CONCERNING VIOLENCE am 12. Januar 2015

“Nine Scenes from the Anti-Imperialistic Self-Defense.” So heißt Göran Hugo Olssons neuer Dokumentarfilm Concerning Violence im Untertitel, und er macht damit sein Programm deutlich: es geht nicht um Unabhängigkeit oder Gerechtigkeit, sondern um Selbstverteidigung. Olsson hat für seinen achtzigminütigen Film nahezu unbekanntes Archivmaterial des schwedischen Fernsehens kompiliert, das in den 60er bis 80er Jahren in Afrika aufgenommen wurde. Es gibt darin Aufnahmen direkt aus den Kämpfen der Befreiungsbewegungen zu sehen, Szenen von Ausbeutung, Umsiedlungen und Armut. Aber auch Alltägliches aus den Dörfern der Einheimischen oder den Städten der Kolonisatoren. Die neun Szenen beziehen sich dabei nicht auf die Anordnung des Materials nach spezifischen Schwerpunkten, viel mehr werden immer wieder einzelne Oberbegriffe in schriftlicher Form über die Bilder geblendet, die direkt (“5. Lamco, Liberia 1966”) oder indirekt (“1. Deconolization”, “2. Indifference”, “6. That Poverty of spirit”) mit den Aufnahmen zu tun haben. Wer erwartet, dass Olsson das Archivmaterial kategorisiert und kontextualisiert aufbereitet und damit das Aufbegehren Afrikas portioniert erklärt, wird zurecht enttäuscht. Das Besondere an Concerning Violence ist, dass den Bildern nicht ihre Eigenständigkeit genommen wird, das, was wir darauf sehen wird nicht wegerklärt und einsortiert, sondern setzt sich fort in den nachfolgenden Aufnahmen. Olsson verbindet sie, indem er immer wieder Passagen aus dem titelgebenden Kapitel “Über die Gewalt” von Frantz Fanons Buch Die Verdammten dieser Erde sowohl in Ton als auch Schrift über die Bilder setzt. Das 1961 erschienene Buch war eine präzise Analyse des Zustandes des afrikanischen Kontinents und seiner Jahrhunderte langen Abhängigkeit von Europa. Die von Olsson ausgewählten Passagen machen immer wieder deutlich, dass die Anwesenheit der Weißen in Afrika ein gewalttätiger Zustand ist, dass es dabei nur um Ausbeutung geht und eben dies beendet werden muss. Das wiederum kann nur durch einen gewalttätigen Akt der Revolution geschehen. Damit werden vor allem auch jene Aufnahmen, die vermeintlich friedlich erscheinen (Weiße beim Golfspielen), in den Zusammenhang von Gewalt und Macht gestellt, dem sie natürlich entspringen. Gesprochen werden diese Fanon-Passagen von Lauryn Hill, der Frontfrau der Fugees, die den Text mit genau der richtigen Mischung aus Wut, Empörung und Rhythmus spricht, ganz so, als kämen diese Sätze ihr gerade beim Betrachten der vorliegenden Bilder in den Sinn.

Die krasseste Szene des Films benötigt diese Kontextualisierung aber gar nicht, sie spricht ganz für sich: ein schwedisches Ehepaar wird in den 60er Jahren in Moshi vor der Kulisse grabender Tansanier interviewt. Sie sind Missionare und seit über zehn Jahren im Land, nun wollen sie eine Kirche bauen. (Das Bild zeigt: sie lassen eine Kirche bauen.) Auf die Frage des schwedischen Reporters, was denn für Religionen an diesem Ort sonst vorherrschten, antworten sie vage mit “afrikanischen Religionen”. Nun stehe an erster Stelle aber das Bauen der Kirche sowie das Durchsetzen der Monogamie. Ob man danach noch Krankenhäuser und Schulen bauen werden, könne man momentan aber noch nicht genau sagen …

Concerning Violence ist der nächste logische Schritt nach Olssons vorhergehendem Film The Black Power Mixtape 1967–1975, der wie auch sein neuster bei der Berlinale seine Premiere hatte. Auch Mixtape besteht zur Gänze aus Archivmaterial schwedischer Fernsehanstalten, das in den USA gedreht wurde, es sind Berichte zur Situation des Black-Power-Movement. In vielen Aufnahmen stellen die Reporter immer wieder die Frage nach der Rechtfertigung von Gewaltanwendung, bspw. dem Gebrauch von Schusswaffen. Und in vielen Aufnahmen entlarven ihre Gegenüber sie aufgrund eben dieser Frage als naive, unbeteiligte Europäer. Vor allem Angela Davis hält einen beeindruckenden Monolog darüber, wie man allen Ernstes diese Frage stellen könne, wenn doch die überwiegende Mehrheit der Schwarzen in den USA in einem Klima von Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung aufwachse. In Concerning Violence wird nun die Frage nach der moralischen Rechtfertigung von Gewalt nicht mehr gestellt, die Gewalt wird vehement als einzige Möglichkeit eingefordert. Und der Film ist auch keiner mehr über das Material selbst, an vielen Stellen wird eine deutliche Distanz der Journalisten gegenüber den weißen Kolonisatoren in Afrika spürbar, was sich nicht nur bei den kritischen Nachfragen an das Missionspärchen zeigt, sondern auch in vielen Kameraeinstellungen. Olsson wendet damit das Material nicht gegen sich selbst, viel mehr ist Concerning violence ein gelungenes Beispiel für die Möglichkeit, solche Aufnahmen angemessen zu präsentieren. Dafür hat der Film auf der Berlinale den entwicklungspolitischen Sonderfilmpreis “CINEMA fairbindet” des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bekommen.

Concerning Violence ist am Montag, den 12. Januar um 19 Uhr einmalig im Universum Filmtheater zu sehen, in Kooperation mit DOK am Montag und natürlich als Originalfassung mit Untertiteln!
Concerning Violence, SE, FIN, DK, USA 2014, 78 Min
Regie: Göran Hugo Olsson
Sprecherin: Lauryn Hill
Produziert u.a. von Danny Gover
im Verleih von Arsenal Distribution

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