NIGHT MOVES am 17.11.2014 um 19 Uhr

Nach Meek’s Cutoff (2011) zeigen wir nun bereits zum zweiten Mal im Rahmen unserer CINEMATHEK einen Film der US-amerikanischen Regisseurin Kelly Reichardt (ein ausführliches Portrait ist hier nachzulesen). Seit einigen Jahren schon ist Reichardt eine feste Größe des Independent-Kinos und liefert immer wieder interessante filmische Auseinandersetzung mit verschiedenen Außenseiterfiguren, geprägt von präzisem Minimalismus und einer besonderen Einbindung der Schauplätze. Auch ihr neuer Film Night Moves – der in Braunschweig bisher nicht zu sehen war – zeichnet sich durch diese typischen Elemente aus, wenn auch auffallend prominenter besetzt und klarer strukturiert als ihre früheren Arbeiten. Somit wagt die Regisseurin einen Schritt in Richtung konventionellerer Erzählweise, ohne dabei ihren eigenen Stil abzulegen oder ihre ursprünglichen Interessen aufzugeben.

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Minimalismus ist nach wie vor das passende Schlagwort für den Ausgangspunkt der Erzählung, da die Hintergründe der einzelnen Charaktere kaum ergründet und höchstens durch subtile Hinweise und Bemerkungen angekratzt werden. Um den Background soll es auch gar nicht gehen, stattdessen fokussiert der Film das aktuelle Geschehen und weniger die Umstände und Motivationen, die dazu führten. Im Zentrum der Handlung findet sich Josh, ein junger Umweltaktivist (eindringlich und verschlossen gespielt von Jesse Eisenberg), der auf einer Bio-Farm lebt und arbeitet. Gemeinsam mit Dena (Dakota Fanning), der rebellischen Tochter reicher Eltern, plant er eine radikale Aktion, um ihre Ideologien in die Tat umzusetzen. Zur Beratung und Unterstützung suchen sie Hilfe bei Harmon (Peter Sarsgaard), einem ehemaligen Marine und Sprengstoffexperten. Drei ungleiche Typen, deren einzige Gemeinsamkeit in dem Entschluss liegt, einen Schritt weiter zu gehen. Die Protestaktion soll die Sprengung eines hydroelektrischen Staudamms irgendwo in Oregon sein, um ein Zeichen zu setzen und die Bürger wachzurütteln. Dass dieses naive Vorhaben nicht unbedingt glatt über die Bühne gehen wird, ist schnell absehbar und trotzdem entsteht von Beginn an eine angespannte, fragile Atmosphäre, auch weil es für den Zuschauer keine Möglichkeit gibt, die drei Protagonisten vollständig zu durchschauen. Sie bleiben auf Distanz und sind schwer einschätzbar, aber gleichzeitig findet ein tiefer Einbezug ins Geschehen statt.

Strukturell lässt sich der Plot des Films dreiteilen: Es gibt ein Vorher, ein Nachher und dazwischen die Aktion selbst als stillen Wendepunkt.
Zu Beginn stehen akribische Vorbereitungen im Fokus, um den Ablauf der Sprengung möglichst planbar zu machen. Präzise und ausführlich werden diverse organisatorische Schritte verfolgt, vom Kauf eines Bootes über die Herstellung des Sprengstoffs bis hin zur Testfahrt am Staudamm. Dabei steigt die Anspannung immer wieder, wenn es zu unvermeidbaren Komplikationen kommt, beispielsweise als sich Dena minutenlang um Kopf und Kragen reden muss, um an Ammoniumnitrat zu kommen. Deutlich stärker als frühere Reichardt-Filme wird Night Moves von der Handlung anstatt von den Charakteren selbst vorangetrieben. Die tatsächliche Durchführung der Aktion ist somit nicht nur der Spannungshöhepunkt, sondern auch der Ausgangspunkt für einen neuen, wesentlich anderen Teil der Erzählung. Dass sich die Regisseurin trotzdem keinerlei Konventionen unterwerfen will, zeigt sich in dieser Schlüsselszene, die sich bemerkenswerterweise vollkommener Sichtbarkeit verweigert und die Wahrnehmung auf die Tonebene verschiebt. Die visuelle Aussparung der eigentlichen Tat aufgrund von Dunkelheit und Entfernung wird durch die durchaus zu hörenden Geräusche der Explosion kompensiert.

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Der Anschlag bildet die Überleitung von Vorbereitungen zu Auswirkungen, die in der zweiten Hälfte des Films zum leitenden Aspekt der Handlung werden. Ein kleiner Fehler im großen Plan und schon scheint eine Rückkehr ins vorherige Leben nicht ohne Weiteres möglich. Dass eine derart radikale Aktion weniger Veränderungen für das System, sondern hauptsächlich psychische Nachwirkungen für die Beteiligten mit sich bringt, erfahren Josh, Dena und Harmon auf unterschiedliche Weise. Schuldfragen werden gestellt, Sinn und Zweck diskutiert und letztendlich baut sich ein immer größeres Misstrauen untereinander auf. Nach und nach droht vor allem Dena an den Folgen zu zerbrechen. Die Belastung der Situation und ihre innere Unruhe manifestieren sich sogar physisch in Form eines unangenehmen Hautausschlags. Auch Josh hat schwer zu kämpfen, verliert sich schließlich in Paranoia, die immer intensiver und verstörender wird und muss sich mit Auseinandersetzungen auf der Farm befassen. „This is just theater“, ist eine durchaus angebrachte Kritik, mit der er im Nachspiel des Anschlags konfrontiert wird. Komplexe Diskussionen über diese Art des Radikalismus und dessen eigentliche Bedeutung werden mehrfach angestoßen, vermeiden aber glücklicherweise eindeutige Antworten. Trotz der Distanzierung von einer Wertung liefert Reichardt eine kritische Betrachtung beider Seiten und hebt unter anderem die Naivität der jungen Aktivisten hervor. Nach ihrer Tat scheinen sie desillusioniert und realisieren, dass die erhoffte Botschaft mit den tatsächlichen Konsequenzen wenig zu tun hat. Wenn die dramatische Qualität der Aktion die dahinter stehende Idee, die berechtigte Kritik und den Wunsch nach Veränderung verschleiert, wo ist dann der Sinn?

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Erwähnt werden sollte noch ein besonderes Merkmal, das sich in allen Filmen von Kelly Reichardt wiederfindet: die direkte Einbindung der umgebenden Landschaft. Night Moves beschäftigt sich nun ganz direkt mit der Zerstörung und dem Versuch der Erhaltung der Natur Oregons, daher rückt diese an einigen Stellen immer wieder in den Vordergrund. Zahlreiche Autofahrten durch die Gegend vermitteln eine spezielle Perspektive, aber besonders prägnant ist die erste Bootsfahrt auf dem Weg zum Staudamm. Langsam und leise schleicht das Boot durch eine fast surreal wirkende Wasserlandschaft, gesäumt von abgestorbenen Baumstämmen, die wie traurige Überreste herausragen. Sonnenstrahlen durchleuchten diesen Baum-Friedhof und verleihen den Aufnahmen eine melancholische, fast sentimentale Qualität. Wie ein Nachruf auf unberührte Natur hinterlässt diese Szene eine schwermütige Wirkung, die durch die völlige Auslassung von Dialogen nur noch verstärkt wird. Handlungen ziehen unwiderrufliche Konsequenzen nach sich, das zeichnet sich auch in diesen beeindruckenden Bildern ab.

Night Moves ist am Montag, den 17.11.2014, um 19 Uhr im Universum Filmtheater zu sehen – einmalig in Braunschweig und natürlich als Originalfassung mit Untertiteln!
Night Moves, USA 2013, 112’
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Jonathan Raymond, Kelly Reichardt
Kamera: Christopher Blauvelt
Schnitt: Kelly Reichardt
Musik: Jeff Grace
Besetzung: Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard
Verleih & Bildrechte: MFA+

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