“UNCLE BOONMEE WHO CAN RECALL HIS PAST LIVES” am 16.05.2011 um 19:00 Uhr

Portrait: Apichatpong Weerasethakul
Von Laura Sophie Culik

Geboren 1970 in Bangkok, aufgewachsen im Nordosten Thailands, studierte Apichatpong Weerasethakul zunächst dort Architektur. Während des Studiums beschäftigte er sich bereits mit Film und drehte mehrere 16 mm – Kurzfilme. Nach Abschluss des Studiums zog er 1994 nach Chicaco, um am “Art Institute of Chicago” Film zu studieren. Mittlerweile hat er mehrere international gelobte und ausgezeichnete Filme gedreht, zum Beispiel Blissfully Yours aus dem Jahr 2002, der verschiedene Festivalpreise gewann; Tropical Malady, der 2004 mit dem Preis der Jury aus Cannes ausgezeichnet wurde und Uncle Boonmee who can recall his past lives, der die ebenfalls aus Cannes stammende Goldene Palme bekam, und seine eigene Produktionsfirma “Kick the Machine” gegründet.

Soviel zu den Fakten, nun zu den Filmen.

Blissfully Yours erzählt aus dem Leben eines illegal in Thailand arbeitenden Burmesen namens Min, der an einer Hautkrankheit leidet. Seine Freundin Roong arbeitet in einer Fabrik, währned sie weg ist kümmert sich Orn, eine ältere Frau, um ihn. Roong und Min fahren in den Dschungel, um einen gemütlichen Tag zu verbringen, und als Orns Moped kaputt geht und das ihres Begleiters geklaut wird, macht sie sich auf die Suche nach den beiden. Mehr Handlung gibt es nicht, aber das macht nichts. Beinahe ohne Musik entsteht so durch die meist etwas wackelige Handkamera ein von Insektenflattern und Vogelgezwitscher begleitetes Spiel aus Licht und Schatten, das sich so ähnlich anhört wie eine Entspannungs-CD. Im Wald wird gepicknickt, gebadet und so weiter, alles im Einklang mit dem Dschungel und seiner Geräuschkulisse, weder verstörend noch langweilig, schön anzuschauen, und als der Film plötzlich zu Ende ist, findet man es – obwohl eigentlich nichts passiert ist – schade.

Tropical Malady spielt auch größtenteils im Dschungel, ist dabei aber ganz anders als Blissfully Yours. Die erste Hälfte des Films ist eine homosexuelle Liebesgeschichte, die zweite Hälfte eine mythische und beängstigende Tigerjagd – wobei nicht ganz klar ist, ob der Soldat den Tiger jagt oder der Tiger den Soldaten. Das homosexuelle Paar besteht aus dem Soldaten Keng, der den Bauernjungen Tong umwirbt und schließlich für sich gewinnt. Zusammen machen sie Ausflüge aufs Land, unterhalten sich. Irgendwann wird Keng in den Dschungel abkommandiert, um den Tiger zu jagen, der die am Rande des Dschungel lebenden Bauern bedroht. Dieser Tiger ist eine verfluchte Kreatur aus einer alten thailändischen Sage, ein Mensch, der seine Jäger in sein Reich schleppt oder aber von den Jägern getötet und dadurch befreit werden muss. Für Keng nimmt der Tiger mitunter Tongs Gestalt an, mitunter scheint er ein im Dschungel lebender Stammesangehöriger zu sein. Ein sprechender Affe erzählt Keng, dass der Tiger immer auf seiner Spur wäre, wie ein Schatten, und dass er ihn nicht loswerden könne – außer, er tötet ihn oder lässt sich töten. Auf allen vieren am Ende seiner Kräfte durch den Wald kriechend, findet Keng sich auf einmal – natürlich nachts – gegenüber des Tigers, der majestätisch auf einem Ast über ihm steht, wieder.Die Angst vor dem Tiger, die unheimliche Atmosphäre im nächtlichen Dschungel, die Mythologie der Sage und die seltsamen Geschehnisse halten einen als Zuschauer die zweite Hälfte des Films über in Atem. Stets rechnet man mit einem Angriff aus dem Hinterhalt, statt dessen werden nur zwei vom Tiger gerissene Kühe gefunden. Selbst das Aufeinandertreffen mit dem Raubtier ist friedlich, denn Keng spricht (vor Angst zitternd) mit ihm. Ob Tiger oder Jäger getötet werden, erfährt der Zuschauer nicht. Inwiefern die Liebesgeschichte aus dem ersten Teil einen kausalen Bezug zum zweiten Teil hat, scheint zunächst fraglich und gleichzeitig logisch, denn ein tigerjagender Soldat hat natürlich eine Vorgeschichte, und eben diese wird im ersten Teil erzählt. Man wird das Gefühl nicht los, etwas bedeutenderes zu tun, als bloß einen Film zu sehen, man erlebt etwas übernatürliches – so kitschig es klingt, tatsächlich ist es völlig kitschfrei.

In Uncle Boonmee who can recall his past lives geht es um den alten Boonmee, der bald an Nierenversagen sterben wird. Deswegen versammelt er seine Liebsten um sich, um Abschied zu nehmen – und seine Frau Huay, seit 19 Jahren verstorben, gesellt sich dazu, um ihm zur Seite zu stehen. Die Geschichte von dem Mann, der sich an seine früheren Leben erinnern konnte, ist alt. 1983 erschien das Buch des Mannes im Verlag eines Klosters. Auch in Tropical Malady wird diese Geschichte angesprochen, die Geschichte eines Mannes, der sich im Alter von 90 Jahren an 200 Jahre Lebenszeit erinnerte. In dieser Geschichte um Uncle Boonmee erscheinen Geister in Affengestalt, entstellte Prinzessinen, Tote, und bilden einen Film bestehend aus “Märchen und Politparabel, Trauer und Trost und natürlich Leben und Tod” (Ekkehard Knörer in CARGO), der zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wandert.

Unsere Kinoreihe CINEMATHEK geht kommenden Montag (16.05, 21 Uhr im Universum) mit Apichatpong Weerasethakuls Film “Uncle Boonmee who can recall his past lives”, der letztes Jahr in Cannes die Goldene Palme gewann, in die zweite Runde.

Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives, Thailand, 2010, ‘113
Regie: Apichatpong Weerasethakul
Drehbuch: Apichatpong Weerasethakul
Kamera: Sayombhu Mukdeeprom
Schnitt: Lee Chatametikool
Verleih: Movienet
Kinostart: 30.09.2010

Hier gibt’s den Flyer zur kompletten Staffel der Cinemathek zum Download.

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