“UNTER DIR DIE STADT” am 18.04.2011 um 19:00 Uhr

Portrait: Christoph Hochhäusler

Im Rahmen unserer neuen Filmreihe CINEMATHEK zeigen wir am 18.04.2011 Christoph Hochhäuslers aktuellen Film Unter dir die Stadt. Vorab soll ein Einblick in das bisherige Schaffen des Regisseurs gegeben werden. Wodurch zeichnen sich seine früheren Filme aus? Welche Themen interessieren ihn? Und was hat die Berliner Schule überhaupt damit zu tun?

Eine verlassene Straße. Nichts los. Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, laufen langsam vom hinteren linken Bildrand immer näher auf die Kamera zu. Am Anfang nimmt man sie kaum wahr. Das Mädchen verlässt das Bild, die Kamera bleibt starr stehen. Dann werden die beiden mit dem Auto abgeholt.

Dunkelheit. Dass man auf die Leitplanke einer Autobahn blickt, merkt man erst nach einigen Sekunden. Langsam nähert sich eine Person der Kamera. Es ist ein Junge oder vielleicht auch schon ein junger Mann. Schnitt auf das, was er sieht: ein verbeultes Unfallauto. Der Fahrer ist tot. Dann hebt der Junge eine Stange, irgendein Autoteil, auf und geht.

Die Expositionen von Christoph Hochhäuslers Filmen Milchwald und Falscher Bekenner weisen nicht nur formal, sondern auch thematisch eindeutige Ähnlichkeiten auf. In beiden Fällen werden die Hauptfiguren erst langsam sichtbar. Sie nähern sich, wobei die Kamera sie zunächst nicht sonderlich zu beachten scheint. Außerdem geben diese beiden ersten Szenen schon die Richtung für den Rest des Films vor. So verloren wie die Kinder am Anfang von Milchwald am Straßenrand entlang laufen, so werden sie auch den ganzen Film über immer wieder zu sehen sein. Bei Falscher Bekenner zeigt die erste Szene vor allem viel Uneindeutiges. In der Dunkelheit verschwimmen die Grenzen und man kann nicht mehr genau sagen, was eigentlich passiert. Das wird sich über den Film fortsetzen, nur dass es nicht unbedingt die Dunkelheit braucht, um Uneindeutigkeit zu schaffen.

“Milchwald” (2003)

Nachdem er bereits einige Kurzfilme gedreht hatte, realisierte Hochhäusler 2003 seinen ersten Spielfilm Milchwald. Im weitesten Sinne könnte man dieses Erstlingswerk als moderne Version des Märchens von Hänsel und Gretel bezeichnen: die Stiefmutter setzt die Kinder aus, welche sich dann im polnischen Wald verlaufen, es ist finster und bitterkalt und so weiter. Dann stoßen sie auf einen Mann, der ihnen etwas zu essen gibt (nur Brot, keine Lebkuchen) und sie mitnimmt. Der Vater macht sich natürlich panisch auf die Suche nach den Kindern, unwissend über die Schuld seiner Frau.

Im Jahr 2005 drehte Hochhäusler dann seinen zweiten Spielfilm Falscher Bekenner, der in Cannes im Rahmen der Reihe Un Certain Regard Premiere feierte. Worum es geht: Armin hat gerade seinen Realschulabschluss gemacht und soll sich jetzt einen Job suchen (eine Bewerbung pro Tag ist der Deal mit den Eltern). Der Junge hat seinen Platz in der Welt aber noch lange nicht gefunden, dementsprechend unmotiviert laufen die (grandios und abstoßend realistischen) Bewerbungsgespräche ab. Was ihm schließlich eine ganz spezielle Form der Anerkennung einbringen wird, ist das Schreiben eines Bekennerbriefs für einen tödlichen Unfall, mit dem er eigentlich nichts zu tun hatte.

Ob man nach zwei Spielfilmen schon von einem bestimmten Stil, einer individuellen Filmsprache des Regisseurs reden kann, sei dahingestellt. Im Fall Hochhäuslers lässt sich aber durchaus eine Art Handschrift ablesen. Die spezielle Stimmung wird über ganz bestimmte Mittel erreicht. Zum einen wäre da der extrem gekonnte und gezielte Einsatz von Musik. Da dudelt nicht die ganze Zeit irgendwelcher emotionalisierender Kram im Hintergrund mit, vielmehr werden einzelne Szenen oder Situationen durch den ausgewählten Einsatz von Tönen und Klängen unterstrichen. Hinzu kommt die Verwendung von Geräuschen. Man hört tatsächlich noch Wind, Atmen, das Rauschen der Autobahn. Eben nichts Gekünsteltes, sondern Nebengeräusche, die einfach da sind.
Generell sind die Filme, wenn man so will, ziemlich anteilnahmslos inszeniert. Es gibt keine großen Emotionen, keine Hintergründe, eigentlich gar keine Gründe – alles, was die Figuren tun, bleibt einfach so für sich stehen. Ohne Vorgeschichte, die erklärt, warum sie überhaupt so sind und sich so verhalten und vor allem auch ohne das Zeigen von Konsequenzen. Das wirkt irgendwie kalt und rauh und auch drastisch, wie das Abziehen eines Pflasters. Der Einblick ist kurz, aber schmerzhaft. Die Kamera beobachtet in langen Einstellungen, was passiert, anstatt zu dramatisieren. Es wird sich viel Zeit genommen, sodass auch oft Szenen entstehen, die im Grunde nichts zeigen. Die Figuren laufen ins Bild hinein oder aus ihm heraus. Die Kamera ist einfach da und folgt ihnen nicht, sondern fängt als Beobachter die Umgebung ein. Als sehr präziser, aber eben unbeteiligter Beobachter. Das Ganze geschieht natürlich nicht rein willkürlich, es wirkt aber auch nicht direkt zielgerichtet auf einzelne Personen. Die sozialen Milieus, die in Hochhäuslers Filmen eingefangen werden, sind immer gleich: Vorort oder Kleinstadt, gehobene Mittelschicht ohne existenzielle Probleme wie Geldsorgen o.Ä., hinzu kommen geordnete Familienverhältnisse. Die Probleme, die er thematisiert, stehen auf einer anderen Ebene. Woran es allen Charakteren mangelt, ist die Fähigkeit zur Kommunikation.

“Falscher Bekenner” (2005)

Falscher Bekenner weist eine wertvolle Besonderheit auf, die Milchwald nicht hat: viele Szenen bewegen sich zwischen Realität und Imagination, vielleicht auch zwischen Gegenwart und Vergangenheit, ohne den Übergang vom einen zum anderen zu kennzeichnen. Das lässt eine Uneindeutigkeit entstehen, die einen im ersten Moment vielleicht verärgern mag. Denn so kennt man das nicht vom Film, selten wird man einfach allein gelassen mit der Entscheidung, was man als “real” im Rahmen der Fiktion erachtet und was nicht. Andererseits bietet diese Offenheit aber wichtige Spielräume, sodass auch der Charakter von Armin nicht festgeschrieben ist, sondern mit unseren eigenen Interpretationen steht und fällt.

Beschäftigt man sich mit der speziellen Filmsprache Hochhäuslers scheint man um ein Thema nicht herumzukommen: die Berliner Schule. Diese Bezeichnung will eine Tendenz unter deutschen Filmemachern ausmachen und einen ganz bestimmten Stil in sich vereinen. Charakterisiert werden die Filme meist als langsam, spröde, unspektakulär… im weitesten Sinne eben schwierig und ungewohnt. “Da passiert eigentlich nicht viel” ist ein immer wiederkehrender Satz. Den Begriff hat sich natürlich keiner der Regisseure selbst ausgedacht, er wurde vielmehr von außen auferlegt, was die Daseinsberechtigung und Sinnhaftigkeit automatisch in Frage stellt. Problematisch ist, dass sich hinter der Bezeichnung “Schule” eigentlich immer etwas Festgeschriebenes verbirgt, eine Art Regelsatz, der eingehalten werden soll. Sicher lassen sich Gemeinsamkeiten, ähnliche Interessen, vielleicht auch Verwandtschaften unter den Filmen der verschiedenen RegisseurInnen ablesen. Und der Drang, alles irgendwie kategorisieren und unter einen Hut bringen zu wollen, ist ja nicht neu. Eine Art von Kollektiv des anders-Seins daraus zu machen ist dagegen irgendwie paradox. Wer sich für das Thema und auch für das Selbstverständnis Hochhäuslers in diesem Kontext interessiert, kann in der Filmzeitschrift Revolver einen Mailwechsel zwischen ihm, Dominik Graf und Christian Petzold nachlesen (den zweiten Teil davon gibt es auch online, hier).
Revolver stellt einen weiteren wichtigen Aspekt in Hochhäuslers Filmschaffen dar. Aufgrund des Bedarfs nach Diskussion und Austausch über Film gründete er 1998 gemeinsam mit ein paar anderen Studenten der HFF München besagte Zeitschrift. Laut Maxime der ersten Ausgabe werden dort “Gedanken, Ansichten und Träume filmschaffender und filmschauender Leute versammelt. Sie will direkt, präzise und ehrlich über den Film der Zukunft sprechen.” Dabei wird nicht unbedingt die aktuelle Kinolandschaft beleuchtet, sondern das besprochen, was die einzelnen Autoren interessiert.

Am 31.03. startete nun Unter dir die Stadt in den deutschen Kinos, nachdem auch dieser Film auf dem letzten Festival in Cannes seine Premiere hatte. Die positiven Besprechungen dazu häufen sich, wer sich vorab ein Bild machen will, findet auf Hochhäuslers Blog eine Sammlung an Kritiken.

“Unter dir die Stadt” (2010)

Unter dir die Stadt widmet sich der Bankenwelt von Frankfurt am Main, dieses Mal ist also ein eindeutiger Ort gegeben, wo vorher Nicht-Orte wie Straße, Wald oder Autobahn als Schauplatz dienten. Vielleicht geht es aber auch darum, diesen greifbaren Ort zu etwas Unsicherem, Unbeständigen werden zu lassen. Interessant vor dem Hintergrund des neuen Films ist auf jeden Fall, dass Christoph Hochhäusler Architektur an der TU Berlin studierte, bevor er zum Film kam. Die Architektur von Frankfurt wird nicht einfach nur in Szene gesetzt, sie wirft durch die besondere Struktur der monströsen Hochhäuser spannende Möglichkeiten auf. Einerseits können die massiven Glasfassaden erdrückend, fast schon bedrohlich wirken, andererseits wird mit Glas als Material Transparenz und Zerbrechlichkeit verbunden. Die Ambivalenz der Menschen, die in diesem Milieu zu Hause sind, scheint auf die Architektur und auf die gesamte Stadt übertragen zu werden. Auf dem Papier wirken die Figuren des Films wie die altbekannten Prototypen, modelliert nach einem bestimmten Muster: die vernachlässigte Ehefrau, die sich in eine Affäre flüchtet. Der übermächtige Bankmanager, der alles bekommt, was er will. Der betrogene Ehemann, der möglichst dezent beiseite geschoben werden soll. Trotzdem besteht kaum eine Gefahr, dass der Film in diese Stereotypen abrutscht, besinnt man sich auf die Art und Weise wie distanziert Hochhäusler seinen Filmfiguren begegnet und wie offen er es mit Motivationen und Hintergründen hält. Was bei den ersten beiden Filmen ganz besonders herauszuheben ist, ist das Ende, weil es einfach perfekt ist. Keine Auflösungen, man kann von einem offenen Ende sprechen, wenn man so will. Denn wer braucht schon eine Aufklärung, wenn die Ungewissheit so schön in Szene gesetzt werden kann? Das Ende von Unter dir die Stadt soll verstörend und beunruhigend sein – klingt irgendwie perfekt.

Unsere CINEMATHEK startet am Montag, den 18.04.2011 um 21 Uhr im Universum Filmtheater in Braunschweig mit einem Highlight. Zur Filmvorführung von UNTER DIR DIE STADT wird Regisseur Christoph Hochhäusler anwesend sein. Sowohl im Kino als auch am nächsten Morgen besteht die Möglichkeit zu Gesprächen und Diskussionen. Am Dienstag (19.04.) um 09:45 Uhr bietet sich in der Übung “Filmarbeit” die Gelegenheit, mit Hochhäusler konzentriert über seine Arbeit zu sprechen. Alle Interessierten sind dazu herzlich eingeladen.

Unter Dir Die Stadt, Deutschland, 2010, ‘110
Regie: Christoph Hochhäusler
Drehbuch: Christoph Hochhäusler, Ulrich Peltzer
Kamera: Tim Pannen
Schnitt: Bernhard Keller
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 31.03.2011

Hier gibt’s den Flyer zur kompletten Staffel der Cinemathek zum Download.

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>