LIFELONG – HAYATBOYU am 23.6. um 19 Uhr

013-plakatDie erste Begegnung mit Lifelong – Hayatboyu fand – zumindest für einen Teil des Daumenkino-Teams – bei der Berlinale 2013 statt, dort hatte der Film in der Sektion „Panorama“ Premiere. Auf formal durchdachte, ruhige Weise zeichnet die türkische Regisseurin Asli Özge das Portrait einer zerbrechenden Ehe, geprägt von Zweifeln und Ängsten. Nun können wir diesen beeindruckenden Film endlich auch dem Braunschweiger Publikum präsentieren und werden damit die siebte Staffel der CINEMATHEK abschließen.
Bereits mit ihrem gefeierten Spielfilmdebüt Men on the Bridge (Köprüdekiler, 2009) konnte sich Asli Özge einen Namen machen und war damit auf zahlreichen internationalen Festivals präsent, u.a. in Toronto, Locarno und Rotterdam. Als außergewöhnliches Hybrid, das permanent die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion verwischt, lässt sich dieser Film in seiner Vielschichtigkeit kaum auf ein Thema oder eine Sichtweise herunterbrechen und wirkt dadurch so frei und unverfälscht. Die Bosporus-Brücke ist die Verbindung zwischen dem europäischen und dem asiatischen Teil Istanbuls und dient hier als Ausgangspunkt für die Geschichten von drei Männern. Sie alle arbeiten auf verschiedene Weisen auf der Brücke, als illegaler Rosenverkäufer, als Sammeltaxifahrer und als Verkehrspolizist. Die einzige Verbindung zwischen ihnen findet an diesem Ort statt, an dem völlig unterschiedliche Situationen und Menschen aufeinander treffen. Was Men on the Bridge so besonders macht, ist nicht nur der unaufgeregte, detaillierte Einblick in individuelle Lebensentwürfe, sondern auch und vor allem das Portrait einer komplexen Stadt und einer ganzen Gesellschaftsschicht. Das ursprüngliche Vorhaben, eine Dokumentation zu drehen, wurde von Özge kurzfristig umgeworfen, nachdem sie drei interessante Menschen kennenlernte und basierend auf deren Geschichten ein Drehbuch verfasste. Gespielt werden die Charaktere von genau diesen Menschen, nicht von Schauspielern, was darauf hinausläuft, dass alle im Grunde sich selbst, oder zumindest fiktionalisierte Versionen von sich selbst, spielen. (Einzige Ausnahme ist der Polizist, da die türkischen Behörden das Mitwirken echter Polizisten am Film nicht erlaubten.) Die Frage nach einer gewissen „Echtheit“ der Ereignisse stellt sich aber auch mit diesem Wissen an keiner Stelle des Films, weil es weniger um die vereinzelten, persönlichen Momente geht, als vielmehr darum, sie in einen breiteren Kontext des Lebens im gegenwärtigen Istanbul zu stellen.

MEN ON THE BRIDGE Fikret at bridge

Eines der Hauptthemen in Men on the Bridge ist Geld. Immer wieder kommen die Gespräche zwischen den einzelnen Personen auf finanzielle Sorgen, den Wunsch nach Wohlstand und die Realität der Armut zurück. Bis zum Ende des Films bleiben alle Protagonisten in ihren Situationen gefangen, ohne wirkliche Hoffnung auf Veränderung und verbunden durch eine lähmende Perspektivlosigkeit. Dieses Thema verfolgt Asli Özge in ihrem neuen Film weiter, wenn auch in einem komplett gegensätzlichen Milieu. Mit Protagonisten der gehobenen Mittelschicht, die in einem noblen Stadtteil leben und sich finanziell keine Sorgen machen müssen, wird der Blick auf Menschen gelenkt, die materiell gesehen alles haben, denen aber dennoch vieles im Leben fehlt. Auch sie sind trotz Wohlstand sozusagen stecken geblieben, haben keine Perspektiven, wobei sie natürlich bewusster für diese Lebensweise verantwortlich sind. Die Regisseurin selbst formulierte bei der Berlinale-Pressekonferenz zum Film sehr treffend, dass sich ab einem gewissen Grad von Erfolg und Zufriedenheit, den man im Leben erreicht hat, unweigerlich die Frage stellt: was kommt als nächstes? Wenn es keine Perspektive und keine Vorstellung für dieses „nächste“ gibt, ist der gegenwärtige Zustand oft bequem und gewohnt, in diesem Sinne auch sicher, was dazu führt, dass man einfach so weitermacht. An diesem Punkt befinden sich Ela, Künstlerin, und ihr Ehemann Can, Architekt. Nach vielen gemeinsamen Jahren ist ihre Beziehung distanziert, leidenschaftslos und fast wortlos geworden. Sie leben nebeneinander her, in einem Haus, das geradezu dafür designt ist, voreinander zu fliehen und sich kleine Nischen des Alleinseins zu suchen. Der Wohnraum wird zur Metapher der Beziehung, beengt, kühl und klar strukturiert. Das Haus ist dabei nicht nur visuell interessant, sondern auch mit zahlreichen Elementen hoher Transparenz ausgestattet, die aber vielmehr Distanz als Nähe schaffen. Glaswände, Metall, offene Treppen – all diese Details suggerieren eine Offenheit des Raumes, während in Wirklichkeit Grenzen gezogen werden. In langen Einstellungen wird nicht nur das Versteckspiel innerhalb des Hauses, sondern vor allem das permanente Verstecken der Emotionen innerhalb der Beziehung auf ruhige, eindringliche Weise beobachtet. Auch wenn kaum Worte ausgesprochen werden, zeichnen sich Zweifel, Ängste und Einsamkeit in den Gesichtern ab und dem Zuschauer wird viel Zeit gelassen, diese Details wahrzunehmen. Die Gestaltung des Wohnraums wird so, in Verbindung mit den nie ausgesprochenen Worten, zur Manifestation einer immer größer werdenden Entfremdung.

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Can und Ela halten zwar nur passiv an dieser Ehe fest, sie lassen aber auch nicht aktiv los. Die gewohnte Sicherheit ist zur reinen Fassade geworden, zum einzigen Grund des Zusammenbleibens und zum Hindernis einer möglichen Neuordnung. Als Ela ein Telefonat ihres Mannes mithört, ist sie überzeugt davon, dass er sie betrügt und dieses winzige Ereignis bringt die Fassade zum Aufbrechen. Den Schmerz kann sie zwar verstecken, fühlen muss sie ihn trotzdem. Wie bei einem Erdbeben können sich auch in einer Beziehung Dinge plötzlich und unvorhersehbar verändern, selbst wenn man so lange am Altbekannten festgehalten hat und jegliche Versuche der Neuordnung bewusst vermieden wurden. Asli Özge konfrontiert ihre Figuren mit einem wirklichen und einem metaphorischen Erdbeben und repräsentiert dadurch einen Zustand der Angst, alles zu verlieren. Die Katastrophe symbolisiert gleichzeitig auch einen Schock, der die Kraft hat, die gewohnte, sichere Routine aufzubrechen und zumindest zum Nachdenken über Veränderungen zwingt. In der Konsequenz liegt es an Ela und Can, die Trümmer zu ordnen und letztendlich zu entscheiden, was Bestand hat und was vielleicht doch nicht ein Leben lang halten kann.

Wir zeigen Lifelong – Hayatboyu im Rahmen unserer CINEMATHEK einmalig am Montag, den 23.06., um 19 Uhr im Universum Filmtheater. Der Film läuft wie immer in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln.

Lifelong – Hayatboyu, Türkei/Deutschland/Niederlande 2013, 102’
Regie & Buch: Asli Özge
Kamera: Emre Erkmen
Schnitt: Asli Özge, Natali Barrey
Produzent: Nadir Öperli
Darsteller: Defne Halman, Hakan Çimenser, Gizem Akman
Verleih & Bildrechte: Peripher

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