QUEEN OF EARTH am 06.07.2016

My face hurts. […] Can you please not make me talk right now?“ Catherine (Elisabeth Moss) beklagt ihre schmerzenden Gesichtszüge. Als medizinischer Laie gelangt man schnell zu der Vermutung die Beschwerdeursache liege in Überanstrengung. Es ist nämlich nicht Elisabeth Moss selbst, sondern ihr Gesicht, das die Hauptrolle im Film Queen of Earth unter der Regie von Alex Ross Perry besetzt. In den unzähligen Close-Ups wechselt es kontinuierlich zwischen einem resting bitch face und expressiver Mimik, es entgleitet ihr, wird zum Aktanten und gleichzeitig zur Landschaft, vor der sich der Film entfaltet.

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Das schmerzende Antlitz scheint jedoch Catherines geringstes Problem zu sein. Viel tragender ist zunächst der Umstand, dass sie von den Männern in ihrem Leben verlassen wird: Ihr Freund betrügt sie und lässt Catherine mit verheulten Pandaaugen sitzen. Ihr Vater, ein Künstler, dessen administrative Angelegenheiten sie beruflich verwaltete, nahm sich im Zuge seiner depressiven Erkrankung das Leben. Die einzige Bezugsperson, die bleibt, ist ihre beste Freundin Virginia (Katherine Waterston). An einem Haus am See, entlegen von weiten Teilen der Zivilisation, versuchen die beiden Freundinnen nach diesen Schicksalsschlägen wieder zu sich zu finden – bringen dabei aber ihre Persönlichkeiten, ebenso wie die Zeitchronologie reichlich durcheinander. Sie sind dort nicht zum ersten Mal, waren sie doch bereits im Jahr zuvor am gleichen Ort und in ähnlicher Situation – nur diesmal in vertauschten Rollen.

In der parallelen Montage werden zunächst die Differenzen der beiden Frauen überdeutlich: Während Virginia in den frühen Morgenstunden aerodynamisch im schwarzen Jogging-Kostüm durch den Wald sprintet, isst Catherine in weiße Leinen gehüllt Kartoffelchips zum Frühstück. Doch im Haus am See verwässern sich zunehmend Grenzen zwischen Catherine und Virginia, zwischen Gegenwart und Vergangenheit und zwischen Freundin und Feindin.

Eine formale Strenge, die purpurne Schnörkeltypografie, die die Wochentage skizziert, und die sich wiederholenden Blicke auf die Wasseroberfläche strukturieren den Film, öffnen ihn aber auch für Zäsuren, Leerstellen oder Interferenzen. Gerade der Wasserspiegel nimmt seinen metaphorischen Gehalt in Anspruch und etabliert die Trope der doppelten Persona. Catherine wird als Rückenfigur am Steg sichtbar. Der Gegenschuss einer Kontinuitätslogik offenbart jedoch das Gesicht von Virginia, welche ebenso auf das Wasser hinausblickt. Dieser Schnitteffekt wirft sein Spiegelbild in die Vergangenheit. Noch vor einem Jahr war es nämlich noch Virginia, die ihre Orientierung verloren hatte, und von Catherine nicht die notwendige Aufmerksamkeit bekommen hatte. Diese Positionen sind neu besetzt und nun ist es Virginia, die größeres Interesse gegenüber Rich, ihrem einstigen ONS, als gegenüber ihrer Freundin zeigt. Doch „damals“ und „heute“ markieren hier keine Pole einer Zeitgeraden, sondern treten anachronistisch in der Erzählspirale auf. Gehässiger Gossip geht in Freundschaftsbekundungen über und wird wiederum zu unterkühltem Misstrauen. Diese narrative Fokusverschiebung wird durch die Kamera weiterhin potenziert, wenn sie, ohne Rücksicht auf die Gesprächslogik, die Schärfe zwischen den beiden Frauengesichtern verlagert und scheinbar unmotivierte Bewegungen vollzieht.

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Die Alltäglichkeit einer erkrankten (Frauen-)Freundschaft produziert dabei unumstößlich auch Unheimlichkeit. Alex Ross Perry ruft Elemente des Horrors wach, die Räumlichkeit eines haunted house oder stechende Musikspitzen und Kirchengesänge, ohne sie bis zum Äußersten durch zu deklinieren. Der Schrecken schleicht sich ein, verschwindet stellenweise wieder, ist zu keiner Zeit wirklich greifbar, sondern verbleibt in filmimmanenter Ungewissheit. Die Düsterheit des Interieurs wird stetig durch den Seeblick im gleißenden Sonnenlicht ausgetauscht, das Elisabeth Moss hellen Teint fast vollständig ausradiert und ihr Gesicht mit dem filmischen Raum mischt.

Die Close-Ups bilden die wesentliche Konstante innerhalb dieser Dramaturgie der Wiederholungen und Sprünge. Das Gesicht ist nicht mehr nur Ausdruck eines Gefühlszustands, einer körperlichen Verfassung oder Zeichen zwischenmenschlicher Beziehungen, sondern bildet die Grundlage jeglicher Signifizierung und Bedeutungsproduktion. Queen of Earth beschließt mit seinem finalen Close-Up somit auch nicht den Film, sondern vertagt sein Ende ins kinematografische Off.

Wir zeigen Queen of Earth einmalig im Rahmen der Cinemathek am Mittwoch, den 06.07., um 19 Uhr im Universum Filmtheater. Der Film läuft in der englischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln und für Studierende gilt ein ermäßigter Eintrittspreis von 5,50 € (regulär: 8 €).

Queen of Earth, USA 2015, 90′
Regie & Buch: Alex Ross Perry
Kamera: Sean Price Williams
Darsteller: Elisabeth Moss, Katherine Waterston
Verleih & Bildrechte: Arsenal
Starttermin: 5. Mai 2016

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