GRIGRIS’ GLÜCK am 10.6.2015

Grigris_2013_film_posterWir schauen uns Grigris an. Seinen sonderbaren, athletischen Körper – sein lahmes Bein. Das Bein dient als Einleitung für die Situation in der sich Grigris befindet: Als Tänzer in einem afrikanischen Club. Es ist sein Wunsch eine lohnende Profession daraus zu machen. Im Moment reicht es allerdings nur dafür, ein paar Scheine und den Respekt des Anführers der lokalen Gang zu bekommen.
Als 25jähriger lebt Grigris bei seiner Mutter und dem Ziehvater, die sich von Botengängen, Näharbeiten und Portraitfotografie über Wasser halten. Als der Ziehvater erkrankt, wird die gemeinsame Zuneigung deutlich: Grigris will das benötigte Geld beschaffen.
Sein Bein lässt sich manchmal als Showeffekt nutzen, doch vielmehr ist es die ästhetische Formschönheit, die Grigris im Umgang mit seiner Behinderung zur Kunst gemacht hat. Leider reicht der Lohn für die ausgefallene Inszenierung nicht aus. Bei anderen Arbeiten steht Grigris das Bein im Weg.
Das Wort „Gris-gris“ verweist auf afrikanische Talismane, die mit sakralen Inschriften verziert, den Gläubigen oder auch Ungläubigen vor Bösem bewahren oder Glück bringen soll. Der Film rückt weder derartige Details in den Vordergrund, noch stört sich die Narration daran, typisch westliche Klischees als Plot zu entwickeln. Entscheidend für den Film ist, wie die verschiedenen kurzweiligen Gemeinschaften, in denen sich Grigris befindet, die Gesellschaftsprobleme mit ihrer persönlichen Lebenskultur vereinen. So stolpert Grigris von einem Streckenabschnitt z.B. über den Koran, Prostitution, Künstlerdasein oder Vertreter männlicher Emanzipation in den nächsten. Mehr oder weniger erfolgreich, immer mit einem blauen Auge und um eindeutige, persönliche Erfahrungen reicher. Alles unterlegt mit Bildern aus dem Tschad. Das lahme Bein verliert seine Bedeutung als Behinderung, als Drama wird es abgelöst.
Grigris-Car-FireVielleicht ist es die Reduktion auf das Landschaftsbild des Dokumentarischen, vielleicht ist es die Nähe zu unserer typischen Erzählform, die den Film so zugänglich macht. Was uns vielleicht unbekannt und erfahrenswert erscheint, ist das Gemeinschaftsgefühl, das die Individuen mehr respektiert als zur Schau stellt. Ein wohlwollendes Interesse zwischen den Charakteren trotz ihrer Unterschiede scheint gegenwärtig. Mahamat-Saleh Haroun stellt viel offener zur Frage „was ist das Problem und wie können wir damit umgehen“, anstatt sich ausgiebig mit dem Übel zu beschäftigen und dessen Facetten zu differenzieren. Klar bei der Darstellung lohnen sich Klischees, nur fährt Haroun fort, anstatt zu verweilen. Somit erscheint die Botschaft bzw. Grigris’ Glück klarer, nachdem er sich von seiner behutsamen Mutter entfernen und erkennen muss, dass die Bindung zu ihrem Partner momentan ein wenig wichtiger als ihr Sohn ist. Somit wird Grigris entlassen und findet jedes Mal, wenn er Personen hinter sich lässt, die seiner Persönlichkeit nicht gut tun, mehr zu sich selbst.
Nur noch zwischenzeitlich betritt er die Bühne als Showtänzer.

Der Regisseur Mahamat-Saleh Haroun 1961 im Tschad geboren, seit 1982 in Frankreich lebend, ist mehr oder weniger der einzig existierende tschadische Filmemacher. Sein Frühwerk seit Mitte der 90er Jahre besteht hauptsächlich aus Kurz- und Dokumentarfilmen mit afrikanischem Hintergrund. In Bye Bye Africa von 1999, steht er als Hauptdarsteller sogar selbst vor der Kamera. Die Filmfestspiele in Venedig zeichneten ihn dafür mit zwei Preisen aus. Mit Hilfe der französischen Filmförderung gelangen Mitte der 2000er Jahre einige international respektierte Werke. Z.B. Abouna – Der Vater (2002), Daratt (2006) oder Un homme qui crie (2010), mit dem weitere Auszeichnungen und die Berufung in die Wettbewerbsjury von Cannes erfolgten.
grigris_5Mit seinen Filmen lässt uns Haroun vor allem in die tschadische Emotionswelt von Männern blicken, die sich in schwierigen Lebenslagen befinden. Die schwierige wirtschaftspolitische Entwicklung des Landes scheint wie eine unüberwindbare Grundsubstanz für die Ausgangslage der Protagonisten zu bestehen. Alle scheinen von den Umständen abhängig zu sein, obwohl sie ein einfaches Leben ohne große Ansprüche anstreben. Die Handlung vom täglichen Broterwerb wird durch äußerliche Einwirkungen wie z.B. politische Unruhen gestört, die den normalen Alltag oder Freundschaften aus dem Gleichgewicht bringen. Im Inneren müssen die Protagonisten dabei häufig zwischen unliebsamen Alternativen wählen und erleben wie mit den mehr oder weniger schlechten Konsequenzen umzugehen ist. Haroun schildert eher die Zwangslagen der jüngeren Bevölkerung, die mit den Ansprüchen der familiären Gemeinschaft zurecht kommen müssen. Sei dies aus Sicherheitsglauben oder persönlichen Vorstellungen, wie die Heranwachsenden handeln sollten. Immer wieder prägen dabei die langsamen Einstellungen das Nachempfinden der Rezipienten, indem mehrere aushaltende Momente bei den kargen Schauplätzen verweilen und die Mimik der Protagonisten portraitiert wird. Als Rezipienten erleben wir dabei immer wieder, wie sich ruhiges Innehalten und hilfesuchendes Nachdenken in Erlösung verwandelt. Hier scheint sich die frühe dokumentarische Filmerfahrung von Haroun gekonnt zu widerspiegeln. Die uns ganz nebenbei durch abwechslungsreiche und unbekannte Orte des Tschad führt.

Darsteller: Soulémane Démé, Mariam Monory, Cyril Guei, Marius Yelolo

Regie & Drehbuch: Mahamat-Saleh Haroun
Produzentin: Florence Stern

Originaltitel: Grigris
Filmfestspiele Cannes: 22 Mai 2013.
Vulcan Award für Cinematographie
Nominierung für Goldene Palme

Deutscher Verleih: temperclayfilm
Starttermin: 09. April 2015

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