SELBSTKRITIK EINES BÜRGERLICHEN HUNDES am 28.06.2017

Man kann sich, wenn man politische Filme machen will, in der Realität festbeißen. Die Grauzonen zeigen, Zusammenhänge offenlegen und denen eine Geschichte geben, die sonst nicht Protagonisten werden könnten. Man kann auch zuspitzen, polemisieren und anklagen. Oder man flüchtet sich in die Abstraktion, formalisiert und stellt das Konzept den wahrgenommenen Missständen gegenüber. Julian Radlmaiers „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ ist genauso politisch, wie der Name es vermuten lässt und lässt sich dennoch im weiten Feld des politischen Kinos nur schwer einordnen. Er ist anspielungsreich ohne voraussetzungsvoll zu sein, lustig ohne zu banalisieren und fantastisch ohne den Realitätsbezug zu verlieren.

Die Selbstreflexivität steckt hier schon im Titel und verankert sich in der außerfilmischen Realität über die Hauptfigur. Der junge Filmemacher Julian – gespielt von Julian Radlmaier selbst – steckt nach dem Studium mit beiden Beinen im Sumpf des Kreativ-Prekariats: Keine Förderung, kein Geld und das Arbeitsamt im Nacken. Seine vorherigen Filme, auch hier werden Parallelen zum echten Julian deutlich, waren experimentelle Arbeiten mit marxistisch theoretischem Unterbau, kamen zwar bei der Kritik gut an, doch der Schritt ins Narrative erweist sich „doch als nicht so glücklich“. Seine avantgardistisch-politische Haltung offenbart sich dabei schon früh als Ausdruck eines privilegierten Habitus, der im jungen hippen Berliner Milieu auch gerne zur Gewinnung weiblichen Interesses instrumentalisiert wird. Im Speziellen geht es um Camille, der Julian versucht mit seinen Visionen revolutionärer Kunst zu imponieren. Die Arbeit an der Gewinnung seines Love-Interest und die Persistenz seiner politischen Utopie werden durch den unfreiwilligen Arbeitseinsatz auf einer Apfelplantage (Anweisung vom Amt) zunehmend kompliziert, als Camille sich entscheidet, den als Recherche getarnten Ausflug in die Niederungen der schlecht bezahlten Lohnarbeit zu begleiten.

Julian Radlmaier (der Regisseur, nicht die fiktive Figur) nutzt das Setting der Apfelplantage um die Charaktere seiner Erzählungen miteinander, mit den Bedingungen ihrer Arbeitswelt und ihren divergierenden individuellen Vorstellungen vom richtigen Leben aufeinanderprallen zu lassen. Da sind Hong und Sancho, entlassene Museumswächter und erfolglose Pfandsammler auf der Suche nach lebenswerten Zuständen, die aber nicht zu finden sind. Oder Zurab, der aus der ehemaligen UdSSR kommt und besser als jeder andere vor Ort verinnerlicht hat, dass Egoismus und die Bereitschaft zum Regelbruch die legitimen Eigenschaften eines Ausgebeuteten sind, der nichts von Ausbeutung hält. Von oben herab setzt die Chefin der Plantage die Anreize zur neoliberalen Selbstausbeutung, appelliert an die Eigenverantwortung, schafft durch spielerischen Wettbewerb kleine Unternehmer-Subjekte und verweist gegebenenfalls auf die Notwendigkeiten im globalen Wettbewerb. Camille, die sich den Spaß erlauben kann, da ihre Eltern Geld haben, rückt dabei für Julian in immer weitere Ferne, denn dieser findet sich zwischen seinem kommunistisch-agitatorischen Getöse, den Zwängen des Hartz-IV Beziehers und seinen romantischen Ambitionen in ständigen Zwickmühlen und Fettnäpfchen wieder.

Dass der Film seine Suche nach einer konkreten politischen Utopie – einem Kommunismus ohne Kommunisten – in einer nicht ganz auseinander dividierbaren Film im Film Konstruktion vorerst negativ enden lässt, ist in diesem Fall nicht als Abgesang auf Utopien an sich zu verstehen. Man läge auch falsch zu behaupten, es ginge dem Film lediglich um eine Abrechnung mit dem Kulturbetrieb, der sich mit seinen intellektuellen Polemiken gegen den Kapitalismus zwar häufig über, aber nur sehr selten mit den tatsächlich Unterjochten unterhält. Nicht dass diese Ebene nicht vorhanden wäre, aber der echte Radlmaier nutzt das Ende seiner Erzählung – ein endgültiges Abdriften ins Fantastische – zur Rettung seiner Idee vom politischen Kino, nachdem er dem fiktiven Julian in der Tradition der Märchenerzählungen den Spiegel vorgehalten hat. Die Selbstkritik hat dadurch eher den Charakter einer kritischen Befragung der eigenen, durch Klasseninteressen gefestigten, Subjektivität.

R: Julian Radlmaier, Deutschland 2017, 99 Min. (DF/OmeU) am 28.06.2017 um 19 Uhr im Universum Filmtheater

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