusu, Türkei 2014, 196 Min.
R: Nuri Bilge Ceylan
K: Gökhan Tiryaki
S: Nuri Bilge Ceylan & Bora Göksingöl
mit Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbag
Verleih und Bildrechte: Weltkino 

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>