BEACH RATS am 09.05.2018

Aren’t they beautiful?
They kind of look the same as they did last week, and the week before last. Pretty much the same thing every fucking summer.

Das Feuerwerk am Nachthimmel Brooklyns wird zum Icebreaker für Frankie und Simone. Es bildet die Initialzündung ihres Sommerflirts und versinnbildlicht die Funken ihrer gegenseitigen Anziehung. Neben seiner plakativ-metaphorischen Funktion agiert das Feuerwerk in Eliza Hittmans zweitem Spielfilm Beach Rats jedoch auch als geografischer Anker, narrative Struktur und ästhetisches Bildprogramm.

Simone und Frankie begegnen sich in Coney Island, einer Halbinsel im südlichen Teil von Brooklyn. Bekannt für seine diversen Fahrgeschäfte, Imbissbuden und Vergnügungsparks, bildet die Pyroshow jeden Freitag den Höhepunkt des Attraktionskomplexes. Gleich einem Überbleibsel aus einer anderen – einer besseren – Zeit wird Coney Island zur farbenfroh funkelnden Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte gegenüber der monotonen Alltäglichkeit. Es ist auratisches Denkmal und verfallende Ruine zugleich. Ein Ort der Phantasie, der seine eigene Unmöglichkeit artikuliert. Seine melancholische Entrückung in der Zeit wird filmisch in den 16mm Aufnahmen der Kamerafrau Hélène Louvart nochmals potenziert. Es verklärtes Liebesnest also, wo sich vor Jahren auch Frankies Eltern schon kennengelernt haben?


Nein, zumindest laut Frankie: „The fireworks are like the opposite of romantic.“ Stattdessen sind sie routiniert und gleichförmig: Ein unangenehm schrilles Pfeifen setzt ein und kündigt das Spektakel an. Es kommt zu einer energetischen Explosion. Für Sekundenbruchteile stehen die glühenden Partikel still und bevölkern den Sternenhimmel, ehe sie sich wieder in der Dunkelheit der Nacht verflüchtigen. Die nächste Rakete ist schon längst abgeschossen und die nächste und die nächste – diesen Freitag, letzte Woche, vorletzte Woche. Was hier als Dramaturgie eines Feuerwerks beschrieben ist, kann zugleich als Konzept für Hittmans Erzählweise verstanden werden.

Konflikte werden als solche ausgewiesen, brechen impulshaft aus, und verlaufen sich wieder ohne finale Schließung. Es folgt die nächste Konfrontation, und die nächste. Pretty much the same thing every fucking summer. Am Ende ist doch nicht viel passiert, Asche und Rauch ist was bleibt. Frankies Beziehung zu seiner jüngeren Schwester ist kontinuierlich durch schräge Seitenblicke gekennzeichnet. Ihren Wunsch nach einem Bauchnabelpiercing ebenso wie die erste Intimität mit ihrem boyfriend beäugt Frankie zunehmend kritisch bis zu jenem Punkt an dem er den jungen Romeo gewaltsam aus dem Haus wirft. Der bis dato etablierte Handlungsstrang verliert dann schlagartig jegliche Relevanz und wird nicht erneut aufgegriffen. Ähnlich ereignet sich die Mutter-Sohn-Beziehung: Die Mutter sorgt sich um Frankies Drogenkonsum, Frankie sorgt sich um die ungesunden Verdrängungsmechanismen der Mutter nach dem Krebstod des Vaters. Der Film insinuiert, dass die Mutter das Doppelleben ihres Sohnes zunehmend durchschaut: Während er einerseits Simone datet (und sie auch seiner Familie vorstellt), verabredet er sich online mit fremden Männern zum unverbindlichen Sex. Doch dieser Konflikt bricht nicht einmal aus – ein Blindgänger, um im Feuerwerksjargon zu bleiben. Jene Gefahr des Outings und der womöglichen Abwendung und Stigmatisierung durch das soziale Umfeld, ist für Frankie eine stetige Unsicherheit. Reelle Sorge oder gar akuter Handlungsbedarf kommen jedoch zu keinem Zeitpunkt auf. Sozialer Druck ist der Nebenschauplatz, zweitrangig zu den inneren Auseinandersetzungen, für dich sich Hittman interessiert.

Diese Innerlichkeit von persönlichen Wünschen und die Aushandlung der eigenen Sexualität stellen für das Medium Film ein gewisses Darstellungsproblem dar. Diesem nähert sich Hittman mit einer Ästhetik des Feuerwerks, gekennzeichnet von einer Verschränkung von Erscheinen und Verschwinden, von Ikonizität und Abstrahierung, wie auch von Ganzheit und Fragmentierung.

Der Vorspann von Beach Rats exemplifiziert das mit geradezu exzessiver Deutlichkeit: Das Geräusch eines Fotoauslösers erklingt. Der Handyblitz erleuchtet den dunklen Screen für Sekundenbruchteile und gewährt uns einen flüchtigen und doch intimen Blick auf den entblößten Oberkörper eines jungen Mannes, der im Spiegel Selfies von sich macht. Die tief sitzende Basecap und die Wahl des Bildausschnittes anonymisieren den Körper zunächst. Und alsbald der Fotoblitz erlischt, wird die Leinwand wieder in pures Schwarz getaucht – bis zum nächsten Schnappschuss, dem übernächsten, usw. Mit jeder neuen Fotografie divergieren die Perspektiven der filmischen Kamera und dem diegetischen Smartphone zunehmend und mit jeder erneuten Betätigung des Auslösers wird der Körper des des Porträtierten zunehmend fragmentiert: Ein durchtrainierter Torso, eine behaarte Achsel, ein angespannter Bizeps. Der Film führt eine Reihe ikonischer Bildmotive schwuler (online) Männlichkeit ins Bild, noch bevor narrative Fragen um Sexualität überhaupt zur Debatte stehen. Das ist jedoch keine filmische Demaskierung eines Protagonisten, der immer wieder betonen wird, dass er sich nicht als „schwul“ versteht. Wenn in Beach Rats so auf ein etabliertes Register schwuler Bildsprache zurückgegriffen wird, werden diese gelieferten Bilder auch ganz klar als Zeichenformationen gekennzeichnet. Der Fotoblitz hinterlässt bei seiner Reflektion im abgegriffenen Wohnzimmerspiegel Lens Flares und andere Lichtfragmente auf dem Filmbild. Eine Störung, ein technische Fehler, eine Energie und Strahlkraft, die die kinematografischen Kapazitäten übersteigt. Sexuelle Identität, die sich nicht scherenschnittartig in tradierten, vorgefertigten Bildikonen wiederfindet, sondern erst in ihrer graduellen Abstraktion, Überarbeitung und Zerstörung Möglichkeiten filmischer Artikulation findet.

Wir zeigen Beach Rats einmalig im Rahmen der Cinemathek am Mittwoch, den 09.05., um 19 Uhr im Universum-Filmtheater. Der Film läuft in der englischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln und für Studierende gilt ein ermäßigter Eintrittspreis von 5,50 € (regulär: 8,50 €).

Beach Rats, US 2017, 95′
Regie & Buch: Eliza Hittman
Kamera: Hélène Louvart
Schnitt: Scott Cummings
Darsteller: Harris Dickinson, Madeline Weinstein, Kate Hodge
Verleih & Bildrechte: Salzgeber
Starttermin: 25. Januar 2018

Leave a Reply

  • (will not be published)

XHTML: You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>