RIGHT NOW, WRONG THEN am 07.12.2016

„Die Worte, sie kommen einem in die Quere.“ beschwert sich der Regisseur Ham Chun-su verkatert und merklich schlecht gelaunt bei einem Publikumsgespräch. Die bedeutungsschwangere und zugleich auch etwas hohle Frage, nach seiner persönlichen Definition von Film, ist der Auslöser dieses Ausbruchs. Seine anfänglichen Versuche mit ebenso leeren Phrasen zu reagieren bricht er mitten im Satz ab, scheinbar angewidert vom Gestus seiner eigenen Sprache. Hinter Chun-su und dem Zuschauer liegt die Geschichte eines Tages, einer Begegnung und einer Menge von Worten, die im Weg waren.

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Da er einen Tag zu früh für ein Filmscreening angereist ist, muss sich Chun-su die Zeit in der Provinz vertreiben. Er trifft in einem Tempel auf die junge Malerin Yoon Hee-jung, spricht sie an und überredet sie, ihn auf einen Kaffee zu begleiten. In langen Einstellungen zeigt Hong San-su die Annäherung der beiden, die zwischen beflissener Höflichkeit und aufrichtiger Neugier changierend immer wieder durch Chan-sus offensive Art Komplimente zu machen vorangetrieben wird. Die Initiative geht – trotz offensichtlich wechselseitiger Anziehung – primär von Ihm aus und der Film verstärkt den Eindruck dieser Perspektivierung, indem er den männlichen Protagonisten aus dem Off seine Gedanken gelegentlich preisgeben lässt. Im Laufe des Tages und mit steigendem Alkoholkonsum schwindet auch die anfänglich höfliche Distanz und das Begehren findet immer ungefilterter den Weg in den Dialog. Der Abend endet abrupt bei einer Freundin Hee-jungs, die sowohl mit Chan-sus Arbeit als auch mit seinem Privatleben bessert Vertraut ist als diesem lieb ist. Seine etwas dick aufgetragene Interpretation eines Gemäldes entpuppt sich beim gemeinsamen Gespräch als leere Worthülse, die Chan-su bereits wortgleich in Interviews über seine eigene Arbeit geäußert hat. Und mehr als das Gesagte noch werden ihm seine Auslassungen zum Verhängnis, als die Freundin Hee-jung über seine Frau unterrichtet. Es sind sowohl die eigenen als auch die Worte anderer, das Gesagte und das nicht Gesagte, das im Weg steht.

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Was Right Now, Wrong Then von klassischen boy-meets-girl-Erzähungen abhebt ist seine narrative Form, die so etwas wie ein Markenzeichen von Hong Sang-soo ist. Immer wieder kehrt er in seinen Filmen zu Stilmitteln wie Doppelungen oder episodischen Erzählweisen zurück. Und so kündigt die vom Beginn bekannte Texttafel nach der Hälfte des Films den Neubeginn an. Wo im ersten Teil „wrong now, right then” steht, liest man nun „right now, wrong then”, was die Erwartungen an ein besseres Gelingen des Tages schürt. Wieder treffen sich beide im Tempel, wieder die lange Unterhaltung um Café, wieder der Atelierbesuch. Dabei weicht die Entwicklung der Handlung im zeitlichen Verlauf immer mehr vom ersten Teil ab. Die Kernmomente des ersten Durchlaufs – Chan-sus Unehrlichkeit in Bezug auf seine Eindrücke zu Hee-jungs Kunst und die Verheimlichung seines Familienstandes – kehrt er diesmal jedoch ins Gegenteil. In dieser Variation liegt das tiefere Reflexionspotenzial des Filmes, das über das diegetische Handlungsgefüge hinausweist und sich in Chan-sus Wutrede über die Kraft des Wortes andeutet. Der Film begreift Beziehungen als etwas diskursiv hergestelltes, als Geflecht aus Erwartungen, Hoffnungen und gegenseitigen Projektionen, das sich durch Sprache konstituiert. Die Variation verweist dabei auf eine potenziell unendliche Anzahl unterschiedlicher Verläufe. Im Bild manifestiert sich dieser Gedanke symbolisch in einer wiederkehrenden Einstellung, die eine kahle Baumkrone zeigt, deren Verästelungen  als mögliche Handlungswege lesbar sind. Die Worte, deren performative Wirkung Chun-su zum Ende des ersten Teils beklagt, stehen in diesem Bild an den Verzweigungen. Sie sind Entscheidungen die – obwohl sie nur in einem symbolischen Verhältnis zur Realität stehen – reale Konsequenzen haben.

Right Now, Wrong Then (Südkorea), 121 min.

Regie: Hong Sang-soo

Buch: Hong Sang-soo

Kamera: Park Hong-yeol

Verleih: GrandFilm

R: Hong Sang-soo, Südkorea 2015, 121 Min. OmU am 07.12.2016 um 19 Uhr im Universum Filmtheater.

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