AND-EK GHES… am 02.11.2016 in Anwesenheit der Regisseure!

and-ek-ghes_plakat_a4Am 2.11. um 19 Uhr zu Gast: die Regisseure Colorado Velcu und Philip Scheffner. Im Anschluss an die Vorführung wird es ein Publikumsgespräch geben!

Als sich der Dokumentarfilmemacher Philip Scheffner und die Roma-Familie Velcu im Jahr 2011 bei den Dreharbeiten zu Scheffners letztem Film Revision kennenlernen, ahnen beide Seiten noch nicht, dass es nur der Beginn einer besonderen Zusammenarbeit ist, die nun auf außergewöhnliche Weise mit And-Ek Ghes… fortgesetzt wird.

Der Film beginnt – und hierin besteht eine eindeutige Verbindung zu Revision – mit dem Sprechen und dem Zuhören, genauer: dem Anhören der eigenen Stimme. Colorado Velcu, charismatisches Familienoberhaupt und Co-Regisseur des Films, sitzt in der Kabine eines Tonstudios, während eine Passage des von ihm selbst eingesprochenen Voice-Over vorgespielt wird. Er hört sie sich an, ist damit noch nicht zufrieden und möchte von vorne beginnen. Aus dem Off ist die Stimme des anderen Regisseurs Philip Scheffner zu hören und sowohl er als auch die Kamera spiegeln sich in der Scheibe der Aufnahmekabine. Bereits diese erste Einstellung kündigt mehrere Ebenen der Reflexion an, die sich durch den gesamten Film ziehen. Die Einblendung des Titels And-Ek Ghes… (übersetzt: „Eines Tages…“) markiert den Beginn der Geschichte und wirkt wie die klassische „Es war einmal“-Einführung eines Märchens. Denn die folgende Familien-Saga, die die Velcus selbst inszenieren, nimmt immer wieder fantasievolle, imaginierte Züge an.

Nach dem Verlassen 201605650_3_IMG_543x305der Heimat in Rumänien beginnt der Neuanfang mit dem Einzug in Essen, der von Scheffner filmisch festgehalten wird. Die Erzählung springt von diesen Aufnahmen zu einem späteren Zeitpunkt, als die Familie vorm Laptop sitzt und das gefilmte Material gemeinsam sichtet und kommentiert. Es sind solche wiederkehrenden Elemente der Reflexion, die dem Film eine Meta-Ebene verleihen, indem der Prozess des Filmemachens an sich in die Handlung einbezogen wird. Aber auch die eigene Lebenssituation wird auf diese Weise reflektiert, beispielsweise als Colorados Schwester Fecioara anmerkt: „Dauernd fangen wir von vorne an.“ Wenig später wird diese Realität auch im Film sichtbar, als nach kurzer Zeit in Essen bereits der nächste Umzug nach Berlin ansteht. Wieder beginnen sie von vorne, aber dieses Mal sind die Familienmitglieder mit einer eigenen Kamera ausgestattet. Sie dokumentieren ihr neues Leben in Berlin und die Schwierigkeiten des Alltags im fremden Land – von Sprachproblemen über bürokratische Hürden bis hin zu verspäteten Gehaltszahlungen. Spontane Momente werden eingefangen, gleichzeitig sind einzelne Abschnitte offenkundig inszeniert und auch die Kinder probieren sich schauspielerisch aus. Talente werden entdeckt und kreative Energie freigesetzt, immer ein Stück weit von Colorados vorgelesenen Tagebucheinträgen geleitet, die gleichermaßen als Drehbuch dienen und das Gezeigte kontextualisieren. Mit viel Humor, aber auch Melancholie, werden Frustration und Hoffnung genauso wie Ausgrenzung und familiärer Zusammenhalt gegenübergestellt. Die Berliner Parks werden zu Schauplätzen der Unbeschwertheit, die Straßen zu Kulissen eines grandiosen Musikvideos für den eigens komponierten Titelsong der Velcu-Saga und bei einem Besuch in Rumänien wird ein Parkplatz zur Tanzfläche. In enger Kollaboration entsteht ein vielschichtige audiovisuelle Collage, die Aufnahmen der Familie mit Scheffners Material vermischt und neben der inhaltlichen auch eine formale Vielfalt entstehen lässt: von verpixelten Handyvideos bis zu HD-Aufnahmen ist fast alles dabei.

Die besondere Form der Partizipation derer, die zugleich die ProtagonistInnen des Films sind, führt zu einer Umkehrung von Beobachterpositionen, die Beobachteten werfen den Blick zurück und sind gleichzeitig die Beobachtenden. Der Fokus liegt nicht auf Fremd-, sondern Selbstdarstellung, auch als autoethnografischer Gegenentwurf zu gängigen Medienbildern und Stereotypen von Roma-Familien. Sie erzählen ihre eigene Geschichte, experimentieren mit filmischen Möglichkeiten und inszenieren sich letztendlich selbst in eine mögliche Zukunft hinein. Der Traum von einem anderen Leben wird bereits in Revision thematisiert, als einer der Velcu-Brüder am Ende des Films über die Wünsche und Hoffnungen ihres verstorbenen Vaters Grigore Velcu spricht. (1992 wurden er und Eudache Calderar – beide rumänische Roma auf der Flucht nach Deutschland – von zwei Jägern an der deutsch-polnischen Grenze erschossen, ein Fall der nie vollständig aufgeklärt wurde und von Scheffner in seinem Film minutiös aufgerollt wird.) Wäre der tragische Tod des Vaters nicht gewesen, würden sie jetzt vielleicht in Deutschland leben, sagt er. Vielleicht ginge es ihnen dann gut und sie hätten eine bessere Perspektive, wenn das nicht passiert wäre. Wie alle Eltern habe sich ihr Vater nur eine bessere Zukunft für die Familie gewünscht. Genau hier setzt And-Ek Ghes… an und überträgt diese Rolle gewissermaßen auf Colorado Velcu, der sich nun ebenfalls auf die Suche nach einer besseren Zukunft für seine Kinder, seine Schwestern und deren Familien macht. So ist der Titel des Films mehr als nur eine märchenhafte Einführung, er birgt ein Versprechen, einen Traum, an dem die Familie festhält und ihre unermüdliche Hoffnung knüpft: Eines Tages wird es besser sein, eines Tages können sie das Leben führen, das sie sich wünschen. Egal, wie oft sie dabei von vorne anfangen müssen.

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Wir zeigen And-Ek Ghes… als Auftakt der 12. Staffel der CINEMATHEK am Mittwoch, den 02.11.2016, um 19 Uhr im Universum Filmtheater. Für Studierende gilt wie immer ein ermäßigter Eintrittspreis von 5,50 € (regulär: 8 €)

And-Ek Ghes…, D 2016, 94′
Regie: Philip Scheffner, Colorado Velcu
Buch: Colorado Velcu, Merle Kröger, Philip Scheffner
Kamera: Colorado Velcu, Philip Scheffner, Parizan Nistor, Casino Nistor, Mario Ilie, Emporio Ilie, Noami Nistor, Fecioara Velcu, Zefir Chiciu, Jeckichan Velcu, Rața Miclescu, Calil Velcu, Donadoni Miclescu, Bernd Meiners u.a.
Schnitt: Philip Scheffner
Verleih & Bildrechte: Grandfilm
Kinostart: 22.09.2016

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