“TAKE THIS WALTZ” am 13.05.2013 um 19:00 Uhr

Take-This-Waltz-4Unsere CINEMATHEK geht weiter: am Montag, den 13.05. um 19:00 Uhr zeigen wir im Universum Filmtheater Take This Waltz (Kanada/E/J 2011) und begeben uns damit genretechnisch in bisher eher unbekannte Gebiete. Der zweite Spielfilm der kanadischen Regisseurin und Schauspielerin Sarah Polley wird als „bittersüße Liebeskomödie“ verkauft, als romantischer Film mit Lachern angepriesen, aber steckt in Wirklichkeit nicht etwas ganz anderes oder zumindest mehr dahinter?

Sarah Polley wurde zunächst als Schauspielerin bekannt, bevor sie anfing auch Drehbücher zu schreiben und Regie zu führen. Nach einigen eigenen Kurzfilmen drehte sie 2006 ihr gefeiertes Spielfilmdebüt Away from Her. Vor dem Hintergrund einer plötzlichen Alzheimer-Erkrankung schildert sie die Schwierigkeiten eines älteren Ehepaares, das sich unfreiwillig mit drastischen Veränderungen in der eingespielten Beziehung auseinandersetzen muss, als die Frau in ein Pflegeheim kommt. Ihr neuer Film Take This Waltz erscheint nun im Vergleich dazu wie eine thematische Erleichterung, ist dem Vorgänger aber hinter der hübschen Fassade gar nicht so unähnlich. Es wird ebenfalls eine Beziehung beobachtet, die auf die Probe gestellt wird, wenn auch unter anderen Umständen und unter dem Deckmantel einer altbekannten Geschichte. Margot (Michelle Williams) und Lou (Seth Rogen) sind seit fünf Jahren glücklich verheiratet, auch wenn sie merklich mit einem sich immer mehr festsetzenden Alltag kämpfen müssen. Aber sie haben noch Spaß miteinander und sie lieben sich. Das sollte doch reichen, denkt sich mancher vielleicht. Für Margot aber reicht es nicht, das wird schnell klar. Während eines Fluges lernt sie Daniel (Luke Kirby) kennen, der nicht nur rein äußerlich das totale Gegenteil von Lou ist. Das Gespräch mit ihm ist tiefgründiger und interessanter, weil alles unbekannt ist. An Lou ist dagegen alles bekannt: die gemeinsamen privaten Scherze, das liebevolle Necken, die große Familie und nicht zuletzt das Hühnchen, das er täglich als Recherche für das eigene Kochbuch zubereitet. Immer in verschiedenen Varianten und doch immer gleich: gut, sicher, aber eben langweilig. Symboliken dieser Art, die sich auf die einzelnen Charaktere und ihre Beziehungen zueinander übertragen lassen, finden sich an unzähligen Stellen im Film, manchmal sind sie versteckt, manchmal offensichtlicher. So wie die Aussage einer alten Frau, die man als Leitsatz über den Film stülpen könnte: All new things get old.

take-this-waltz-9Und so muss sich Margot nun entscheiden, ob sie sich weiter in einer Fantasiewelt mit Daniel verlieren möchte, der sich als ihr Nachbar entpuppt und den sie mit der Zeit immer häufiger treffen wird. Sie sind sich unbekannt und doch herrscht eine unbestreitbare Anziehung, die Margots Leben durcheinander bringt und sie ihre Beziehung und ihr eigentliches Glück in Frage stellen lässt. Die Fantasiephase ist aufregend und neu, aber lohnt es sich, dafür das Alte aufzugeben, um das zunächst Neue am Ende doch wieder nur zum Alten werden zu lassen? Oder ist die Anziehung sowieso nur sexuell und offenbart Margot das, was sie in ihrer Ehe vermisst? In mindestens einer Szene wird einem dies suggeriert, wenn Margot und Daniel über Martinis zusammen sitzen und er ihr explizit schildert, was er gerne mit ihr anstellen würde, ohne dass sich die beiden auch nur einmal berühren. Das ist reizvoll, weil es reine Fantasie ist, aber diese hat eben meistens nichts mit der Realität zu tun. Margot scheint selbst weltfremd genug, um dieser Fantasie mehr Bedeutung zuzusprechen. Sie kann ihr Leben nicht als unvollkommen akzeptieren und will keine Lücke unausgefüllt lassen. Dabei ist eine der großen Stärken des Films Michelle Williams, weil man in ihrem Gesicht nicht eine einfache Entscheidung abliest, sondern eine zerrissene Frau, die ihren Mann liebt, aber plötzlich nicht mehr weiß, wie sie mit ihrem Leben umgehen soll. Nie spielt sie Margot eindeutig, weil die Figur keine Eindeutigkeit findet. Zwischen falschen Hoffnungen sucht sie verzweifelt nach etwas, das sie nie finden wird – nach etwas, das all die Lücken füllt, die im Leben dazugehören und die niemals gefüllt werden können. Die Unzufriedenheit, die sie manchmal überkommt ist ein Teil des Lebens, den sie nicht als solchen akzeptieren will. Dabei ist sie oft anstrengend, manchmal auch unsympathisch und für viele wahrscheinlich einfach nicht nachvollziehbar. Hinter all den schönen, farbintensiven Bildern verbirgt sich eine Verletzlichkeit und eine Unentschlossenheit, die nicht unbedingt ansprechend ist.
Take-This-Waltz-3Gemeinsam mit Daniel sitzt Margot irgendwann in einem Fahrgeschäft, das sich wieder und wieder im Kreis dreht, während im Hintergrund die ganze Fahrt über „Video Killed the Radio Star“ läuft. Die Symbolik schlägt einem hier förmlich ins Gesicht und doch ist die Szene eine der schönsten und zugleich traurigsten im Film. Ein Lied über das Neue, Spannende, hoffentlich Bessere, das das Alte, Langweilige und nicht mehr Zeitgemäße vernichtet. Fragt sich nur ob am Ende wirklich alles besser wird? Margot wünscht sich eine Dauerfahrt, ohne Pause, ohne Lücke, aber irgendwann dreht sich das Karussell nicht mehr und die Fahrt ist zu Ende. Genauso wie sie nach jedem Neustart immer enden wird. Ob sie irgendwann lernen wird, damit umzugehen, hat sie wohl selbst noch nicht herausgefunden.

Take This Waltz, Kanada/Spanien/Japan 2011, 116′
Regie: Sarah Polley
Drehbuch: Sarah Polley
Produktion: D.J. Carson, Susan Cavan, Sarah Polley, David Sandomierski
Kamera: Luc Montpellier
Darsteller: Michelle Williams, Seth Rogen, Luke Kirby, Sarah Silverman
Verleih: Kool Film
Kinostart: 07.03.2013

Den Flyer zur aktuellen Staffel zum Download.

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>