CHEVALIER am 11.05.2016

Vor rund vier Jahren begeisterte Athina Rachel Tsangari mit ihrem Film Attenberg das Publikum der Cinemathek durch neuartige Blicke auf den menschlichen Körper. Waren es einst Bilder von Schulterblättern, die unter zarter Haut eine groteske Choreographie vollführen, so hat ihr neuster Film Chevalier bereits sichtlich an Hyaluronsäure einbüßen müssen. Stattdessen versammelt er jede Menge Testosteron in sich: Sechs Männer mittleren bis gehobenen Alters posieren in ihren noch nassen Tauchanzügen stolz mit dem erbeuteten Fischfang für ein Erinnerungsfoto. Der Neopren-Stoff presst dabei nicht nur die ein oder andere Speckfalte in eine straffe Kontur, sondern formt auch ein spezifisches Männlichkeitsbild: Eine sportliche Erscheinung, kameradschaftliches Beisammensein und ein eng ausfallender, optisch betonter Schritt. Athina Rachel Tsangari arbeitet sich nun an derartigen Geschlechtervorstellungen ab und legt sie Sicht für Sicht frei, beginnend mit den Neoprenanzügen. Mühevoll werden sie sich gegenseitig abgestreift und offenbaren weiße Haut, schlaffe Muskeln und kräuseliges Rückenhaar.

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Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön. Eine Seefahrt unter dem Kommando von Tsangari ist für die sechs befreundeten Herren auf ihrer Yacht am griechischen Mittelmeer jedoch eher flau. Durch Personal von allen anfallenden Tätigkeiten entlassen, bestehen ihre Abendbeschäftigungen nur aus Gesellschaftsspielen und darin herauszufinden, welchem Obst ihr Gegenüber am meisten ähnelt. Ein geplanter Wettstreit sorgt nun für sich ändernde Gezeiten in der alteingesessenen Herrenrunde. Es sollen an Bord unterschiedliche Wettkämpfe ausgetragen werden, deren Gewinner mit einem Chevalier-Ring und dem Wissen, seine Freunde übertrumpft zu haben, die Küste von Athen betreten darf. Dieser Sieger wird nach Punkten bestimmt, mit denen sich die Kontrahenten gegenseitig evaluieren: Wer hat das beste Rezept für Seeigelsalat? Wer schläft am schönsten? Wer führt die harmonischste Beziehung? Und wer kann ein IKEA-Regal am schnellsten aufbauen? Dass sich dadurch die Stimmung an Board schnell zuzieht, überrascht nicht, schließlich will niemand seinen Kontrahenten in etwas nachstehen. Evaluationsbogen und Bleistift werden so zu ständigen Begleitern, denn nur der Härteste kann gewinnen. Wer zu spät hart wird, bekommt weniger Punkte und bleibt am Ende alleine auf seiner Erektion sitzen.

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Ob sich dabei überhaupt ein Gewinner findet, bleibt offen. Unbeschadet bleibt in jedem Fall keiner – der eine kommt noch mit einem angekratzten Ego davon, während ein anderer eine tiefe Schnittwunde am Gesäß davonträgt. Lädiert kehren sie ans Festland zu ihren Frauen zurück, die in der eigentlichen Erzählung ausgeschlossen bleiben und nur als mediatisierte Stimmen durch die Schiffskabinen hallen. Gerade indem sie diese separierte Männlichkeit sich selbst überlässt, schält Tsangari Geschlechterstereotype heraus und legt den gesellschaftlichen Evaluationswahn gegenüber alternder Männlichkeit frei. Alles was den harten Anforderungen nicht standhält, wird vom weiß glänzenden Deck in die hinterste Kombüse verbannt. Doch was man dort findet, ist nur ein doppelter Boden, der das Spiel fortsetzt …

Chevalier ist am Mittwoch, den 11.05.2016, um 19 Uhr im Universum Filmtheater zu sehen – einmalig in Braunschweig und natürlich als untertitelte Originalfassung!
Chevalier, Griechenland 2015, 99′
Regie: Athina Rachel Tsangari
Drehbuch: Athina Rachel Tsangari, Efthymis Filipou
Kamera: Christos Karamanis
Schnitt: Yorgos Mavrosaridis, Matthew Johnson
Darsteller: Sakis Rouvas, Panos Koronis, Vangelis Mourikis
Verleih & Bildrechte: Rapid Eye Movies

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