“TUESDAY, AFTER CHRISTMAS” am 12.12.2011 um 19:00 Uhr

tuesdayplakatDer Dienstag kommt schon nicht mehr im Film vor. Um es auch sonst mit der Inhaltsangabe kurz zu halten: Weihnachten ist erst am Schluss, dann haben Paul und Adriana ihre Scheidung schon beschlossen, und Paul akzeptiert, dass ihre zehnjährige Tochter bei ihrer Mutter wohnen wird. Er wird zu Raluca ziehen, eine jüngere Frau, in die er sich verliebt hat.
Natürlich passiert viel mehr im Film, aber auf einer Ebene, die sich nicht in einer Inhaltsangabe zusammenfassen lässt. Dafür muss man darüber schreiben, wie der Film gemacht ist.

Er erzählt in langen ruhigen Einstellungen, die selbst für die Neue Welle von Filmen aus Rumänien, zu der Radu Muntean gerechnet werden kann und die (zum Glück) auch schon längst kein Geheimtipp mehr ist, ungewöhnlich lang sind. Häufig sind es Plansequenzen, die die Scope-Kamera filmt. Gleich die erste Einstellung ist macht das klar: Paul und Raluca liegen nackt auf dem Bett, die Kamera filmt sie auf Betthöhe seitlich. Ein bemerkenswerte Vertrautheit herrscht zwischen den Charakteren, man ist nur etwas irritiert über die Personen, denen sie Weihnachtsgeschenke machen wollen, irgendwas stimmt da nicht. Man reimt sich erst in der nächsten Szene zusammen, dass die Frau dort, Adrian, seine Ehefrau sein muss, die Vertrautheit wird hier durch Routine ersetzt.
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Das Scopeformat, sagte Fritz Lang in “Le Mépris” sei nur dazu gut, Dackel und Beerdigungen zu filmen. Und schon in “Le Mépris” stimmte das nicht, denn Godard demonstrierte in dem Film, wie wunderbar leere Bilder man damit komponieren kann. Wenn sich Paul und Camille eine halbe Stunde lang in ihrem noch nicht eingerichteten Appartement nachjagen, wirken sie so verloren in den weißen Bildern, die allenfalls durch eine kleine Lampe in der Mitte andeutungsweise gefüllt werden. Scope erlaubt es dem Regisseur, sich seinen Figuren zu näheren, ohne den Raum aus den Augen verlieren zu müssen. Die wenigen Figuren aus “Tuesday” wirken hingegen nicht verloren, sie strahlen Festigkeit aus, füllen das Bild, in dem sie meist in einer Nahen oder Halbnahen zu sehen sind. Auch deswegen muss Muntean keinen Blick auf die Räume verschwinden, es gibt keine Einstellung ohne Personen. Aber das, was zwischen ihnen passiert, wird greifbar, und zwar sofort. Wenn Paul Raluca bei ihrer Mutter besucht, ist ihre Ablehnung diesem Mann gegenüber sofort spürbar, sie kann dann sogar später, wenn sie im Hintergrund aus der Küche kommt, in der Unschärfe des Bildes bleiben. Überhaupt bewegt sich die Kamera nur, wenn sie den Personen nachgeführt werden muss, die meiste Zeit über bleibt sie statisch. Dass Muntean eine Beziehung seziere, wird immer wieder über diesen Film gesagt, aber das ist nicht wahr, das ist der falsche Begriff. Er nimmt nicht auseinander, er beobachtet genau und stellt dar. Das, was zwischen den Figuren ist, wird greifbar, zeigt sich, wie von allein, so wirkt es.
In der letzten Einstellung singt im Off eine Gruppe von Kindern an der Tür. Paul nutzt die Gelegenheit, um unbemerkt die Geschenke unter den Weihnachtsbaum zu legen. Sie haben beschlossen, Weihnachten noch einmal für ihre Tochter zu inszenieren. Das Spiel funktioniert auch wie von selbst, ohne hinzusehen. Hinter ihrem Rücken gibt sie ihm ein Geschenk genau im richtigen Moment, wenn er hinter ihr auftaucht, mit dem Kopf gibt sie ihm ein Zeichen, wenn die Tochter gerade nicht schaut. Blind läuft das ab. Eine fast zwanzigjährige Beziehung, das ist Routine. Die muss man erst mal auflösen.

Tuesday, after Christmas, Rumänien, 2010, ’99
Regie: Radu Muntean
Drehbuch: Radu Muntean, Alexandru Baciu, Răzvan Rădulescu
Kamera: Tudor Lucaciu
Schnitt: Alexandru Radu
Verleih: Peripher
Kinostart: 06.10.2011

Der Flyer zur zweiten Staffel der Cinemathek zum Download.

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