“ATTENBERG” am 04.06.2012 um 19:00 Uhr

attenberg10grDass im griechischen Kino interessante Sachen passieren, dürfte sich spätestens seit der Oscar-Nominierung für “Dogtooth” (Giorgos Lanthimos, 2009) herumgesprochen haben. Nun starten gleich zwei weitere Filme von den Machern von “Dogtooth”, die jeweils wieder ganz anders sind, zusammen mit diesem aber so etwas wie eine Trilogie bilden. In der CINEMATHEK zeigen wir den Film “Attenberg” von Athina Rachel Tsangari, die “Dogtooth” mitproduzierte (am 4.6. um 19 Uhr im Universum).

“Attenberg” beginnt mit einem Kuss. Und noch einem. Und noch einem. Immer wieder versuchen es die beiden Freundinnen, die eine in diesen Dingen bereits sehr erfahren, die andere will es lernen. Es ist eine ganz besondere Art eines Filmkusses, einen, den man nicht mehr vergessen wird. Und einer, der auch so aussieht, als ob die Regisseurin immer wieder rufen würde, dass sie es noch mal probieren sollten.

written & directed by Athina Rachel TsangariEine Versuchsanordnung ist das, so wie das Leben für Marina (Ariane Labed) überhaupt eine Reihe von Versuchsanordnungen ist. Sie lebt zusammen mit ihrem todkranken Vater und hat so gar keine richtige Vorstellung davon, wie man das, was man Leben nennt, zu bewerkstelligen hat. Die einzigen Orientierungspunkte sind ihre Freundin Bella und die Tierdokumentationen von Sir David Attenborough. Immer wieder sieht man die beiden durch die trostlose Siedlung laufen und merkwürdige Fortbewegungsarten fiktiver oder realer Tiere imitieren.

V10attenberg001“Attenberg” ist auch ein Film über das Gefühl der Fremdheit. Das Griechenland der Gegenwart wirkt trostlos und leer. Der Vater, der Architekt war, konnte sich nie damit anfreunden. Dass seine Tochter die menschliche Rasse fremd und teilweise abstoßend findet, kann er nicht verstehen, und so beschließt Marina, Erfahrungen zu sammeln und forciert den sexuellen Kontakt mit einem Fremden (Giorgos Lanthimos). Gleichzeitig versucht sie, ihre Freundin als Sexualpartner an ihren Vater zu vermitteln.
Für das Fremde im Alltäglichen findet Athina Rachel Tsangari immer wieder beeindruckende Einstellungen, die einen Blick auf Körper und die Inszenierung eben dieser werfen, den man selten im Kino sieht.

#Das Motiv der Substitution, das auch in der Geschichte liegt, ist eines, das ihren Film mit den zwei letzten von Lanthimos verbindet. In “Dogtooth” (der am 27.6. im sff in Braunschweig zu sehen ist) ist es die Realität, die der Familienvater seinen Kindern vorgaukelt, die ausgetauscht wird. Seit ihrer Geburt wird den drei (inzwischen erwachsenen) Kindern erzählt, dass sie das Grundstück nicht verlassen dürften, weil das Draußen zu gefährlich sei. Und in “Alpen”, dem neuesten Film von Lanthimos, in dem auch Ariane Labed mitspielt, ist es eine Organisation, die Familien, die einen engen Angehörigen verloren haben, anbietet, gegen Geld diesen für ein paar Stunden am Tag zu ersetzen. (“Alpen” startet in Deutschland am 14.6..)
Neben der interessanten Kameraarbeit und den extremen Leistungen, die sie ihren Darstellern abverlangen (Labed wurde 2010 auf dem Filmfestival in Venedig als beste Darstellerin ausgezeichnet), vereint die drei Filme auch, dass sie ihre Geschichte auf eine sehr ungewöhnliche Art erzählen. Die Informationen werden nur sehr spärlich und nach und nach gegeben. Es geht ihnen nicht darum, die Zuschauer gleich zu Beginn umfassend ins Bild zu setzen und Spannung über künstlich zurückgehaltene Informationen zu generieren. Tsangari und Lanthimos haben auch den Anspruch, die Fremdheit, von der sie erzählen, als Erfahrung an das Publikum weiter zu geben. Dass dabei ein Film über das Tanzen herauskommen kann, demonstriert “Attenberg” nicht zuletzt auch:

Attenberg, Griechenland, 2010, ’97
Regie: Athina Rachel Tsangari
Drehbuch: Athina Rachel Tsangari
Kamera: Thimios Bakatakis
Schnitt: Sandrine Cheyrol
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 10.05.2012

Hier gibts den Flyer zur kompletten Cinemathek-Staffel zum Download.

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