“JUST THE WIND” am 30.10.2013 um 19 Uhr

Einen ganzen Tag lang folgen wir einer Roma-Familie, die in einem Wald in Ungarn wohnt. Vom Aufstehen, dem Weg zur Schule, zum Arbeitsplatz, über das Herumstreunen im Wald bis zum Schlafengehen, stellt uns der ungarische Regisseur Benedek Fliegauf die Protagonisten seines Films vor. Es ist Sommer, die Bäume rascheln im Wind, Shampoo löst sich langsam im Wasser eines Sees auf und die Strahlen der Sonne brechen sich im Objektiv der Kamera. Aber es ist nicht nur die Hitze, die drückt, oder die Armut, die einen Großteil des Tagesablaufes bestimmt, über der Szenerie liegt drohend die Angst: Fünf Roma-Familien wurden in diesem Sommer bereits von ungarischen Rassisten brutal ermordet. Es gibt eine Bürgerwehr, die das Gebiet der Familien, die in dem Wald wohnen, bewachen, aber der Rassismus, dem die Familienmitglieder immer wieder während ihres Tagesablaufs begegnen, macht deutlich, dass ein paar Wachen hier nichts ausrichten können. Hass und Ablehnung sitzen tiefer.

Der Hintergrund

Die Mordserie, die in diesem Film den Hintergrund bildet, geht auf reale Fälle zurück. 2008 und 2009 wurden in Ungarn mehrere sehr arme Roma-Familien regelrecht hingerichtet, die Täter erst zwei Jahre später gefunden. Da sie immer nach dem gleichen Muster vorgingen – ein Haus anzünden und dann die Flüchtenden erschießen – wurden die Mörder der rechtsextremen Untergrundbewegung „Ungarische Garde“ zugerechnet (siehe die taz vom 24. Februar 2009). Gleichzeitig ist Rassismus gegenüber den Roma in Ungarn keine Seltenheit, der Film hat reichlich Kontroversen ausgelöst und zu recht unschönen Kommentaren geführt, weil der Film einseitig bliebe und nicht auch die Verbrechen der Roma zeige. Die Verknüpfung von Roma und Kriminalität, das „Begründen“ von Antiziganismus mit dem Hinweis auf Kriminalität und Schmarotzertum ist aber auch in Deutschland gegenwärtig und wird beispielsweise in den Kommentaren der „Jungen Freiheit“ (der auflagenstärksten Wochenzeitung nach der „Zeit“!) gerne gepflegt – der einzige Grund, warum diese Meldungen dort überhaupt auftauchen. Und beim Blick weiter westlich scheint es fast so, als könnte man sich allerorts auf die Ablehnung der Roma einigen: Frankreichs Innenminister Manuel Valls ist nicht zuletzt aufgrund seiner Hardliner-Politik gegenüber den Roma-Immigranten bei den Franzosen so beliebt.

Natürlich ist der Vorwurf der Einseitigkeit absurd, denn Fliegauf geht es um das Portrait einer Familie unter der Anspannung von Armut und Lebensbedrohung; Just the Wind ist der Versuch, einen einzigartig schönen Sommertag zu zeigen, eine Familie, die sich trotz ihrer Armut ihre Würde bewahrt vor dem Hintergrund rassistischer Mordserien.

Der Regisseur

Benedek „Bence“ Fliegauf ist bereits mit seinem zweiten Film Dealer (2004) international aufgefallen, der auf zahlreichen ungarischen und internationalen Filmfestivals Preise bekam. In diesem Film etablierte Fliegauf bereits, was auch in den folgenden Filmen seinen Stil ausmachen sollte: ein Gespür für besonders ästhetisch gestaltete Bilder sowie einen sehr ruhigen Inszenierungsstil, der sich auch durch den Strudel der Ereignisse nicht aus der Ruhe bringen lässt. Die Themenwahl ist dabei durchaus unterschiedlich. In Dealer ist es, wie der Titel schon sagt ein Drogenkurier, dem in ausgeklügelten Kamerafahrten zu seinen sehr bizarren Kunden gefolgt wird. Das Portrait des Protagonisten wird dabei nicht allein durch sein Verhalten gezeichnet, sondern entsteht auch im Kontrast zu den unterschiedlichen Orten, zu denen er fährt, und die die Kamera in kunstvollen Fahrten zu inszenieren weiß.

Womb (2010), sein dritter Spielfilm, spielt in der nahen Zukunft und variiert das Ödipus-Motiv, indem eine Frau ihren zu früh verstorbenen Mann klonen lässt und als Kind gebärt. Der Film hat keinerlei Science-fiction-Elemente, sondern konzentriert sich darauf, eine Ästhetik der Leere zu schaffen, in der nur die Erinnerung an ihren Mann, dem sie nun beim Aufwachsen zuschauen kann, Platz zu haben scheint. In wohl kalkulierten und komponierten Bildeinstellungen kehrt die Frau mit Sohn immer wieder zum Strand zurück, an dem sie ein kleines Haus bewohnen, um dort auf den Moment zu warten, an dem ihrem Sohn die Ungeheuerlichkeit seiner Existenz bewusst wird.

Just the Wind, der 2012 im Wettbewerb der Berlinale uraufgeführt wurde, wo er auch den Silbernen Bären gewann, evoziert diese Ruhe, die Fliegaufs Inszenierungsstil ausmacht, bereits im Titel. Es ist nur der Wind, den man hört, es gibt keinen Anlass zur Aufregung, so beruhigt die Mutter die Kinder, die die Angst der Familie und Nachbarn vor den brutalen Mörderbanden natürlich spüren. Und es ist auch die Natur, die eine große Rolle hier spielt: es sind die Bilder davon, wie die Kinder durch den Wald gehen, im See baden oder in der untergehenden Sonne durch die Felder streifen, die neben der bewegenden Geschichte nachhaltig im Gedächtnis bleiben, und eben nicht die der Armut und des Elends, in dem die Familien leben, was natürlich auch gezeigt wird. Es sind letztendlich Menschen, die hier Morddrohungen ausgesetzt sind, und da ist es unerheblich, ob sie einem bestimmten Stand oder einer Bevölkerungsgruppe zugehören.

Daumenkino präsentiert Just the Wind als Braunschweigpremiere einmalig am Mittwoch den 30.10. um 19 Uhr im Universum-Filmtheater, in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Studierende haben ermäßigten Eintritt.

Czak a szél, Ungarn/Deutschland/Frankreich 2012, 98’
Regie & Buch: Benedek ‚Bence‘ Fliegauf
Kamera: Zoltán Lovasi
Darsteller: Lajos Sárkány, Katlin Toldi, Gyöngyi Lendvai

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