“MEEK’S CUTOFF” am 21.11.2011 um 19:00 Uhr

Portrait: Kelly Reichardt

Kelly Reichardt wird 1964 in Miami, Florida geboren. Sie studiert an der School of the Museum of Fine Arts in Boston und zieht 1988 nach New York, wo sie unter anderem mit Todd Hanyes (Velvet Goldmine) zusammenarbeitet. 1993 dreht sie ihren ersten Langfilm, River of Grass, der für drei Independent Spirit Awards nominiert wird. Nachdem sie sich für einige Zeit auf die Verwirklichung mehrerer Kurzfilme konzentriert, widmet sie sich 2006 wieder dem Langfilm und dreht Old Joy. Der Film war für mehrere Preise nominiert und gewinnt mitunter den Tiger Award auf dem Rotterdam International Film Festival. Reichardt gilt als eine der wichtigsten Vertreterinnen des amerikanischen Independent-Kinos.

Charakteristisch für ihre Arbeitsweise ist ein minimalistisch gehaltener Stil, wodurch sie unaufdringlich aber präzise die Schicksale der Menschen in ihren Filmen enthüllt. Die dabei entstehende Dynamik verspricht auf den ersten Blick zwar einen Interpretationsfreiraum bezüglich der Probleme, mit denen die Filmfiguren konfrontiert sind. In einem Interview mit Gus Van Sant wundert sich Reichardt jedoch ob der Tatsache, dass viele besonders in Old Joy und Wendy and Lucy Momente der Hoffnung sehen (das Interview in voller Länge gibt es hier). Und in der Tat sind beides Filme ohne Hoffnung, jedoch nicht frei von schönen und hoffnungsvollen Momenten. Allerdings werden diese Momente nur angedeutet und nicht zu Ende geführt, wodurch die Hoffnung auf halbem Wege zum Stillstand kommt. Dies wird aber keineswegs in überbordendem Maße exerziert, sondern ist schlicht als gegeben hinzunehmen. Man soll mit den Menschen mitfühlen, sie jedoch nicht bemitleiden oder gar für sie weinen. Bewusst hält Reichardt eine Distanz, die wichtig ist, damit man den vollen Bedeutungsrahmen entschlüsseln kann und sich nicht ausschließlich auf die Menschen selbst, sondern auch auf deren Umgebung konzentriert.

Reichardt verzichtet ebenso auf Holzhammermethoden wenn sie politische Gegebenheiten problematisiert. Sie greift diese in einer Weise auf, wie es die meisten Menschen aus dem Alltag gewohnt sind, z.B. durch Meldungen aus dem Autoradio, wie es in Old Joy der Fall ist. Diese Alltagsbezogenheit wird durch den spärlichen Einsatz von Musik gestützt. So gibt es in Wendy and Lucy nur einen Track zu hören und das ganz am Ende während des Abspanns. Die auditive Aufmerksamkeit haftet an den Geräuschen der Umgebung, z.B. am Lärm einer Stadt, am Wind, der durch die Bäume rauscht oder am Tumult in einem Supermarkt. Die Bilder und Töne sprechen also die meiste Zeit für sich. Ein trauriges Gesicht aus der Nahaufnahme transportiert ohne Zweifel eine ganz einzigartige Stimmung, wenn nicht zwanghaft versucht wird, durch den Einsatz trauriger Musik ein Mitgefühl zu erzwingen.

Das macht die Filme auf eine besondere Art und Weise schön, leichte Kost darf man jedoch nicht erwarten, da Reichardt im Falle von Old Joy und Wendy and Lucy Geschichten erzählt, die sehr persönlich sind und aus diesem Grund auch berühren. Und die Figuren bleiben zwar allesamt fremd, aber nicht gänzlich anonym oder unzugänglich. Um es in einem Satz auszudrücken: Reichardt erzählt bewegende Geschichten aus dem Leben in einer dezenten und dadurch ergreifenden Art und Weise. Um einen Eindruck zu vermitteln, werde ich kurz über Old Joy und Wendy and Lucy sprechen.

In Old Joy (2006) finden zwei langjährige Freunde nach langer Zeit wieder zueinander und begeben sich auf einen Trip zu den Heilquellen in Oregon. Mark (Daniel London) ist verheiratet und wird bald Vater, Kurt (Will Oldham) hat seinen Weg noch nicht so recht gefunden und schlägt sich irgendwie durchs Leben. Während der Wanderung merken sie, dass sie keine gemeinsame Sprache mehr sprechen und sich voneinander entfernt haben. Dementsprechend strapaziös fällt die Kommunikation aus: Kurt redet (und vor allem kifft) sehr viel, zum Beispiel von seiner Vorstellung des Universums, welches er als eine ständig nach unten fallende Träne begreift, während Kurt die meiste Zeit nur lauscht, aber auch irgendwie abwesend wirkt. Es kommen praktisch keine wirklichen Gespräche zustande und wenn so etwas wie eine Vertrautheit aufkommt, dann nur für einen kurzen Moment; zu weit sind sie voneinander entfernt. Diesen spürbaren Spalt inszeniert Reichardt in eindringlicher Weise. Sie lässt die beiden sprechen, jedoch findet nur selten eine wirkliche Unterhaltung statt. Die Natürlichkeit dieser Szenen ist wirklich beeindruckend. Und glücklicherweise werden die aufgezeigten Differenzen nicht unnötig plattgewalzt, zumal der Film auch nur etwas mehr als 70 Minuten dauert. Mehr Zeit benötigt Reichardt auch nicht, um von einer zerflossenen Freundschaft und kollidierenden Lebensrealitäten zu erzählen. Old Joy ist ein einfühlsames Drama, das einen nachdenklich zurücklässt; ähnlich wie Kurt, der am Ende des Films einsam und ziellos durch die Straßen streicht.

Poetisch, unaufdringlich traurig und intelligent erzählt ist auch Wendy and Lucy (2008). Reichardt benötigt keine Effekte, keine Musik, keine Heulkrämpfe und keine überladenen Bilderorgien, um ein gefühlvolles Drama über Machtlosigkeit und sozialen Abstieg zu inszenieren. Man begleitet Wendy (Michelle Williams), wie sie versucht, nach Alaska zu reisen um dort ein neues Leben anzufangen und zu arbeiten. Mit ein wenig Geld, einem alten Auto und ihrer Hündin Lucy macht sie sich auf einen Weg, der ein frühzeitiges Ende findet, da ihr Auto den Geist aufgibt. Um Geld zu sparen, klaut sie Hundefutter in einem Supermarkt und wird dabei erwischt. Als sie aus der Untersuchungshaft entlassen wird, ist Lucy, die draußen vor dem Supermarkt angebunden war, verschwunden. Und wie ihr Geld zur Neige geht, schwindet auch ihre Hoffnung, Lucy zu finden. In kurzer Zeit verliert sie alles, was ihr wichtig ist. Und die Menschen um sie herum sind entweder desinteressiert oder machtlos. Einzig ein in die Jahre gekommener Polizist steht ihr zur Seite. Jedoch kann auch er keine Wunder vollbringen.

Beide Filme werden von Kritikern als bedeutende Werke des Independent-Kinos angesehen. Nicht umsonst wurde Reichardt auf den Filmfestspielen in Cannes als eine der interessantesten jungen Filmemacherinnen der USA bezeichnet. Und mit Meek’s Cutoff holen wir ihr neues Werk nach Braunschweig.

Der Frauenwestern handelt nicht von heldenhaften Cowboys, von einsamen Kämpfern für die Gerechtigkeit oder von der Jagd nach Ganoven. Es gibt keine Bar-Schlägereien, Schusswechsel oder spektakuläre Reiteinlagen zu sehen. Aber das braucht der Film auch nicht. Meek’s Cutoff spielt zur Zeit der Besiedlung des Westens der Vereinigten Staaten im Jahre 1845; die Grundzüge des Films basieren also auf einer wahren Begebenheit. Und im Mittelpunkt steht eine Gruppe Siedler, die von ihrem Scout Stephen Meek – der angeblich eine Abkürzung kennt – weg vom Oregon Trail auf den falschen Weg geführt werden, worauf sie sich verlaufen. Während der mühsamen Reise, die nicht nur durch das schwindende Vertrauen in ihren Führer erschwert wird, treffen sie auf einen einsamen Indianer, den sie als ihren natürlichen Feind ansehen. Sie nehmen ihn gefangen, damit er sie zu einer Wasserstelle führen kann. Durch diese Umstände sieht sich die Gruppe mit zahlreichen Problemen konfrontiert: Wird der Indianer sie zu einer Wasserstelle führen, oder in einen Hinterhalt locken? Sollten sie doch lieber Meek ihr Vertrauen schenken? Und wie lange werden ihre Vorräte noch ausreichen? So ist jeder mit seinen Ängsten konfrontiert und auch innerhalb der Gruppe kommt es zu Auseinandersetzungen. Reichardt verzichtet darauf, die Siedler und deren Ausgangssituation oder gar deren Vergangenheit vorzustellen. Man befindet sich gleich mitten im Geschehen. Denn wie schon Old Joy und Wendy and Lucy ist Meek’s Cutoff ein Film des Moments. Eine der Frauen wird auch hier von Michelle Williams verkörpert und unter anderem mit ihr erlebt man die Strapazen der Reise, die erbarmungslose Hitze der Wüste und die schwindende Hoffnung.

Meek’s Cutoff, USA, 2010, 104′
Regie: Kelly Reichardt
Drehbuch: Jonathan Raymond
Kamera: Christopher Blauvelt
Schnitt: Kelly Reichardt
Verleih: Peripher
Kinostart: 10.11.2011

Der Flyer zur zweiten Staffel der Cinemathek zum Download.

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>