THE TRIBE am 16.12.2015

Lauter Straßenlärm, distanzierte Blicke auf eine Haltestelle und Sergey, der den Weg zu seiner neuen Schule erfragt. Vorbeifahrende Fahrzeuge, die dieses Gespräch verbergen und Glasscheiben, die eine Sprachkommunikation verhindern. Klammert man die primäre Schrifttafel aus, ist The Tribe von Miroslav Slaboshpitsky zunächst noch darum bemüht sein Alleinstellungsmerkmal zu verbergen. Erst im Zuge einer Schulzeremonie wird es feierlich in Szene gesetzt: Die zentralen filmischen Figuren sind allesamt gehörlos und kommunizieren über ukrainische Gebärdensprache, welche der Film weder untertitelt noch erklärt.

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In zweifacher Hinsicht lässt sich deshalb die filmische Narration in wenigen Worten zusammenfassen: Sergey, dessen Namen man erst über den Abspann erfährt, kommt neu an ein Internat für gehörlose Schüler*innen. Seine Vorgeschichte und sein sozialer Hintergrund bleiben, wie bei allen restlichen Figuren auch, unklar. Was man jedoch sehr schnell realisiert, sind die rauen Gepflogenheiten, die in diesem Internat herrschen. Sergey, der anfangs noch isoliert ist, findet bald Anschluss in einem inoffiziellen Stamm – dem titelgebenden Tribe – der wiederum verstrickt ist in gewaltsame Überfälle und Prostitution. In diesen Strukturen gelingt Sergey der Aufstieg in eine verantwortungsvolle Position bis zu dem Punkt, als er sich in eine Mitschülerin verliebt und daraufhin beginnt, sich immer stärker den Regeln des Stammes zu widersetzen.

Viel mehr narrative Details lassen sich an dieser Stelle nicht anführen, da sie einem Publikum ohne Kenntnisse in Gebärdensprache, für das der Film primär konzipiert ist, entgehen. Nicht zuletzt sind Gebärden ja auch keine transnationale Kommunikation, sondern an nationale Sprachräume gebunden und besitzen somit selbst für ein gehörloses Publikum keine globale Verständlichkeit.
Gleichzeitig braucht The Tribe auch gar keine komplexe Erzählstruktur, da der Film darauf angewiesen ist, gerade auch ohne die Untertitelung verstanden zu werden. Deswegen greift er vielfach auch auf etablierte Figurationen wie die konventionelle Wodkaflasche oder auf Schulrowdies zurück, die den Jüngeren das Geld abknöpfen und ihnen ins Essen spucken. Problematisch wird es dann, wenn die Figuren nicht einfach nur stereotype Personenrollen verkörpern, sondern an Menschlichkeit einbüßen und sich animalisch auf die geraubte Beute stürzen und die jungen Frauen in den von den Männern zurückgelassenen Resten wühlen.

Was sich hier diegetisch also als hermeneutisch abgeriegelte Internatssituation und entfremdetes Körperverhalten zeigt, wird nicht aus der Distanz betrachtet, sondern dient Slaboshpitsky dazu, auf die Körperlichkeit der Zuschauer*innen abzuzielen. Als Kameraauge, das Sergeys Ankunft verfolgt und dabei zahllose Türen, Fenster und Gitter passiert, entwickelt der Film eine ausgeprägte Sogwirkung, obwohl oder gerade weil sich ein Nebel der Unsicherheit über die filmischen Dialoge legt. Die Gebärde spielt in diese filmische Affektpolitik natürlich ebenfalls mit ein.

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Allzu gerne wird die Gebärde als natürliche und authentische Sprache gedacht, da sie sich am Körper vollzieht und somit scheinbar von kulturellen Implikationen befreit ist. Auch wenn das die Körperlichkeit der Stimme ebenso wie den Zugriff der Kultur auf der Körper untergräbt, forciert auch The Tribe das Authentische der Geste. Neben den üblichen Parametern des Weltkinos, wie dem Rückgriff auf Laiendarsteller*innen oder dem Gebrauch langer Einstellungsdauern, geschieht dies vor allem über eine Ambivalenz des Körperlichen.

Sex und Gewalt, mit denen The Tribe reichlich ausgestattet ist, sind als kinematografische Körpersprachen etabliert und stehen in der Regel im Zeichen einer leiblich-sensorischen und unmittelbaren Erfahrung. Slaboshpitsky bringt dieses Verhältnis zum Kippen, wenn im wahrsten Sinne des Wortes hinter jeder Ecke ein Blowjob verrichtet wird und hinter jeder Tür eine Schlägerei beginnt. Die dort agierenden Körper werden dabei in artifiziell symmetrischen Frontaltableaus sichtbar und mit gequälten Schreien hörbar. Spätestens wenn Sergey dann gegen andere Mitglieder des Tribes etwa einen rituellen Kampf für ein diegetisches Publikum aufführt, werden diese gewaltvollen und sexuellen Praktiken ausgehöhlt. Den ironischen Gipfel der Stilisierung erreicht Slaboshpitsky schließlich, wenn er die sonst starre Kamera im Einklang zum Doggy-Style mitwippen lässt.
Mit der maßlosen Stilisierung der großen Taten rücken die kleinen Gesten damit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Diese Gesten und Gebärden bedürfen einer bestimmten Art von Sichtbarkeit, die sie in eine enge Beziehung zum Kino setzt. Wenden die filmischen Figuren ihren Blick voneinander ab, so unterbrechen sie die Kommunikation. Slaboshpitsky verfolgt jedoch die gegensätzliche Strategie und schaut mit der Kamera kontinuierlich hin. Jedoch nicht mit einem ethnografischen und schon gar nicht mit einem empathischen Blick. Es geht nicht darum, ein soziales Milieu der Figuren zu zeichnen und auch nicht darum, die Sinneserfahrung des Nicht-Hörens einem hörenden Publikum zu vermitteln. Er vertauscht nicht die Räume des Sinnlichen, sondern diskutiert vielmehr die Eigenheit des Kinosraums, wenn sich die Geräusche der Gebärden mit dem Magenknurren, Popcornrascheln und dem Atemanhalten des Publikums mischen.

The Tribe ist am Mittwoch, den 16.12.2014, um 19 Uhr im Universum Filmtheater zu sehen – einmalig in Braunschweig und natürlich als Originalfassung ohne Untertitel!
The Tribe (OT: Plemya), Ukraine / Niederlande 2014, 132′
Regie & Drehbuch: Miroslav Slaboshpitsky
Kamera & Schnitt: Valentyn Vasyanovych
Darsteller: Yana Novikova, Grigoriy Fesenko, Rosa Babiy
Verleih & Bildrechte: Rapid Eye Movies

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