“LOLA” am 04.07.2011 um 19:00 Uhr

Portrait: Brillante Mendoza

Brillante Mendoza kam erst spät als Filmregisseur zum Film, mit 45 Jahren drehte er seinen Debüt-Film “Masahisat” (The Masseur, 2005), der zugleich auf dem Festival in Locarno gezeigt und international ausgezeichnet wurde. Seitdem dreht er in einem unglaublichen Tempo zwei Filme pro Jahr, die auf den großen Festivals wie Venedig, der Berlinale und in Cannes zu sehen waren. Gearbeitet hatte er zuvor als Production Designer und für die Werbeindustrie, bis er mehr durch Zufall als Kalkül zum Spielfilm kam. Seine Filme sind das genaue Gegenteil von Werbung, Mendoza gehört zu den Vertretern des Weltkinos, die sich um einen besonders realistischen Stil bemühen – damit passt er zu eben den gegenwärtig interessanten jungen Regisseuren wie Lisandro Alonso oder Ben Russell, die mit kleine Geschichten versuchen, möglichst viel vom Leben in ihrem Land zu erzählen.

Viele Filme Mendozas spielen nur innerhalb von 24 Stunden, gedreht wird chronologisch, selten benötigt er mehr als 13 Drehtage. Dieser enorm schnellen Produktionsweise gehen lange und aufwändige Recherchen voran. Sie unterstützen aber auch den besonderen realistischen Stil des Regisseurs.
Als letztes Jahr in Deutschland gleich zwei Filme von Mendoza in die Kinos kamen – der verstörende “Kinatay” (2009) sowie der sehr viel berührendere “Lola” (2009), wurde sein Stil mit dem italienischen Neorealismus verglichen, was jedoch auf eine falsche Fährte führt. Der Vergleich stimmt insofern, als dass die Geschichten sich stark an der einfachen, in ärmlichen Verhältnissen lebenden Bevölkerung orientieren, aber die Form, in der das gezeigt wird, ist eine gänzlich andere. Bei Mendoza geht es häufig auch um eine Realität der Kamera. Das äußert sich zum einen darin, dass die Medien selbst immer wieder thematisiert werden, oft sieht man Kamerateams im Film, die Nachrichten oder Reportagen drehen, und in “Serbis” (2007) steht ein altes Pornokino im Mittelpunkt der Geschichte. Oft wird das Bewusstsein für die filmende Kamera aber auch durch die Kameraarbeit selbst wach gehalten. So ist der Stil nicht bloß durch die typischen realistischen Attribute wie hektische Bewegungen, Verfolgungen und Handkamera geprägt, sondern die Kamera versteckt sich auch mal hinter Gegenständen, folgt den Protagonisten durch lange Gänge und in Autofahrten zu unbekannten Plätzen, Kinderdarsteller blicken ins Objektiv und in “Lola” stolpert der Kameramann beim Rückwärtsgehen über einen Sarg – das Bild wackelt, aber der Take fand Verwendung. Überhaupt wirken die Filme an vielen stellen wie improvisiert, trotz des inzwischen höheren Budgets und der im Falle von “Lola” sehr bekannten philippinischen Schauspielerinnen. Mendoza ist nicht nur an einer Inszenierung von Realität gelegen, seine Filme sind Teil der Realität, die sie zeigen. (In “Triador” (Slingshot, 2007) drehten sie nachmittag eine Szene, die abends in den Nachrichten sich dann genauso ereignet hatten.)
In “Lola” steht das Wetter und das Leben alter Menschen im Zentrum. Zwei Großmütter (Rustica Carpio & Anita Linda) kämpfen gegen den Sturm und den Regen und um ihre Enkel: denn der eine hat den anderen umgebracht. Und während die eine Familie mit den Kosten für die Beerdigung zu kämpfen hat, versucht die andere dafür zu sorgen, dass das Strafmaß für den Mörder nicht zu hoch ausfällt. Dabei geht es weniger um Schuld und Vergebung, als viel mehr um das Akzeptieren der neuen, durch den Mord geschaffenen Realitäten – die beiden Großmütter müssen erkennen, dass das Schicksal sie nun aneinander gebunden hat.

Weitere Informationen sowie ein Interview mit dem Filmemacher gibt es bei CARGO.

Lola, Frankreich / Philippinen, 2009, ‘110
Regie: Brillante Mendoza
Drehbuch: Linda Casimiro
Kamera: Odyssey Flores
Schnitt: Kats Serraon
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 15.07.2010

Hier gibt’s den Flyer zur kompletten Staffel der Cinemathek zum Download.

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>