“METAMORPHOSEN” am 03.06.2013 um 19:00 Uhr

“Die Strahlung ist unsichtbar”

metamorphosen_plakat_450x640Mit Metamorphosen (D/R 2013) schließen wir die fünfte Staffel der Cinemathek ab: Am 03.06. zeigen wir zu gewohnter Zeit (19:00 Uhr) diesen sehenswerten Dokumentarfilm. Wir freuen uns sehr, auch den Regisseur Sebsatian Mez zur Filmvorführung begrüßen zu dürfen. Auf der diesjährigen Berlinale hatte der Dokumentarfilm in der Sektion Perspektive Deutsches Kino seine Premiere und war dabei ein absoluter Lichtblick seiner Kategorie.

Mittlerweile lief Metamorphosen auf zahlreichen Festivals und nahm an einigen Wettbewerben teil. Kürzlich gewann er den „Second Jury Price“ auf der Documenta Madrid.

Angeregt von der atomaren Katastrophe in Fukushima beginnt Regisseur Sebastian Mez 2012 in diese Richtung zu recherchieren und stößt dabei auf einen anderen, mehr oder weniger totgeschwiegenen atomaren Unfall in den 50er Jahren – in der Ortschaft Majak explodierte der Stahltank eines Atomkraftwerks und setzte große Mengen an radioaktivem Material frei. In den Folgejahren kommt es zu weiteren Störungen und Unfällen, bis heute wird nicht wirklich etwas für die Betroffenen getan, sie sind kaum über die Auswirkungen der Strahlung aufgeklärt, es scheint als hätte man sie einfach ihrem Schicksal überlassen. Diesen extremen Zuständen geht Mez in Metamorphosen nach, dabei beobachtet er intensiv das Leben der Menschen der Region. Er reiste nur in Begleitung seiner Regieassistentin, die gleichzetig für ihn vor Ort dolmetschte, nach Russland. Während der Dreharbeiten zu Metamorphosen kam er in engen Kontakt mit den Einwohnern, wodurch eine lebensnahe Dokumentation gelungen ist. Den Betroffenen wird viel Raum gelassen selbst von ihren Erfahrungen und Lebensbedingungen zu berichten.

Das Zitat im Titel dieses Artikels stammt von einem Bewohner der betroffenen Gegend im Südural, die zu einem der am stärksten radioaktiv belasteten Gebiete der Erde zählt. Diese Aussage bringt auf den Punkt, was die radioaktive Strahlung so gefährlich und gleichzeitig harmlos wirken lässt – sie ist mit menschlichen Sinnen nicht wahrnehmbar.

Sebastian Mez hat sich in seinen Filmen schon immer mit schwierigen Themen beschäftigt, mit solchen Themen, die gerne verschwiegen werden, über die man ungern spricht. So drehte er bereits 2007 eine Dokumentation über die Todesstrafe in Texas, 2008 folgte dann ein thematisch daran anknüpfender Kurzfilm über eine Reinigungskraft einer Hinrichtungszelle. In den Folgejahren entstanden weitere Kurzfilme, die als Einblicke in persönliche Schicksale begriffen werden können, die durch äußere Einschränkungen ihre eigenen Interessen nur über Umwege verfolgen können oder sich mit tiefgreifenden Fragen des Lebens beschäftigen (müssen). Trotz der konsequenten Entscheidung für schwermütige Themen ist der Stil der Filme vielfältig, wodurch das bisherige Werk des Filmemachers so interessant ist.

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Metamorphosen ist nun Mez’ Abschlussfilm von der Filmakademie Baden-Württenberg und ist sowohl auf stilistischer als auch inhaltlicher Ebene tiefgründig, denn neben seinem sensiblen Thema besticht der Film auch durch eine beeindruckende Ästhetik. Interessant ist hierbei, dass sich der Dokumentarfilm durch starke schwarz-weiß Bilder auszeichnet, etwa von der Landschaft oder von den Einwohnern, wobei sein Hauptthema etwas Nicht-Sichtbares ist. Er schlägt damit einen Weg der Kommunikation ein, der keineswegs aufdringlich oder zugespitzt ist. Zudem hat der Zuschauer viel Raum sich selbst in den Film zu integrieren (durch zahlreiche Plansequenzen, die beinahe hypnotisierend wirken) – hier kann er seine Gedanken am visuellen Material für sich entwickeln. Auch die Entscheidung des Regisseurs, die Interviewszenen der Betroffenen durchweg im Off über die Bilder zu legen führt dazu, dass eine Lücke zwischen Bild und Ton offen bleibt, die der Zuschauer selbst füllen kann, indem er Verbindungen beider Ebenen herstellt und auf diese Weise intensiver über den gesamten Film reflektiert.
Der Stil von Metamorphosen erzeugt eine ganz eigene Stimmung, dadurch ist der Film trotz seines schockierenden, dokumentarischen oder auch aufklärenden Charakters künstlerisch-atmosphärisch. Auf diese Weise hinterlässt er ein nachdenkliches Moment, aber auch gleichzeitig das Gefühl einer Bereicherung durch eine stimmige Zusammenführung filmischer Stilmittel.

Metamorphosen, Deutschland/Russland 2013, ’84
Genre: Dokumentation
Regie, Kamera, Drehbuch, Produktion, Bildgestaltung: Sebastian Mez
Montage: Katharina Fiedler
Verleih: Ohne Verleih

Der Flyer zur aktuellen Staffel zum Download.

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