THE WHISPERING STAR am 15.06.2016

Der japanische Regisseur Sion Sono gehört zu den interessantesten und produktivsten Filmemachern des Weltkinos. Mit 17 Jahren begann er Gedichte zu schreiben, drehte einige Jahre später seinen ersten Kurzfilm und 1986 schließlich sein Langfilm-Debüt A Man’s Flower Road. Seitdem hat er in fast jedem Jahr mindestens einen Film fertig gestellt (allein 2015 waren es sechs!) und bewegt sich auch als Resultat dieser enormen Produktivität in verschiedenen Genres. Dabei folgt er als Filmemacher kaum den bestehenden Konventionen, sondern will Grenzen überschreiten, groteske Fantasien ausleben und Extreme erkunden. Bildsprache, Effekte, Geschichten – alles ist irgendwie überdreht und wild gemischt, wobei Sono diese Diversität nie zur Beliebigkeit werden lässt. Sie ist zu seinem Markenzeichen, zu einer einzigartigen Handschrift geworden, mit der er sich schon lange als einer der wichtigsten Regisseure Japans etabliert hat. Der wirklich große internationale Erfolg kam später mit Love Exposure (2008), dem vierstündigen Meisterwerk, das den Auftaktfilm der „Hass-Trilogie“ darstellt. Dabei werden eigentlich mehrere Filme in einem verpackt, denn Sono ist kein Regisseur der Reduktion auf ein einziges Thema. Sexuelle Perversionen, religiöser Fanatismus, eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung, Kampfkunst, Ödipuskomplex und japanische Stereotype sind nur einige Bestandteile dieses Wahnsinns-Trips, der im Kern Fragen nach den Grenzen zwischen den wohl stärksten Emotionen Liebe und Hass verhandelt. Sonos Filmschaffen ist bis heute geprägt von dieser überbordenden Vielfalt und dem Experimentieren mit Komponenten, die zunächst schwer kombinierbar erscheinen. Why Don’t You Play in Hell? (2013) über eine Film-Crew, die bei einem realen Yakuza-Kampf live einen Film dreht, ist irrsinnige Mediensatire, blutiger Action-Film und Liebeserklärung ans Kino zugleich. Und die Manga-Verfilmung Tokyo Tribe (2014) verpackt eine Martial Arts Kampforgie als opulentes Rap-Musical.

TheWhisperingStar_sub3

Der poetische Science-Fiction Film The Whispering Star, zu dem Sion Sono bereits vor 25 Jahren das Drehbuch entwickelte, erscheint nun auf den ersten Blick wie der komplette Gegenentwurf zu diesen Beispielen audiovisueller Ekstase. In den schwarzweißen Bildern liegt viel Ruhe und Melancholie, statt rapider Schnitte ist die Erzählweise von einem deutlich langsameren Rhythmus geprägt und versetzt die Zuschauer fast in Trance. Exzessive Bilderfluten werden hier von einer nicht minder herausfordernden Langsamkeit und einer zurückgenommenen Ästhetik aus kargen, trostlosen Landschaften ersetzt. Die besondere Zurückhaltung wird zudem durch eine akustische Eigenheit des Films unterstützt, denn alle Figuren sprechen ausschließlich in flüsterndem Ton miteinander.
Trotz dieser reduzierten Atmosphäre lässt sich Sono viel Raum für kuriose Einfälle und eine verspielte Liebe zum Detail, die sich vor allem im Look des Retro-Raumschiffs, in dem die Protagonistin durchs Weltall reist, zeigt. Äußerlich ist es einer traditionellen japanischen Hütte nachempfunden, im Innenraum ist es ausgestattet mit analoger Technik, altmodischer Küche, spärlicher Einrichtung und einem fehlerhaften Bordcomputer. Nostalgie und Futurismus werden aber nicht nur im Set-Design gegenübergestellt, auch die Rahmenbedingungen der Erzählung thematisieren die Relikte vergangener Zeiten und die damit verbundenen Konsequenzen für die Zukunft. Wir befinden uns in einem Universum, in der die Menschheit zu einer aussterbenden Spezies geworden ist und die Population zu 80 % aus künstlichen Intelligenzen besteht. Eine davon ist die Androidin Yoko Suzuki, die als Paketbotin an abgelegene Orte des Weltalls fliegt und dort Lieferungen überbringt, auf die die Adressaten schon ewig warten. Express-Lieferungen gibt es bei ihr nicht, stattdessen ist sie seit 14 Jahren unterwegs und noch immer stapeln sich die Paketberge. Es ist ein einsames Dasein, gezeichnet von der Monotonie des Alltags im Raumschiff, dem routinierten Verrichten von Haushaltsarbeit und den endlosen Weiten von Raum und Zeit. Als Yoko eines Tages aus Neugier beginnt in die Pakete hineinzuschauen, eröffnet sich eine völlig neue Welt rund um die sentimentale Bedeutung von Kleinigkeiten und das für sie fremde Konzept von Erinnerungen.
TheWhisperingStar_main

Yokos Abgeschiedenheit wird nur durch die Paketlieferungen unterbrochen, die sie zu verschiedenen Planeten führen und den spärlichen, aber essenziellen Kontakt zu anderen Wesen aufrechterhalten. Dabei bringt jeder dieser Orte ganz eigene Charakteristika und Bewohner mit sich, von exzentrischen Einzelgängern bis hin zu einsamen Seelen, deren Dasein durch das Warten auf die Pakete bestimmt zu sein scheint. Die Gebäude sind verlassen, die Straßen leer und die Landschaften wirken post-apokalyptisch. Als Drehorte für die Außenaufnahmen dienten evakuierte Gebiete in Fukushima, die durch die Nuklearkatastrophe vor fünf Jahren zerstört wurden. Die lokalen Bewohner, die nach wie vor in temporären Unterkünften wohnen müssen, kooperierten mit Sion Sono und tauchen teilweise selbst im Film auf.
In einer unmittelbaren Verknüpfung von gegenwärtiger Realität und Zukunftsvision dienen diese Ruinen der Menschheit als visuelle Belege für die Entwicklungen, die Yoko zuvor auf einem alten Tonbandgerät (eine Mischung aus Tagebuch und Relikt für die Nachwelt) festhält. Im Laufe der Geschichte begingen die Menschen wieder und wieder dieselben Fehler und hatten zahlreiche Katastrophen zu verantworten, ohne je daraus zu lernen. Als Resultat dieses Musters der Zerstörung wird nun alles von künstlichen Intelligenzen gesteuert und erst durch diese Umverteilung der Macht konnte die Galaxie wieder Ruhe und Frieden finden.

The Whispering Star enthält einige „klassische“ Science-Fiction Elemente und trägt vor allem Merkmale dystopischer Zukunftsvisionen, deren Grundlage in einem pessimistischen Weiterdenken der gegenwärtigen Situation besteht, in sich. In bezeichnender Ironie stellt das Raumschiff – als eigentliches Sinnbild des Futuristischen – durch die minimalistische Ausstattung und das traditionelle Design stärkere Bezüge zur Gegenwart her als die bizarren Landschaftswelten außerhalb, die tatsächlich unserer Realität entstammen, aber den Eindruck fremder Planeten erwecken. Sozialkritische Untertöne dieser Art scheinen permanent durch den Schleier ästhetischer Schwarzweiß-Aufnahmen hindurch und treten mitunter deutlich an die Oberfläche. In dieser Hinsicht ist der Film nicht nur der Blick in eine fiktive Zukunft, sondern auch Verarbeitung einer sehr realen Vergangenheit sowie eine Botschaft gegen das Verdrängen und Vergessen. Dass er trotz dieses schwermütigen, ernsthaften Kerns von humoristischen Momenten der Leichtigkeit durchzogen ist, beweist einmal mehr Sion Sonos bemerkenswertes Gespür für die Verschmelzung von Widersprüchen.

Wir zeigen The Whispering Star einmalig im Rahmen der Cinemathek am Mittwoch, den 15.06., um 19 Uhr im Universum Filmtheater. Der Film läuft in der japanischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln und für Studierende gilt ein ermäßigter Eintrittspreis von 5,50 € (regulär: 8 €).

Hiso hiso hoshi, Japan 2015, 101’
Regie & Buch: Sion Sono
Kamera: Hideo Yamamoto
Schnitt: Jun’ichi Itô
Darsteller: Megumi Kagurazaka, Kenji Endo, Yuto Ikeda, Koko Mori
Verleih & Bildrechte: Rapid Eye Movies
Kinostart: 26.05.2016

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>