“REVISION” am 03.12.2012, 19:00 Uhr

revisionPlakatA1-400Dokumentarfilm von Philip Scheffner
Wir zeigen diesen Film im Rahmen der CINEMATHEK am Montag, 3.12. um 19 Uhr im Universum Filmtheater in Anwesenheit des Regisseurs!

Am Anfang steht ein Maisfeld bei Nardensee in Mecklenburg-Vorpommern. Die hochgewachsenen Pflanzen nehmen das gesamte Bild ein, verdecken die Sicht. Bis ein Mähdrescher sie niedermäht und den Blick auf den Himmel freigibt.
Am 29.6. 1992 sind hier die beiden Rumänen Grigore Velcu und Eudache Calderar erschossen worden bei dem Versuch, die deutsche Grenze zu überqueren. Die Todesschützen, zwei Jäger, hielten sie nach eigenen Angaben für Wildschweine, sie hätten das in der Dunkelheit nicht genau erkennen können. Es gab einen Prozess, aber seitdem ist Mais über die Sache gewachsen, jedes Jahr von Neuem. Das Feld ist einer der Protagonisten des Films, man wird es noch häufig im Film sehen, aber immer wieder von neuem, aus unterschiedlichen Perspektiven und Versuchsanordnungen. Dabei darf das Ende des Anfangs, also der unverstellte Blick auf den Himmel nicht als programmatische Einstellung missverstanden werden, Scheffner geht es viel mehr um den Prozess der Mäharbeiten, mit dem Wissen darum, dass dies keine Arbeit ist, die je vollständig abgeschlossen sein wird, sondern sich Jahr für Jahr aufs Neue wiederholt.

Scheffner rollt den Fall minutiös auf. Er spricht mit den Hinterbliebenen und Bekannten der Opfer, Einwohnern des Orts in Mecklenburg-Vorpommern und Prozessbeteiligten. Sein Prinzip ist das der Wiederholung. Immer wieder werden Ergebnisse erneut vorgetragen, weitere Auskünfte eingeholt. Das mag unter der Perspektive eines gewöhnlichen Dokumentarfilms auf die Dauer vielleicht ermüdende wirken, denn die Spannung entwickelt sich so nicht. Aber dieses Verfahren ist in Anbetracht des Falles trotzdem genau richtig, denn es gibt hier nicht den Fakt, den alle bisher übersehen haben und aufgrund dessen der Fall erneut aufgerollt werden wird, so dass man danach beruhigt das Kino verlassen kann im Glauben an die Gerechtigkeit von Gesellschaft und Justiz. Die vielen kleinen Schritte, die Scheffner vor, zurück und seitwärts macht, bewirken etwas anderes, sie vermitteln erst die Ungeheuerlichkeit, die am Ende des Films von einem der Anwälte vorgetragen wird: Dass nämlich die Hinterbliebenen die Schadensersatzleistung der Jagdversicherung der Schützen hätten einfordern müssen. Was sie natürlich nicht gemacht haben, weil sie niemand darüber informiert hat. Es ist hier nicht nur die Tatsache, die schockiert sondern vor allem die Gleichgültigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der sie vorgetragen wird. Gut möglich, dass sie in einem stärker auf Spannung und konventioneller Dramaturgie ausgerichteten Film untergegangen wäre.
Doch auch in formaler Hinsicht wird “Revision” länger in Erinnerung bleiben. Scheffner hat sich für seine Interviews ein ungewöhnliches Verfahren ausgedacht: die Interviewpartner werden häufig dabei gefilmt, wie sie sich ihr kurz zuvor geführtes Interview wieder anhören. Es geht auch hier weniger darum, ein Beweismittel einzuführen oder Widersprüche zu provozieren. Meistens nicken die Hörenden zustimmend. Wichtiger ist hier die Möglichkeit, den Akteuren bei der Wiedervorlage zuzusehen. Sie werden Zeuge ihres eigenen Zeugnisses, ihre Aussage zu einem Echo (wie es der ehemalige Chefredakteur der Cahiers du Cinéma Emmanuel Burdeau anlässlich der Premiere in Berlin geschrieben hat), die somit wieder in die historia eingeschrieben wird. Das ist kein Kommentar aus einer sicheren Gegenwart in eine abgeschlossene Vergangenheit. Das Revidieren, dem im Deutschen ja die Bedeutung von Korrektur beiwohnt, spielt in “Revision” keine Rolle.
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Revision, Deutschland, 2012, ‘106
Regie: Philip Scheffner
Kamera: Bernd Meiners
Schnitt: Philip Scheffner
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 13.09.2012

Hier gibt’s den Flyer zur vierten Staffel der Cinemathek zum Download.

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