ART GIRLS – Braunschweiger Premiere mit Gästen am 6.5.2015

zu Gast im Universum-Filmtheater am 6.5.2015 um 19 Uhr: Robert Bramkamp (Regie), Susanne Weirich (Art director) und Klara Herbel (Kinderdarstellerin)

Einen Film von Robert Bramkamp nachzuerzählen, ist kein einfaches Unterfangen. Es gibt zwar stets ein Thema, aber dieses dient nicht wie sonst dazu, das Erzählte einzuschnüren. Wie bei den Filmen von Jean-Luc Godard ist der rote Faden hier keine Paketschnur, sondern ein Lasso, mit dem noch viele andere Themen und Aspekte eingefangen und mit in den Film gezerrt werden.

In Art Girls ist das u.a. die Kunstszene in Berlin, oder vielmehr: die Kunstszenen. Nikita Neufeld (Inga Busch) verkörpert eine davon: die wenig erfolgreiche, aber idealistische Künstlerin, die am liebsten Kunst macht, die wirkt. Sie trifft auf zwei verrückte Wissenschaftler (beide gespielt von Peter Lohmeyer), deren Erfindung wirkt: mittels der “Biosynchronisation” kann/soll die Wirklichkeit verändert werden, sollen Frösche fliegen können. Ihre Erfindung funktioniert, doch immer nur kurzzeitig. Um die Dauer zu verlängern, benötigen sie Kunst, die wirkt. Und plötzlich ist Nikita dort, wo sie immer hin wollte: ihre Kunst beeinflusst die Realität. Anders allerdings, als sie sich das wohl vorgestellt hat: Nicht durch Rezeption und Reaktion verändert sich etwas, sondern durch Repräsentation. Die Wirklichkeit passt sich an, denn so steht es ja geschrieben, bzw. wurde es ja gemalt. Wenn Nikita also eine blaue Sonne malt, wird diese auch in Wirklichkeit blau. Aber über welche Wirklichkeit reden wir hier? Die des Films, der Diegese? Denn diese wird ja auch durch extradiegetische Mittel affiziert, bspw. durch die zahlreichen Spezialeffekte, die den Film die ganze Zeit durchziehen. Wenn der Baugerüst-Kingkong auf den Fernsehturm klettert und diesen zu Fall bringt, dann wirkt das so fehl am Platz, wie die Passanten, die lustiger Amateurfilm-Manier auf das zeigen, was sie sehen. Es ist Bramkamps FilmArt Girls selbst, der sich permanent verändert, der mal nach cleverer Kunstparodie, mal nach einfachem Fernsehen und dann wieder nach Alexander Kluge auf Speed ausschaut. Das ist keine Unentschiedenheit, das ist ein Film, der nicht vor der Leinwand halt macht, für den Stil nicht in der Beschränkung, sondern in der Öffnung besteht. Und es macht unglaublich Spaß, sich diese Öffnungen auszusuchen und hineinzuschlüpfen.

Dabei kann man dieses Mischen als den genuinen Stil von Robert Bramkamp bezeichnen. Er ist vor allem am Aufeinandertreffen von Realität und Fiktion interessiert. Nirgends sonst im deutschen Kino der letzten Jahre wurde dies besser inszeniert als in seinem vorletzten Film Prüfstand 7, der aus dem Inneren einer V2-Rakete erzählt. Bianca (Inga Busch), der Geist der Rakete sucht nach ihrem Wesen. Sie schaut sich dabei alte Aufnahmen der Nazis an und untersucht die heutigen Spuren dieser Technologie. Sie taucht in der Inszenierung von Thomas Pynchons “Die Enden der Parabel” auf und führt Interviews mit Technik- wie Mythen-Fetischisten. Man lernt in Prüfstand 7 ungemein viel über die V2 und die Raketen-Techno-Mythologie der Nazis. Gleichzeitig ist das aber auch ein Film über einen Film, der über die V2 gedreht wird. Bramkamps Filme verorten sich in einer Realität, in der sie selbst bereits enthalten sind. Sie sind deswegen nicht zwangsläufig selbstreflexiv, es ist viel mehr so, dass sie nicht an sich selbst vorbei kommen – ohne dass sie sich dabei selbst im Weg stünden. “Du brauchst mehr Glück, als eine hat”, sagt Lizzy (Klara Herbel), Nikitas Patentochter ihr einmal. Dieser überkommene Singular ist vielleicht das verbindende Thema von Bramkamps Filmen, in denen meist auch der Konflikt vom Einzelnen und der Kommune (vom Landwirtschaftskollektiv bis zum Seesportclub) erzählt wird. Und da wir uns bei Art Girls auch in einem Sciencefiction-Film befinden, realisiert sich die Utopie der Kollektivität zeitweise auch in der Biosynchronisation.

Art Girls, D 2013, 120 Min
R, B & P: Robert Bramkamp
Art Director: Susanne Weirich
Kamera: Sebastian Egert
mit: Inga Busch, Peter Lohmeyer, Klara Herbel
im Verleih von realeyz

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