“ÜBER UNS DAS ALL” am 30.01.2012 um 19:00 Uhr

über uns das allWir zeigen den Film “Über uns das All” am Montag, 30.1. um 19 Uhr im Universum in Anwesenheit des Regisseurs!

Jan Schomburg erzählt schnell zu Beginn seines Films: kurze Momentaufnahmen gefolgt von großen Ellipsen. Zunächst die erfolgreich abgeschlossene Doktorarbeit von Paul, der Plan von ihm und seiner Frau, der Lehrerin Martha nach Marseille auszuwandern, die Abschiedsfeier und der Morgen, an dem er schon mal vorfährt. Sie will eine Woche später folgen. Aber Paul ist sich unsicher, er zögert, steht wie gedankenverloren am Auto, bevor er einsteigt. Und ab hier überträgt sich dieses Anhalten allmählich auch auf den Film. Aber es wird noch ein wenig dauern, bevor auch er ins Schlendern gerät, sich in Möglichkeiten ergeht. Zunächst: Pauls Selbstmord in Marseille, und Marthas Suche nach dem Grund. Schnell findet sie heraus, dass er nicht der war, für den er sich ausgegeben hat. Keine Doktorarbeit, nicht mal eine Anstellung.
Martha, der Sandra Hüller eine wunderbare Form gibt, optimistisch, aber nicht berechenbar, unkonventionell in ihren emotionalen Entscheidungen, lässt die Nachforschungen aber schnell wieder sein. Die Fragen, denen wir im Falle eines plötzlichen und unerwarteten Todes eines geliebten Mitmenschen gegenüber stehen, sie bleiben unbeantwortet im Raum. Und sie hat ja Recht. Was ändert es jetzt noch, das Rätsel zu lösen, wenn sie ihren Mann nicht mehr damit konfrontieren kann. Sowieso ist sie bei der Beantwortung auf die Mithilfe der anderen angewiesen und müsste ihnen glauben, hundertprozentige Gewissheit ist im Angesicht des Todes nicht zu bekommen. Und deswegen entscheidet sie sich für das, was für sie am besten ist. Und mit ihr der Film, der nun zum Stillstand kommt, scheinbar eine andere Geschichte erzählt, deren Ende wir langsam und allmählich durchschimmern sehen.
80Still 1Martha entdeckt den Geschichtsprofessor Alexander, der ihrem Mann ähnelt, im Aussehen, in den Gesten. Und er zitiert Hegels Geschichtsphilosophie, wonach bedeutende historische Konstellationen immer zwei mal auftreten. Doch auch für das Private, Unbedeutende scheint das zu gelten: Sie freunden sich schnell an, beginnen eine Beziehung, die beiden gefällt. Vertigo, nur andersherum – und ohne den kriminalistischen Plot. Doch wie bei Hitchcock geht es auch hier um die Formbarkeit des anderen in extremen Situationen, zu denen auch die Liebe zählt. Die Vertrautheit, mit der Martha Alexander nahezu überrumpelt, lässt beiden wenig Raum für eigene, individuelle Entscheidungen. Ihre Beziehung muss so werden wie die erste, Alexander ist ein Surrogat und darf deswegen auch nichts von seinem Vorgänger wissen. Bis am Ende wieder Marseille als Alternative dasteht, und Martha langsam dämmert, was sie hier gemacht hat.
52Die Liebe ist von Natur aus faschistisch, sagt ein Unbekannter zu Martha und Alexander. Weil man den anderen in eine Form zu bringen versucht, mit der man sich arrangieren kann. Und das Perfide dabei ist, dass man gleichzeitig durch Popmusik und Kinofilme gelernt hat, davon überzeugt zu sein, den anderen so zu lieben, wie er ist, mit all seinen Fehlern. In Verbindung mit Hegel lässt Schomburg kein gutes Haar an dieser idealistischen Vorstellung von Liebe. Und deswegen führt er am Ende einen Twist ein, der alles verändert. Obwohl Martha am Schluss des Films dort weitermacht, wo sie mit Paul zuvor schon anfangen wollte, steht das alles in Frage durch eine einzige kurze Einstellung, eine Phantasie, die das Gesehene und das Folgende in die zwei Lager Traum und Realität unterteilt. Welche Szenen wir in welchem Lager einordnen, bleibt uns überlassen, aber dass man das bisher Gesehene neu überdenken muss, daran führt kein Weg vorbei.
Und so ist für Schomburg mit Heraklit der Ausweg aus Hegels Determinismus zu finden: “Man kann nicht zweimal in den selben Fluss steigen.”

Über uns das All
, Deutschland, 2011, ’95
Regie: Jan Schomburg
Drehbuch: Jan Schomburg
Kamera: Marc Comes
Schnitt: Bernd Euscher
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 15.09.2011

Der Flyer zur zweiten Staffel der Cinemathek zum Download.

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