“THE ACT OF KILLING” am 4.12.2013 um 19 Uhr

03 plakatWährend Indonesien unter der politischen Führung von Suharto stand, wurden bis 1967 durch andauernde Massaker an der kommunistischen Bevölkerung mehr als eine Million Menschen hingerichtet. Über die Ereignisse hat seither weder Aufklärung noch Strafverfolgung stattgefunden. Übermächtig trägt die Doku dazu bei, die brutale Tragödie zu reflektieren. Das Filmen an Originalschauplätzen und die Einbindung ehemaliger Täter zeigt den andauernden, schockierenden Umgang der paramilitärischen Polizeieinheiten im Land.

Wie kommt es dazu, dass ein Film, der neben seiner abscheulich realistischen Thematik surrealistische Szenen zeigt, bei denen vor einer Tropenwaldkulisse, zwischen tanzenden Statistinnen eine Dragqueen und eine Art Prediger so agieren, als ob das Leben ein zufällig gewürfeltes Spiel von Gut und Böse ungleicher Chancen sei? Wird dieses Arrangement noch dem Genre der Dokumentation gerecht, wenn Szenen nachgestellt werden, die aus einer Idee entstanden sind, dass sich die Täter mit Hilfe Oppenheimers einen eigenen Film als Denkmal erschaffen dürfen? Die Umstände die zu diesen Entscheidungen geführt haben, sind in der frühen Geschichte und dem derzeitigen Zustand Indoniesiens zu finden.

Der Hintergrund
Unter erschwerten Bedingungen versuchte Joshua Oppenheimer seit 2002 die Schicksale der Hinterbliebenen mit Interviews über die Massaker aufzuarbeiten. Er durfte die Aktionen der paramilitärischen Einheiten nicht in Frage stellen und wurde während der Dreharbeiten überwacht. Es scheint fast unmöglich in Indonesien offen darüber zu sprechen, was sich im gequälten Lächeln und der betäubten Anwesenheit der Bevölkerung bei Propagandafesten versteckt. Wenige tiefblickende Aufnahmen konnten während Unterhaltungen bei Autofahrten mitgeschnitten werden, sodass überhaupt Protagonisten zu Wort kommen, die den Mut haben die zwanghaften Umstände des Systems aus ihrer Sicht zu schildern. Aus Selbstschutz bleiben die meisten Mitglieder der Filmcrew anonym. Oppenheimer selbst war sich nach Abschluss des Drehs bewusst, dass er nie wieder nach Indonesien zurückkehren würde und veranlasste Aufnahmen für einen weiteren Film. 
Die Aufführung von The Act of Killing wurde in Indonesien mit der scheinbaren Verherrlichung der Mörder beworben, bis manchen auffiel, dass sich die verschiedenen Lesarten allmählich herumsprachen. Nachdem öffentliche Screenings verboten wurden, soll u.a. ein kostenloser Online-Stream für die indonesische Bevölkerung, dem Bedürfnis nach Hoffnung und Ehrerbietung der Opfer entgegenkommen.

Die Entscheidung Anwar Congos Person zu verfilmen ist eine Auswahl von circa 40 Freiwilligen, wobei Oppenheimer ihn erst unter den letzten Kandidaten fand. Trotz weit perfideren Karrieren boten sich Anwar und sein Handlanger Hermann als absurde Konstellation an. Nach der Beantwortung einer Frage Oppenheimers bei der Berlinale wirkte Anwar, als ob ein Bedürfnis in ihm nach Hilfe schrie sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen, während Hermann wie andere, mit der reinen Brutalität der Taten prahlte. Trotz der Bürde von Anwars Schuldgefühlen strahlt der Film kein Mitgefühl für ihn aus, denn die schizophrenen Momente in seiner Reflexion zeigen in welchem Kampf er sich z.B. abends beim Einschlafen befindet, wenn er versucht sich mit Fernsehen von den Schreien der Opfer in seiner Erinnerung abzulenken. Dieses schwierig zu verfilmende Schuldbewusstsein war für Oppenheimer der Antrieb und die Möglichkeit einen aufklärenden Film zu gestalten. Indem er der zerrütteten Persönlichkeit die inhaltliche Gestaltung mancher Szenen überließ und die Rahmengestaltung übernahm musste er die Bekanntschaft für einen Einblick opfern, der anders nicht möglich gewesen wäre. Weiterführend unsere Kritik zum Film.

Der Regisseur
960Joshua Lincoln Oppenheimer, 1974 in Austin, Texas in den USA geboren studierte an der Harvard University beim jugoslawischen Filmregisseur Dušan Makavejev, der u.a. auf der Berlinale 1968 für den Film Innocence Unprotected mit einem silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Oppenheimers erster Schnitt der unglaublichen Doku-Fiktion erzeugte bei Werner Herzog und Erol Morris tiefen Eindruck, sodass sie sich dem Projekt als Paten widmeten. Von 1995 bis 2008 folgten mit kurzen Unterbrechungen Filme, die sich meist gesellschaftspolitischen Themen widmen. The Entire History of the Louisiana Purchase von 1998, ist der erste umfassendere Versuch Oppenheimers Dokumentation und Fiktion zu vereinen. 2003 drehte er zusammen mit Christine Cynn The Globalisation Tapes für den er breitere internationale Anerkennung und Preise gewann. Eine Zusammenfassung früherer Arbeiten Oppenheimers findet sich hier. Dieses umfassende Interview zu The Act of Killing vertieft Oppenheimers Sicht auf sein Werk.

Titel: The Act of Killing – 159‘, DEN/NOR/UK 2012.

Darsteller: Anwar Congo
Originalsprache: Indonesisch

Regie: Joshua Oppenheimer
Produzent: Werner Herzog
Kamera: Carlos Arango de Montis
Schnitt: Niels Pagh Andersen
Musik: Elin Øyen Vister

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