STORIES WE TELL am 26.5. um 19 Uhr

Stories we tell 2Sara Polley, die man als Schauspielerin und Regisseurin kennt, hat als dritte Regiearbeit einen Dokumentarfilm gedreht, einen sehr persönlichen zudem. Polley, die selbst aus einer kanadischen Schauspielerfamilie stammt, fand heraus, dass der Mann, bei dem sie aufgewachsen und den sie als ihren Vater angesehen hat, gar nicht auch ihr biologischer Vater ist. Mit ihrem Film macht sie sich auf, um die Geschichte ihrer Familie, aufzuzeichnen. Dabei wechselt sie regelmäßig die Richtung. Ging es zuerst um ihre Mutter, die früh an Krebs verstorben ist, nimmt sie sich danach ihren Vater vor, der sich trotz einiger Erfolge von der Theaterbühne abgewendet hatte, um dann ihre Halbgeschwister, die aus der ersten Ehe der Mutter stammen, eingehender zu portraitieren. Dabei ist der Titel durchaus Programm: die Geschichten, die sie erzählen, sind der Gegenstand des Films. Die persönliche Aufarbeitung steht nicht im Zentrum, sondern – und darum geht es am Schluss des Films – wie man überhaupt Geschichten erzählt. Wie bringt man in einem Film so unterschiedliche, subjektive Meinungen zusammen, wie lässt sich daraus überhaupt etwas verdichten, das man “eine Geschichte” nennen könnte? (Es sind deswegen auch Geschichte(n), mit einem “n”.)

Diesen, für einen Dokumentarfilm an sich schon lohnenden, weil reflexiven Ansatz, inszeniert Polley auch auf der Bildebene. Obwohl die ganze Zeit über gesprochen wird, ist es doch kein typischer Talking-Heads-Film. Immer wieder gibt es Super8-Material, das grandios passend über die Interviews gelegt wird, das Gesagte illustriert oder ihm entgegen läuft. Und da das Geschichtenerzählen eine mindestens so große Rolle spielt wie das biographische Thema des Films, hat Polley etliche Passagen ebenfalls auf Super8 gedreht. Man ist immer kurz verwundert, wenn man die jetzige, 34jährige Polley in der selben Textur und Materialität auftauchen sieht, die auch die Familienfilme kennzeichnet. (Und wer genau wissen möchte, wer da was nachgestellt hat (wer wen spielt), kann sich die Credits auf imdb mal genauer ansehen …) Polley vermischt die Zeiten und Ebenen, und schafft es dadurch, einen Film zu machen, der interessanter und universeller ist, als es die Suche nach der eigenen Identität und Herkunft sein würde, da sie verstanden hat, dass Biographien (und damit auch Abstammungen) eben auch Geschichte(n) sind.

Stories we tell eröffnet damit die Film- und Veranstaltungsreihe “Neue Formen des Dokumentarfilms”, die im Juni und Juli in Braunschweig zu sehen sein wird. Das Programm zeigt neue Dokumentarfilme, die sich vor allem durch einen konzeptuellen Kameraeinsatz auszeichnen. Der Fokus liegt auf solchen Filmen, die in besonderem Maße von der digitalen Entwicklung profitieren und kleine, leichte und universell einsetzbare Kameras, bspw. in Handys nutzen, und in die Bildgestaltung reflexive Fragestellungen einfließen lassen. Denn vor allem der Dokumentarfilm verdeutlicht in immer stärkerem Maße, dass es nicht mehr die Realität auf der einen und die Medien, die diese abbilden, auf der anderen Seite gibt. Durch die portablen Aufzeichnungs- und Wiedergabegeräte, aber auch die Omnipräsenz von Screens beispielsweise, durchdringt sich beides immer offensichtlicher. Indem Polley die Zuschauer durch die gestellten Super8-Aufnahmen im Grunde an der Nase herumführt, verdeutlicht sie aber auch, wie sehr wir auf die unterschiedlichen Materialästhetiken bereits konditioniert sind, wie bereitwillig man einer guten Geschichte eben glaubt.

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Aber eine Geschichte schält sich natürlich als wahr heraus, in Stories we tell: Polley hat ihre Mutter sehr früh verloren. Und ihre Mutter hatte ein Verhältnis mit einem anderem Schauspieler, der höchstwahrscheinlich ihr biologischer Vater ist. Es ist nun interessant, sich ihre zwei vorherigen Filme noch einmal anzusehen: Away from her über die Alzheimererkrankung einer Frau, die dadurch auch immer abwesender wird. Und Take that waltz, über eheliche Routine und daraus resultierendem Fremdgehen. Vielleicht muss man es auch andersherum sehen: Die Geschichten, die wir erzählen, haben immer auch etwas autobiographisches in sich.

Stories we tell, Kanada 2012, 108’
Regie: Sarah Polley
Schnitt: Mike Munn
Verleih: Fugu
Start: 27.3.2014

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